Der Hügel der Köpfe

Ein mächtiger Mann – muskulös,braungebrannt,glatzköpfig – steht auf einem Hügel und bearbeitet ein mächtiges Stück Stein. Kalkstein aus dem Finalese. Es ist heiß zwischen den Pinien auf dem Bergrücken, die Sonne brennt ins weite Tal des Arroscia, unweit von Albenga. Der Mann schlägt wütend seltsame Zeichen in den Stein, begutachtet sein Werk, wischt sich den Schweiß von der Stirn. Nach Wochen erst ist er zufrieden – und er lässt den Blick weit ins Land schweifen, über die sanften Hügel bis nach vorne ans Meer.

So oder so ähnlich muss man sich Rainer Kriester in seiner Wahlheimat Castellaro vorstellen. Rainer Kriester – eine deutsche Künstlerkarriere, die in Ligurien ihr Ende fand. Geboren im Vogtland, Studium der Medizin in der DDR, im Gefängnis wegen „Staatsverleugnung“ – dann der Bruch: Kunststudium im „freien Westen“, Stipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes, später Dozent an der UdK in Berlin. Und dazwischen immer wieder Italien, Ligurien, Castellaro bei Vendone. Hier hat er der Gemeinde einen Hügel abgeschwatzt – er wird Mieter eines geschichtsträchtigen Flecken Erde mit zwei Sarazenentürmen.

Und arbeitet, Stein um Stein. Markant die Riesen-Köpfe, profilige Schädel mit Helm, dann die Steine mit Hyroglyphen, so als ob sie Außerirdischen den richtigen Landepunkt auf dieser Erde zeigen wollen – und das große Tor zum weiten Meer, zur weiten Ebene bei Albenga, in der guter Wein gedeiht, viel Gemüse angebaut wird und große Historie daheim ist. Kriester pendelt zwischen Berlin und Castellaro, seinen Frieden findet der von seiner persönlichen und der deutschen Geschichte Getriebene aber in Ligurien.

Im Mai 2002 stirbt Kriester in Italien, hier ist er auch beigesetzt. Seine Witwe gründet die Stiftung Rainer Kriester, vermacht über 30 Werke der Gemeinde. Auf den Hügel bei den beiden Türmen, etwas außerhalb der Gemeinde, sind sie frei zugänglich. Imposant die Werke, imposant die Lage. Besonders schön am frühen Abend, wenn die untergehende Sonne ein weiches Schräglicht auf den Hügel wirft. Nur eines stört: die Stechmücken – also: beim lohnenswerten Besuch in Castellaro unbedingt vorher dick einsalben.

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