Blind date

Und wieder mal eine spektakuläre Kunstaktion an der AKA in Stuttgart:“105 x 150″. Das entspricht der Normgröße einer Postkarte. Die Klasse von Professor Patrick Thomas hat weltweit 2 000 Blanko-Postkarten verschickt, an renommierte Künstler ebenso wie an aufstrebende Talente oder Grafik-Studenten. Über 800 kamen zurück und werden ab heute verkauft – das Stück für 25 Euro. Der Reinerlös kommt den „Ärzten ohne Grenzen“ für ihre Arbeit mit Flüchtlingen zugute.
Das Spannende an der Aktion:die Absender waren verdeckt, man konnte sich also nicht an den großen Namen orientieren, sondern mußte einfach seinem guten Geschmack vertrauen.Ob es sich beim erworbenen Unikat also um einen echten Troxler oder das Werk eines NoNames handelt, stellt sich erst heraus, wenn man gekauft und bezahlt hat. Eine tolle Geschichte – zur Nachahmung dringend empfohlen.

Advertisements

Angies Bahnhof

Angie

Ja, das ist Angela Merkel ! Nein, das ist nicht Angela Merkel, wie sie in einigen Jahren bedröppelt aus dem Bauloch von Stuttgart 21 lugt und sich fragt „Wo sind meine Milliarden hin?“ ! Das ist die Kanzlerin, Modell Zitronenpresse. Weiterlesen

Bescherung

DSCN0043 Was war den das für ein erster Advent ? Mal wieder ist der Stuttgarter Weihnachtsmarkt völlig überfüllt von Horden eidgenössischer Reisegruppen. Und dann lässt ausgerechnet die „Bild am Sonntag“ die längst erwartete Bombe in die vorweihnachtliche Konsum-Stimmung platzen. Der neue Erdbahnhof in Stuttgart wird nicht 4, 5 Milliarden Euro (wofür eigentlich ?) kosten, sondern einen hohen dreistelligen Millionenbetrag mehr, vielleicht sogar eine Milliarde. Genau das sagen die Kritiker des Unsinn-Megaprojektes schon seit Jahren. Sogar der garantiert unverdächtige Bundesrechnungshof hat schon vor Jahren Gesamtkosten von mindestens 6,3 Milliarden ermittelt. Ernst genommen haben die Politiker weder die einen noch den anderen. Jetzt darf man gespannt sein, wie die glühenden S 21 Befürworter aus Wirtschaft, CDU und SPD sich jetzt aus der Sache winden. Wahrscheinlich sind die S 21 Gegner Schuld daran, weil sie mit ihren andauernden Protesten das Megaprojekt unnötig verzögern. Dass solch ein Projekt für die Bahn mindestens eine Nummer zu groß ist, fällt dann mal eben unter den Tisch. Das kennen wir doch. Und die Stuttgarter Presse macht sich wieder mal mitschuldig am Vertuschen. Weiterlesen

Heute im Park

EIGENTLICH wollte ich heute nur mal kurz die Nase an die frische Luft stecken, aber dieser Zauberwinter hat mich Kilometer um Kilometer durch den Park getrieben. Geblieben sind einige nette Impressionen und einige Zusatz-Kalorien, verursacht durch Rübli-Kuchen mit Schlagsahne. Muss ja auch mal sein…

Montag,18 Uhr

Die inzwischen 100. (in Worten: einhundert) von der sogenannten unabhängigen Presse „sogenannte Montagsdemo“ genannte Protestveranstaltung gegen Stuttgart 21. Heute, wie immer Punkt 18 Uhr. Zurück zu den Anfängen – an den Nordausgang, wo bis vergangenen Sommer noch der Nordflügel des Bonatz-Bahnhofs stand und der Platz für die Demonstrationen war. Der Nordflügel wurde platt gemacht, baulich passiert ist auf dem Kiesinger-Platz seitdem NICHTS.

Vor etwas mehr als zwei Jahren hat der Protest gegen den Erdbahnhof auf der Straße genau an dieser Stelle begonnen. Der Legende nach waren es fünf Aufrechte um Gangolf Stocker, lange Zeit Versammlungsleiter und mürbe gemacht durch unzählige Verfahren der Staatsanwaltschaft, weil er seinen Pflichten als ebensolcher nicht nachgekommen sei.

Heute waren über 10 000 da. Sechs Tage vor dem Volksentscheid ist die Stimmung heiter, entschlossen – und zuversichtlich. Walter Sittler, das prominente Aushängeschild, vor allem aber die tapfere Brigitte Dahlbender vom BUND, stimmen das Protestvolk auf den Sonntag ein. Es kann klappen mit einer Mehrheit, vielleicht wird sogar das Quorum erreicht. Endspurtstimmung, montags um 18 Uhr in Stuttgart.

JA zum NEIN

«Stimmen Sie der Gesetzesvorlage „Gesetz über die Ausübung von Kündigungsrechten bei den vertraglichen Vereinbarungen für das Bahnprojekt Stuttgart 21“ zu?»

Hä ? Was soll ich ? Ich bin doch nur gegen das Wahnsinnsprojekt des Erdbahnhofes in Stuttgart, das nach vorsichtigen Schätzungen 4,5 Milliarden, nach anderen Berechnungen sieben Milliarden kosten und die Stadt 15 Jahre in eine gigantische Baustelle verwandeln wird. Wir gehen also wieder wählen, aber haben wir überhaupt eine wirkliche Wahl ?

Werbung Contra Stuttgart 21

So einfach wird es mir nicht gemacht, weder von der Politik noch von den bestehenden Verträgen. Es geht bei der sogenannten Volksabstimmung grundsätzlich nicht darum, ob die Baden-Württemberger für oder gegen den neuen Tiefbahnhof sind, sondern darum, ob das Land über einen Ausstieg der zugesagten Kostenbeteiligung von über 800 Millionen Euro verhandeln soll. That`s it.

Das 33 % – Quorum der Volksabstimmung ist ohnehin schon undemokratisch hoch ( 2,5 Millionen Wahlbürger müssen mit JA also eigentlich mit NEIN stimmen); nun sorgt auch noch die Formulierung auf dem Stimmzettel dafür, dass wahrscheinlich ziemlich wenig Schwaben und Badener überhaupt Ende November zur Wahlurne schreiten.

Dachte ich zumindest bisher. Heute war landesweiter Aktionstag. Die Stimmung in Bad Cannstatt war prima, die Flyer gingen weg wie nix, die Konkurrenz der Bahnhofsfreunde hat nicht nur kümmerliche Argumente, sondern auch keine Besucher am Stand. Nebenan singt die Heilsarmee. Vielleicht hilft das. Mehr als die Reklame, die in Göppingen plakatiert wurde.

Pro Stuttgart 21 - Kampagne

Und nach der Abstimmung ? Ist eine Mehrheit für den Ausstieg auch eine Mehrheit gegen den Bahnhof, selbst wenn das Quorum wie zu erwarten nicht erreicht wird. Sozusagen eine moralische Mehrheit. Oder wie, oder was ? Und da bleibt noch die Bahn. Bringt sie irgendwie die 800 Millionen alleine auf, dann können ihr Grün-Rot und die Baden-Württemberger sowieso gestohlen bleiben. Dann wird gebaut – auf exterritorialem Gebiet. In diesem Wort steckt TERROR schon drin. Und der Erdbahnhof ist und bleibt, was die geschätzte Dora schon immer gesagt und gezeichnet hat:

(c) Dora Asemwald

Geisterstunde

Heute, am Vorabend von Halloween, ist mir doch etwas mulmig. Seit der Zeitumstellung ist es jetzt nach 19 Uhr schon sacknacht, wenn ich von der Montagsdemo am Hauptbahnhof nach Hause fahre und dann noch den dunklen Weg durch den Uff- Kirchhof vor mir habe. Die „ewigen Lichter“ zu Allerheiligen werfen ein schummriges Licht auf den Holperweg, der mitten durch die Grabstätten führt. Einmal tief Luft holen. Weiterlesen

365 x 24 x 60 x 60

Morgen ist mal wieder ein besonderer Tag in Stuttgart. Vor genau einem Jahr hat die Mahnwache am Nordflügel des Hauptbahnhofs ihr Zelt aufgeschlagen. Seitdem – ohne jede Unterbrechung – ist es die wahrscheinlich längste Rund-um-die-Uhr-Protestwache in der deutschen Geschichte. Zeit zum Feiern – Zeit zum Grübeln.

Diese Diashow benötigt JavaScript.

An Montagen geht man natürlich bei der Mahnwache vorbei, vor der Demo, versorgt sich mit neuesten Flyern und gelegentlich mit den witzigen und kreativen Buttons gegen Stuttgart 21, bewundert das Pflanzenwachstum im angelegten Mahnwachengärtchen, dort, wo früher einer der Bäume stand, die den übereilten Vorarbeiten für ein Technikgebäude weichen mußte. Zeit für ein kurzes Schwätzchen ist meistens, Zeit auch, was in die Spendenbüchsen zu stecken. Die Mahnwache finanziert sich ausschließlich aus Spenden – und lebt  vom ehrenamtlichen Engagement der Erdbahnhof-Gegner.

Im vergangenen Sommer ist dies der Platz, der für viele Stuttgarter den Alltag verändert. Jeden Tag stehen tausende vor dem Nordflügel, versuchen, den barbarischen Abbruch durch bloße Anwesenheit und Trillerpfeifen zu verhindern – viele haben Tränen in den Augen und eine unglaubliche Wut im Bauch, als der Bagger sich gnadenlos in das denkmalgeschützte Gebäude frisst. Entlang der Baustelle entsteht der Bauzaun, der zur touristischen Sehenswürdigkeit wird und bald im Haus der Geschichte zu sehen ist.

Mahnwache: bei Wind und Wetter, im Schneetreiben und bei brütender Hitze, bei Tag und in der Nacht,  rund um die Uhr. Etwa 600 Menschen sind es, die sich diesen Knochenjob teilen. Ihnen gilt meine aufrichtige Bewunderung. Ich selbst habe im vergangenen Jahr gemerkt, dass mir der Widerstand an die Substanz geht. Damals, als der Nordflügel abgebrochen wird, ich jeden Tag vor Ort bin, nachts bei jedem  Martinshorn fast aus dem Bett falle, immer besorgt, ob sich meine Jungs zurückhalten können und sich nicht von der Polizei und ihren Provokateuren aufheizen lassen.

Die Leute von der Mahnwache haben ihren Lebensrhythmus dem Widerstand angepasst. Ich kenne Leute, die haben, nachdem die Kinder flügge geworden sind und die Ehe gescheitert ist, im Widerstand eine neue Lebensaufgabe gefunden. Ich kenne auch Leute, die kriegen die Baggerbilder vom vergangenen Jahr und die Prügelbilder vom Herbst im Schloßgarten nicht mehr aus ihrem Kopf. Deshalb sind sie hier.

Morgen wollen wir sie hochleben lassen. Mit der unermüdlichen Compagnia Sackbahnhof, Schwoißfuaß, Joo Kraus und vielen anderen. Macht weiter – und bleibt oben ! !

Der Austroschwabe

Wenn ein Mensch in Australien geboren wird, in Wien aufwächst und als Künstler arbeitet, und erst im zarten Alter von etwa 40 Jahren ausgerechnet nach Stuttgart auswandert und sich dort niederlässt – dann ist er nach landläufiger Meinung entweder völlig durchgeknallt, oder: er hat nach meiner Meinung genau richtig gehandelt und sich und uns Stuttgartern einen großen Gefallen getan.

(c) Theiss-Verlag

Der Mensch heißt Heinrich Steinfest. Ich sehe ihn gelegentlich durch die Stadt gehen, den Mann mit dem Mecki, dem Bärtchen, der schicken Brille und seiner Tausche-Tasche. Ich habe das Gefühl, er packt in diese Tasche seine kleinen Alltagsgeschichten rein, die er später zu großen, umfassenden Betrachtungen zusammen bastelt. Er geht eigentlich nicht einfach durch die Stadt, ich habe das Gefühl, er beobachtet alles um ihn rum mit Röntgenblick. Er durchschaut die Menschen, er durchschaut Kumpaneien und Seilschaften, er durchschaut vor allem die angebliche Zwangsläufigkeit von geschlossenen Systemen – Familie, Wirtschaft, Politik.

In seinem Roman „Wo die Löwen weinen“ (einem wirklich lesenswerten und philosophisch tiefgründigen Krimi über Stuttgart 21 und die Machenschaften darum) schreibt er in seinem Nachwort unter anderem über die Skizzierung seiner Protagonisten:

“ Denn diese Projektsprechermenschen und Bürgermeistermenschen und Funktionärsmenschen sind auswechselbar – ihnen eine individuelle Note zu verleihen, indem man sie als Freunde der Kammermusik zeigt, als nachdenkliche Freizeitphilosophen, als Eltern, Partner, als Vasensammler, als Liebhaber alter Bücher, wenn schon nicht alter Bäume, als depressiv oder träumerisch, würde heißen, eine Illusion zu schaffen, die Illusion vom richtigen Leben im falschen. Aber diese Leute haben sich selbst in die Schablone begeben, in die Hülse, die ihre Sprache bestimmt. Sie wollten einst mehr als bloße Menschen sein, mehr als dem Menschen ziemt. Jetzt sind sie weniger“.

Heinrich Steinfest ist ein regelmäßiger und gerne gehörter Gast auf den  Montagsdemonstrationen und den gelegentlichen Großdemos. Heute ist er der richtig gewählte Kontrapunkt zur sachkundigen BUND-Frontfrau Brigitte Dahlbender und zum wie immer kämpferischen Theater-Regisseur Volker Lösch. 

Da Heinricht Steinfest nicht nur hörbar immer noch Wiener ist (seine knarrende Austrostimme ist unglaublich markant), sondern auch Wiener im Geiste, darf es nicht verwundern, dass er gelegentlich absonderlich wirkende Gedanken mit sich rumträgt, wie das die Wiener gelegentlich tun. Er hat es gerne mit Außerirdischen, was wohl wiederum mit der Sehnsucht der Wiener nach einem besseren Leben irgendwann mal zu tun hat. Steinfest streut in seine Romane und Essays immer wieder science-fiction-Szenen ein. Das macht den Blick auf das heute noch brutaler oder noch skurriler. Heute entführt die Zuhörer in die Matrix. Das System der S 21 Macher erinnert ihn an diesen Kinofilm, der Streit um den Erdbahnhof als realpolitische Simulation. Abhängigkeit als Motivation, alles zu tun, um dieses System nicht zu gefährden. Im Kino freilich gibt es mit Neo einen Helden, der die Unterdrückten befreit; in Stuttgart sucht man diesen Keanu Reaves-gleichen Helden vergeblich. Dafür findet man aber viele, viele kleine, sachkundige, friedliche… und renitente.

Heinrich Steinfest ist aus Stuttgart nicht mehr wegzudenken. Liebe Wiener – Danke für dieses Geschenk. Wir wissen es zu schätzen !

Chips,Chips, du-du-du-du-du

Jazz Open, Stuttgart Schloßplatz

Meine Nachbarin fragt mich, was das eigentlich für eine Musik sei. „Hmmmm …Jazz, etwas Swing, Gypsy, Kaffeehausmusik und Chanson“ antworte ich. Das ist alles irgendwie richtig, wird ihm aber irgendwie auch nicht gerecht. Paolo Conte meldet sich in Stuttgart zurück. Etwa 15 Jahre, nachdem ich ihn zum ersten und auch einzigen Mal gehört habe, damals in der Liederhalle. Über all die Jahre habe ich ihn etwas aus den Augen und den Ohren verloren. Nur gelegentlich, in der einen oder anderen Stuttgarter Bar, blitzt die Erinnerung auf: „It’s wonderful, it’s wonderful, I dream of you…Chips,Chips – du-du-du-du-du“.

Bei den Jazz Open, in diesem Jahr nach vielen Abstechern endlich an der richtigen Stelle , dem Innenhof des Neuen Schlosses, meldet sich der Mann mit dem Seehundschnauz zurück. Mit 74 Jahren, ein Schelm wie immer, gut gelaunt, das Kazoo sparsam eingesetzt. Komponist, Chansonnier, Rechtsanwalt, Maler – ein Universaltalent. Heute ohne Smoking, sonst sein Markenzeichen. Für edle Klamotten ist sein Orchester zuständig – und für den edlen Sound.

Conte spielt viele Stücke von seiner neuen, seiner 23. CD. „Nelson“, gewidmet dem Hund der Familie. Und natürlich „Via con me“, gleich zweimal. Die Leute vom Centro cultural italiano trampeln mit den Füßen. „It`s wonderful, it`s wonderful, du-du-du-du-du…“

Der Mann wirft einen langen Schatten