Rekordverdächtig

Eine renommierte Hochschule, ein britischer Professor und (s)eine Klasse. Kommunikationsdesign an der Staatlichen Hochschule der Künste Stuttgart bei Patrick Thomas. Eine Aufgabe, die möglicherweise in einen Weltrekord mündet. 39 Grad Lufttemperatur und garantiert wasserbasierte Siebruck- Farben aus Belgien, umwelt- und gesundheitsfreundlich, abwaschbar.

Von Samstag 12 Uhr bis Sonntag 12 Uhr entstehen 396 Drucke, 60 x 90 cm. Gesamtfläche 213,84 Quadratmeter. Fast jeder Einzeldruck ein Unikat, zusammengepuzzelt ergeben sie ein großes Ganzes. Nur: die Enthüllung des Gesamtkunstwerks ist zunächst mal verschoben. Aufkommender Wind verhindert die Auslegung auf dem Campus der AKA. Das wird dieser Tage in einer Turnhalle nachgeholt. Denn von oben bietet sich dann der Blick auf … etwas, was die Druckwelt revolutionierte.

Mehr wird nicht verraten. Nur soviel: wer die wackeren Studenten unterstützen will, kann zum Preis von 15 Euro eines der 396 Plakate erwerben. Spenden werden gerne angenommen, versteht sich…unter printmarathon@gmail.com

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Grenzerfahrung

Recherchereise im Grenzgebiet. Links Baden-Württemberg – rechts der Freistaat Bayern. Was trennt die Menschen hier, was verbindet sie ? Im Sommer werden SWR und BR gemeinsam eine Woche lang unterwegs sein. Auch das wird eine spannende Grenzerfahrung. Wie ticken die Kollegen aus München, warum machen wir Stuttgarter vieles ganz anders, schaffen wir es gemeinsam, jeden Tag 40 Minuten live spannende Geschichten zu erzählen ?

Boomtown, 2. Teil

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Irgendwie sind die Iren doch ganz schön fortschrittlich: das überwältigende „Tá“ zur Homo-Ehe ist ein deutliches Signal, vor allem eines in Richtung katholische Kirche. Fortschrittsgäubig, so lässt sich am ehesten die Wirtschaft in Irland bezeichnen. Zumindest bis zum großen Crash im Jahr 2008 – der „irische Tiger“ lag über Nacht platt am Boden.Schlendert man heute durch Dublin, so fällt auf, dass fast die Hälfte der im Boom gebauten Bürogebäude nach wie vor leer stehen, etliche private Stadthäuser stehen immer noch zum Verkauf. Von den Folgen der damaligen Immobilienblase spürt man in den Docklands nichts. Grand Canal Dock ist das Zentrum eines neuen Booms. Die Europazentrale von Google sitzt dort, Facebook natürlich auch, Microsoft und Twitter – dem laxen Datenschutz auf der Insel sei Dank. Die staatliche Datenschutzbehörde hat gerade mal 30 Mitarbeiter und resisiert in einem Dubliner Vorort, standesgemäß über einem Supermarkt. Welch ein Kontrastprogramm zum architektonischen Prunk am Grand Canal Dock. Die Bank of Ireland leuchten in Spektralfarben, das Marker Hotel sieht aus wie ein überdimensioniertes Schachbrett, die futuristische Samuel Beckett Brücke ist – natürlich – einer Harfe nachempfunden. Und als Krönung:Das Theater von Daniel Libeskind, einstürzende Neubauten in Perfektion. Bis jetzt geht der Plan auf: mit fünf Prozent Wirtschaftswachstum steht Irland derzeit an der Spitze in Europa. Mal abwarten, wie lange das diesmal gutgeht.

Aillte an Mhothair

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Hier hätte der Meister des suspense, Alfred Hitchcock, problemlos seinen Film „Vertigo“ inszenieren können. Wer Schwindelgefühle hat, dem sei von einem Besuch der Cliffs of Moher an der irischen Südwest-Küste abgeraten. Und wer in diese karge Ecke reist, um seinem Leben ein Ende zu setzen, dem sei die Telefonnummer der Samariter empfohlen, die unübersehbar vor der Abbbruchkante in den Atlantischen Ozean auf einem Schild prangt. Manche Selbstmord-Kandidaten sind aber sowieso mit dem Selfie-Stick unterwegs. Atemberaubend, wie dämlich man sein kann, um daheim mit einem besonders spektakulären Foto zu glänzen. Spektakulär sind die Klippen von ganz alleine. Bemerkenswert ist außerdem, wie wenig Tote es an den Klippen gibt: der Wanderweg, rund 140 Meter über dem tosenden Meer, ist nur an ganz wenigen Stellen gesichert. Nach der Kante geht es nur noch bergab.

Leabharlann Choláiste na Tríonóide

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Bücher – Bücher – Bücher. Soweit das Auge reicht. Um die 4,5 Millionen Stück, fein säuberlich verstaut in Regalen. Die 200 000 prächtigsten Werke aufgereiht im „Long Room“, dem großartigen Lese- und Showroom des Trinity College in Dublin, bewacht von den Koryphäen des geschriebenen Wortes. 60 Meter lang, 12 Meter breit, etwa 15 Meter hoch – ein Weltwunder. Und jedes Jahr kommen einige tausend Bücher dazu. Das Trinity College hat ein Privileg: ein Exemplar von jedem Buch, das in Irland oder Großbritannien erscheint, muß der Universität von Dublin abgeliefert werden. Kostenfrei natürlich.

Schmuckkästchen

Paraiso, die historische Altstadt von Porto Maurizio oberhalb der Basilika, hat schwere Jahre hinter sich. Das Gasengewirr mit den eigentlich schönen und lauschigen Plätzen war ziemlich in die Jahre gekommen: bröckelnde Fassaden, die Pflastersteine aufgeplatzt, in den Häusern wollte kaum noch jemand wirklich wohnen. In den letzten Jahren haben Stadt und Region einiges an Geld in die Hand genommen, um die Hügel-Altstadt wieder zu ertüchtigen. Herausgekommen ist ein wirklich schönes Quartier, das jetzt „nur“ noch mit dem typisch südländischen Leben auf der Straße erfüllt werden muß. Zwischen Santa Chiara, Palazzo Lavagno und Via Zara ist genügend Platz dafür, es fehlen noch Cafés und Restaurants wie die Osteria dell´ Olio grosso, die seit Jahren mit einer guten Fischkarte viele Stammgäste auf den Hügel lockt. Wer sich übrigens die Parkplatzsuche oder den Aufstieg sparen will, der nimmt den Fahrstuhl, der in zwei Etappen vom Hafen von Null auf 50 Meter führt.

Doppel in Dolceaqua

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Die alte Brücke über die Nervia – vielfotografiertes Bilderbuchmotiv in Dolceaqua. Sie ist uralt, stammt wohl aus dem 13. Jahrhundert und ist mit einem mächtigen Bogen von fast 30 Metern ein Meisterwerk der Bautechnik. Angeblich soll diese Brücke unterhalb der Doria-Burg Claude Monet zu einem Gemälde angeregt haben.Der Olivenbaum im Vordergrund ist deutlich jünger, aber nicht weniger filigran. Dolceaqua, eine der wenigen Gemeinden in Ligurien mit nennenswertem Weinbau, ist bei einer Tour durchs Hinterland einen längeren Abstecher wert.Enge, steile und dunkle Gassen, kleine Kunshandwerksläden und pittoreske Ausblicke, konzentriert auf die bezaubernde Alstadt zwischen Fluss und Burg.

Willkommen in Seborga

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Ich bin mir nicht sicher, ob der Blumenhändler Giorgio Carbone irgendetwas mit dem Begriff Marketing anfangen konnte. Aber egal:irgendwann in den 60er Jahren hatte sich der bärtige Kerl mit der Geschichte seines Heimatortes beschäftigt und verblüfft entdeckt, dass Seborga, die kleine Berggemeinde oberhalb von XXmiglia, niemals wirklich zu Italien gehört hat.Es gibt, so stellte er fest, nirgendwo ein entsprechendes Dokument, also muß die Erklärung von 1076 weiter gelten, als Seborga zum Fürstentum des Römischen Reiches ausgerufen wurde. Beim Wiener Kongress wurde das Zwegfürstentum irgendwie übersehen und auch bei der Gründung der Republik Italien hat man Seborga dummerweise vergessen. Diese bizarre Geschichte brachte es sogar zu Geschichten im MERIAN und im SPIEGEL – das können nur wenige der kleinen Provinznester an der ligurischen Riviera von sich behaupten.

Der Blumenhändler wurde ob seiner Verdienste um die Geschichte des Ortes zum Fürsten gewählt und durfte sich fortan Giorgio I nennen, regierte über 40 Jahre lang und starb im Jahr 2009. In diesen Jahren hat sich in Seborga vieles verändert. Bei der Einfahrt in das Bergdorf passiert man ein weiß-blaues Grenzhäuschen, die Gebäude des Dorfes sind alle feierlich beflaggt, es gibt eigene Briefmarken, eine eigene Währung, eine Nationalhymne und viele Devotionalien, die vom Ruhm des Fürstentums künden. Was macht es da schon, dass kein Staat der Welt Seborga anerkennen will und Währung und Briefmarke zwar kosten, aber eigentlich keinen Cent wert sind. Immerhin haben es die Seborghini geschafft, dass sich folkloristisch interessierte Urlauber auf den kurvenreichen Weg in das Bergfürstentum machen. Nun gut, viele ist an diesem sonnigen Frühlingstag etwas übertrieben, es waren zur Mittagszeit insgesamt acht – zwei Deutsche, drei Luxemburger und drei Engländer. Aber immerhin:Seborga lebt einigermaßen von dieser Attraktion – im Gegensatz zu anderen Bergdörfern, die an demographische Auszehrung leiden.

Inzwischen gibt es auch einen neuen Fürsten:Marcello I, ein gebürtiger Schweizer, der den Einfallsreichtum seines Vorgängers nahtlos fortgeführt hat. Er träumt davon, Investoren für ein 5-Sterne-Hotel nebst Golfplatz zu finden und damit Arbeitsplätze zu schaffen. Das wird ihm gottlob nie gelingen, viel wichtiger wird es sein, Kindergarten und Grundschule zu erhalten. Die Seborghini selbst sehen das emsige Treiben des Fürsten gelassen, so wie sie mit großer Lässigkeit das blau-weiße Treiben verfolgen. Sie können sich ja im Dorfrestaurant mit dem fantastischen Blick auf die Küstenlinie trösten. Ganz im Hintergrund sieht man die Hochhäuser von Monaco – und Monaco ist schließlich das warnende Beispiel dafür, wohin eine Marketing-Idee auch führen kann.

Startklar: Il moletto

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Noch so ein „place to be“ an der ligurischen Riviera: „Il moletto“ an der neuen Marina von Imperia. Es ist wahrscheinlich der Platz mit der allerschönsten Aussicht auf die bezaubernde Altstadt („Paraiso“) von Porto Maurizio. Auch hier sind, wie im „La Rabina“ in Oneglia, junge und enthusiastische Menschen am Werk, die frischen Wind in die doch leicht überalterte Strandlandschaft an der Riviera dei Fiori bringen – mit gechillter Musik, DJs, guten Drinks – und amerikanischem Fastfood, aber hausgemacht.Das Konzept kommt irgenwie bekannt vor, funktioniert aber. „Il moletto“ hat auch einen winzigen Strandabschnitt, grade mal fünf Meter breit, darüber terrassierte Liegeflächen. Nur: wer will bei dieser Aussicht wirklich schwimmen? Und abends flaniert man sowieso an den sündhaft teuren Protzjachten vorbei und lässt sich dann auf einen Cocktail nieder,während die Sonne langsam hinter „Paraiso“ untergeht.

Schnee-Ersatz

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Normalerweise pfeift zu dieser Jahreszeit ein eiskalter Wind über das „Schmidener Feld“, die Obst- und Getreidekammer, die den Übergang zwischen dem Stuttgarter Kessel und dem Remstal bildet. Normalerweise liegt auch eine dünne Schneedecke über den Getreidestoppelfeldern und unter den Füßen knirscht das Eis. Immerhin: auch bei lauen 15 Grad bietet die Kapelle auf dem Rotenberg die gewohnt edle Kulisse für einen Spaziergang.

Weltpremiere

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Money makes the world go round – Prinz Philipp von und zu Liechtenstein von der privaten LGT Bank.

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Nazis versus Klerus: eine Spielszene aus der Dokumentation von Jürgen Kindle. (c) JKE

„Oben am jungen Rhein
Lehnet sich Liechtenstein
An Alpenhöh’n.
Dies liebe Heimatland,
Das teure Vaterland,
Hat Gottes weise Hand
Für uns erseh’n.“

Ja, ja, die Liechtensteiner. Nicht mal eine eigene Nationalhymne können sie sich leisten, müssen also diesen beanglosen Vers auf die Melodie von „God save the queen“ schmettern. Ansonsten aber fehlt es im sechstkleinsten Staat der Welt an nichts.

300 Jahre Geschichte in schlanken 52 Minuten erzählen – dieses Kunststück hat sich der Liechtensteiner Radioredakteur und Filmproduzent Jürgen Kindle vorgenommen. Vergangenen Freitag war Weltpremiere im kleinen Lichtspieltheater von Balzers. Und weil es sich um die allererste größere Dokumentation über das Fürstenstum gehandelt hat, war die gesamte Staatsspitze vertreten – angefangen bei den Repräsentanten des Fürstenhauses über die aktuelle Regierung bis hin zu den Finanz-Strippenziehern, die sich, dem Land und vielen ausländischen Geldanlegern und Steuerhinterziehern ein Vermögen zusammengetragen haben.

Im leicht ramponierten Kinosaal waren einige Milliarden Franken anwesend. Alleine Hans Adam II wird auf ein Privatvermögen von über sieben Milliarden Schweizer Franken taxiert. Mit im Zuschauerraum auch sein Sohn, Erbprinz Alois (der die Geschicke des Hauses führt) nebst Gattin Prinzessin Sophie, die sich ebenfalls an der kinoreif erzählten Landesgeschichte unter dem Titel „1818 – Die Liechtenstein-Saga“ erfreuten. Unter den Ehrengästen zudem Herbert Batliner, der Finanzberater, der das milliardenschwere Steuersparmodell der Familienstiftung erfunden und zu wahrer Blüte geführt hatte – und der zu den Co-Finanziers der Geschichtsdoku gehörte.

Die Idee zu diesem Film freilich hatte der umtriebige Jürgen Kindle. Vier Jahre hat er als Produzent erst das Geld zusammen getrommelt und dann die Weichen für die Produktion gestellt. Mit Lew Hohmann hat er schließlich einen erfahrenen Regisseur und Autor gefunden, der die komplette Crew quasi im Gepäck dabei hatte – unter anderem den tadellosen jungen Kameramann Christian Huck und den Soundbastler Dirk Lange. Krönung war schließlich die Verpflichtung von Friedrich von Thun als Erzähler, der in der Vorauswahl Bruno Ganz ausgestochen und der durch seine eigene Familiengeschichte schon Kontakte ins Haus Liechtenstein hatte.

Herausgekommen ist eine sehenswerte Dokumentation, eine Mischung aus historischen Dokumenten, vielen geschichtlichen Fakten, gut gemachten Spielszenen (reenactment) und Interviews mit den wichtigsten Liechtensteinern. Insgesamt eine optisch überzeugende, süffig erzählte Nachhilfestunde für uns Nicht-Lichtensteinkenner, die freilich viele Fragen nur antextet. Eine wirklich kritische „Abrechung“ mit dem Hause Liechtenstein war nun auch wirklich nicht zu erwarten

Unterm Strich wird die Geschichte erzählt, wie sich Liechtenstein vom armen Bauern-Fürstentum, hervorgegangen aus der verarmten Herrschaft Schellenberg und der Grafschaft Vaduz, zu einer konstitutionellen Erbmonarchie entwickelte, die keine Staatsschulden kennt – und keine wirkliche Kritik am Fürstenhaus, das sich laut Verfassung mit dem Volk die Macht im kleinen Ländchen teilt.

Trotzdem: die Weltpremiere des Films in Balzers war ein interessanter Ausflug in die kleine, heile Liechtensteiner Welt. Ein Geldkosmos, in dem jeder jeden zu kennen scheint, in dem man zusammenhält und in dem man auch
mal schweigen kann, wenn es denn sein muss.