Terra Brigaska

Fernweh, Stuttgart

Von den vielen kleinen Volksstämmen in den vielen kleinen Alpentäler kennt man sie wahrscheinlich am wenigsten: die Brigasker, ein Hirtenvolk, das rund um den Monte Sacarello sowohl auf italienischer wie auch auf französischer Seite lebt und siedelt. Ihre Blütezeit hatten die Brigasker im 19. Jahrhundert, als sie mit den Ziegen und Schafen jedes Jahr im Bergwinter an die ligurische Küste und dann weiter Richtung Marseille zogen, dabei Fleisch und Wolle verkauften. Später ging es wieder zurück in die Bergdörfer. „Inverse Transhumanz“ nennt der Alpenexperte Werner Bätzing in seinem „Kleinen Alpenlexikon“ diese Form der saisonalen Emmigration. Das Wandertum der männlichen Dorfbewohner erschloß nicht nur neue Einkommensquellen, sondern schonte auch die kargen Wintervorräte für jene, die im Dorf blieben. Mit dem in der Fremde verdienten Geld konnten die Häuser und Ställe gehalten werden. Im 20. Jahrhundert war es damit vorbei, die Küstenlinie zersiedelt und die Wanderschäfer nicht mehr willkommen.

Realdo, das vorletzte Dort im Valle Argentina, war dabei auf ligurischer Seite die Hochburg der Brigasker, auf französischer Seite ist es La Brigue, italienisch: Briga Marittima. Diese Gemeinde hat bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges zu Italien gehört. Die Sprache der Brigasker, eine Abwandlung des Ligurischen mit noch mehr Umlauten, gilt als eine der sterbenden Sprachen in Europa und wird von einem Kulturverein und den wenigen Brigaskern gepflegt. In Realdo sind die Hinweisschilder in dieser Sprache gehalten, die wenigen Nachfahren der Hirten, zumeist ältere Damen und Herren, sprechen dieses lustige Kauderwelsch im Dorf und auf der Straße.

Das Dorf, spektakulär gelegen auf einer 200 Meter steil abfallenden Felswand über dem Argentino, füllt sich aber wieder mit Leben. Menschen ziehen hier hin oder wieder zurück in dieses verwinkelte Dorf mit seinen typischen Holz-Veranden. Die typischen Berghäuser werden restauriert, ein kleines Museum informiert über die Geschichte der Brigasker. Der Erhalt der ausgestorbenen Hirtenkultur ist allen ein echtes Anliegen – auch ohne Ziegen und Schafe.

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Der Hügel der Köpfe

Fernweh

Ein mächtiger Mann – muskulös,braungebrannt,glatzköpfig – steht auf einem Hügel und bearbeitet ein mächtiges Stück Stein. Kalkstein aus dem Finalese. Es ist heiß zwischen den Pinien auf dem Bergrücken, die Sonne brennt ins weite Tal des Arroscia, unweit von Albenga. Der Mann schlägt wütend seltsame Zeichen in den Stein, begutachtet sein Werk, wischt sich den Schweiß von der Stirn. Nach Wochen erst ist er zufrieden – und er lässt den Blick weit ins Land schweifen, über die sanften Hügel bis nach vorne ans Meer.

So oder so ähnlich muss man sich Rainer Kriester in seiner Wahlheimat Castellaro vorstellen. Rainer Kriester – eine deutsche Künstlerkarriere, die in Ligurien ihr Ende fand. Geboren im Vogtland, Studium der Medizin in der DDR, im Gefängnis wegen „Staatsverleugnung“ – dann der Bruch: Kunststudium im „freien Westen“, Stipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes, später Dozent an der UdK in Berlin. Und dazwischen immer wieder Italien, Ligurien, Castellaro bei Vendone. Hier hat er der Gemeinde einen Hügel abgeschwatzt – er wird Mieter eines geschichtsträchtigen Flecken Erde mit zwei Sarazenentürmen.

Und arbeitet, Stein um Stein. Markant die Riesen-Köpfe, profilige Schädel mit Helm, dann die Steine mit Hyroglyphen, so als ob sie Außerirdischen den richtigen Landepunkt auf dieser Erde zeigen wollen – und das große Tor zum weiten Meer, zur weiten Ebene bei Albenga, in der guter Wein gedeiht, viel Gemüse angebaut wird und große Historie daheim ist. Kriester pendelt zwischen Berlin und Castellaro, seinen Frieden findet der von seiner persönlichen und der deutschen Geschichte Getriebene aber in Ligurien.

Im Mai 2002 stirbt Kriester in Italien, hier ist er auch beigesetzt. Seine Witwe gründet die Stiftung Rainer Kriester, vermacht über 30 Werke der Gemeinde. Auf den Hügel bei den beiden Türmen, etwas außerhalb der Gemeinde, sind sie frei zugänglich. Imposant die Werke, imposant die Lage. Besonders schön am frühen Abend, wenn die untergehende Sonne ein weiches Schräglicht auf den Hügel wirft. Nur eines stört: die Stechmücken – also: beim lohnenswerten Besuch in Castellaro unbedingt vorher dick einsalben.

Über den Passo di Teglia

Fernweh

Es gibt nur zwei Möglichkeiten, ins Valle Argentina im ligurischen Hinterland zu kommen. Die übliche, die Anfahrt von der zersiedelten Küste bei Arma di Taggia mit vielen Industriegebieten und der mächtigen Autabahnbrücke über das Tal, ist gewiss nicht die attraktivste. Man kann aber auch von einem der Seitentäler ins Argentina hineinfahren, muss dazu aber einen Pass überwinden, wie zum Beispiel den Passo di Teglia, wenn man vom Maro-Tal über San Bernardo di Conio nach Molini di Triora fährt. Bis auf fast 1 300 Metereehöhe schraubt sich die kleine Straße auf der Maro-Seite durch schöne Eichen- und Kastanienwälderhinauf, um dann schroff durch nackte Felswände ins andere Tal hinabzufallen. Unterwegs macht man immer wieder ein Päuschen, einerseits um die spektakuläre Aussicht nach vorne ans Meer, ins Argentina-Tal hinein und zum Monte Sacarello zu genießen, der das Tal wie ein Sperr-Riegel Richtung Piemont abzuschließen, andererseits um den Stoßdämpfern eine kleine Pause zu gönnen. Besonders schön ist der Ausblick von der Capella di San Bernardo oberhalb von Andagna. Das hintere Argentina-Tal verspricht dann einiges an Augenfutter.

Geschafft

Stuttgart

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SO sieht das also aus, wenn 396 Einzelplakate ein großes Ganzes ergeben. Die Studenten der Klasse von Patrick Thomas an der Stuttgarter AKA haben damit mutmaßlich einen neuen Druck-Weltrekord geschafft. Auf einen Eintrag ins Guiness-Buch haben die Grafik-Studenten bewußt verzichtet – die Gebühren wären höher gewesen als die Gesamtkosten des Print-Marathons. Das Gutenberg „A“, also der erste Buchstabe der modernen Druckkunst, war nur ein flüchtiges Kunstwerk: die Einzelplakate wurden und werden noch verkauft, natürlich mit Zertifikat.

Grenzenlos

Stuttgart

SWR und BR eine Woche lang gemeinsam unterwegs an der Grenze zwischen Baden-Württemberg und Bayern. Eine tolle TV-Aktion, die von dreieinhalb Millionen Zuschauern verfolgt wurde. Und ein wahnsinnig tolles Team, zusammengewürfelt aus Stuttgart, München und Baden-Baden. So macht Fernsehen Spaß – den Zuschauern und den Machern.

Rekordverdächtig

Stuttgart

Eine renommierte Hochschule, ein britischer Professor und (s)eine Klasse. Kommunikationsdesign an der Staatlichen Hochschule der Künste Stuttgart bei Patrick Thomas. Eine Aufgabe, die möglicherweise in einen Weltrekord mündet. 39 Grad Lufttemperatur und garantiert wasserbasierte Siebruck- Farben aus Belgien, umwelt- und gesundheitsfreundlich, abwaschbar.

Von Samstag 12 Uhr bis Sonntag 12 Uhr entstehen 396 Drucke, 60 x 90 cm. Gesamtfläche 213,84 Quadratmeter. Fast jeder Einzeldruck ein Unikat, zusammengepuzzelt ergeben sie ein großes Ganzes. Nur: die Enthüllung des Gesamtkunstwerks ist zunächst mal verschoben. Aufkommender Wind verhindert die Auslegung auf dem Campus der AKA. Das wird dieser Tage in einer Turnhalle nachgeholt. Denn von oben bietet sich dann der Blick auf … etwas, was die Druckwelt revolutionierte.

Mehr wird nicht verraten. Nur soviel: wer die wackeren Studenten unterstützen will, kann zum Preis von 15 Euro eines der 396 Plakate erwerben. Spenden werden gerne angenommen, versteht sich…unter printmarathon@gmail.com

Grenzerfahrung

Stuttgart

Recherchereise im Grenzgebiet. Links Baden-Württemberg – rechts der Freistaat Bayern. Was trennt die Menschen hier, was verbindet sie ? Im Sommer werden SWR und BR gemeinsam eine Woche lang unterwegs sein. Auch das wird eine spannende Grenzerfahrung. Wie ticken die Kollegen aus München, warum machen wir Stuttgarter vieles ganz anders, schaffen wir es gemeinsam, jeden Tag 40 Minuten live spannende Geschichten zu erzählen ?

Boomtown, 2. Teil

Fernweh

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Irgendwie sind die Iren doch ganz schön fortschrittlich: das überwältigende „Tá“ zur Homo-Ehe ist ein deutliches Signal, vor allem eines in Richtung katholische Kirche. Fortschrittsgäubig, so lässt sich am ehesten die Wirtschaft in Irland bezeichnen. Zumindest bis zum großen Crash im Jahr 2008 – der „irische Tiger“ lag über Nacht platt am Boden.Schlendert man heute durch Dublin, so fällt auf, dass fast die Hälfte der im Boom gebauten Bürogebäude nach wie vor leer stehen, etliche private Stadthäuser stehen immer noch zum Verkauf. Von den Folgen der damaligen Immobilienblase spürt man in den Docklands nichts. Grand Canal Dock ist das Zentrum eines neuen Booms. Die Europazentrale von Google sitzt dort, Facebook natürlich auch, Microsoft und Twitter – dem laxen Datenschutz auf der Insel sei Dank. Die staatliche Datenschutzbehörde hat gerade mal 30 Mitarbeiter und resisiert in einem Dubliner Vorort, standesgemäß über einem Supermarkt. Welch ein Kontrastprogramm zum architektonischen Prunk am Grand Canal Dock. Die Bank of Ireland leuchten in Spektralfarben, das Marker Hotel sieht aus wie ein überdimensioniertes Schachbrett, die futuristische Samuel Beckett Brücke ist – natürlich – einer Harfe nachempfunden. Und als Krönung:Das Theater von Daniel Libeskind, einstürzende Neubauten in Perfektion. Bis jetzt geht der Plan auf: mit fünf Prozent Wirtschaftswachstum steht Irland derzeit an der Spitze in Europa. Mal abwarten, wie lange das diesmal gutgeht.

Aillte an Mhothair

Fernweh

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Hier hätte der Meister des suspense, Alfred Hitchcock, problemlos seinen Film „Vertigo“ inszenieren können. Wer Schwindelgefühle hat, dem sei von einem Besuch der Cliffs of Moher an der irischen Südwest-Küste abgeraten. Und wer in diese karge Ecke reist, um seinem Leben ein Ende zu setzen, dem sei die Telefonnummer der Samariter empfohlen, die unübersehbar vor der Abbbruchkante in den Atlantischen Ozean auf einem Schild prangt. Manche Selbstmord-Kandidaten sind aber sowieso mit dem Selfie-Stick unterwegs. Atemberaubend, wie dämlich man sein kann, um daheim mit einem besonders spektakulären Foto zu glänzen. Spektakulär sind die Klippen von ganz alleine. Bemerkenswert ist außerdem, wie wenig Tote es an den Klippen gibt: der Wanderweg, rund 140 Meter über dem tosenden Meer, ist nur an ganz wenigen Stellen gesichert. Nach der Kante geht es nur noch bergab.

Leabharlann Choláiste na Tríonóide

Fernweh

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Bücher – Bücher – Bücher. Soweit das Auge reicht. Um die 4,5 Millionen Stück, fein säuberlich verstaut in Regalen. Die 200 000 prächtigsten Werke aufgereiht im „Long Room“, dem großartigen Lese- und Showroom des Trinity College in Dublin, bewacht von den Koryphäen des geschriebenen Wortes. 60 Meter lang, 12 Meter breit, etwa 15 Meter hoch – ein Weltwunder. Und jedes Jahr kommen einige tausend Bücher dazu. Das Trinity College hat ein Privileg: ein Exemplar von jedem Buch, das in Irland oder Großbritannien erscheint, muß der Universität von Dublin abgeliefert werden. Kostenfrei natürlich.

Schmuckkästchen

Fernweh

Parasio, die historische Altstadt von Porto Maurizio oberhalb der Basilika, hat schwere Jahre hinter sich. Das Gasengewirr mit den eigentlich schönen und lauschigen Plätzen war ziemlich in die Jahre gekommen: bröckelnde Fassaden, die Pflastersteine aufgeplatzt, in den Häusern wollte kaum noch jemand wirklich wohnen. In den letzten Jahren haben Stadt und Region einiges an Geld in die Hand genommen, um die Hügel-Altstadt wieder zu ertüchtigen. Herausgekommen ist ein wirklich schönes Quartier, das jetzt „nur“ noch mit dem typisch südländischen Leben auf der Straße erfüllt werden muß. Zwischen Santa Chiara, Palazzo Lavagno und Via Zara ist genügend Platz dafür, es fehlen noch Cafés und Restaurants wie die Osteria dell´ Olio grosso, die seit Jahren mit einer guten Fischkarte viele Stammgäste auf den Hügel lockt. Wer sich übrigens die Parkplatzsuche oder den Aufstieg sparen will, der nimmt den Fahrstuhl, der in zwei Etappen vom Hafen von Null auf 50 Meter führt.