Von wegen Provinz

Bemerkenswertes

Aus Stuttgarter Sicht ist bekanntlich alles, was außerhalb des Talkessels liegt… Provinz. Nehmen wir mal den Breisgau und die Kurpfalz aus. Und je weiter man sich vom Nesenbach entfernt, desto tiefer wird diese Provinz. Verächtlich nennt der Großstädter deshalb die wunderschöne Gegend des „Madonnenländchens“ am Rande des Odenwals auch „Badisch Sibirien“. Und dann gibt es ja auch noch Hohenlohe!

HO! HEN! LO! HE! Nein danke, da möchte der vewöhte Snob aus dem Heusteigviertel nicht mal beerdigt werden. Hohenlohe ist Bauernland. Punkt. Und Bauernland ist allertiefste Provinz, oder? Komisch nur, dass der Städter – er kann es sich ja als Architekt oder Grafiker oder Rechtsanwalt leisten – beim Fleischer seines Vertrauens natürlich nur Schweinefleisch vom „Schwäbisch Hällischen Landschwein“ kauft und dafür auch tief in die Tasche greift.

Nur mal so: ohne die Landwirte in Hohenlohe wäre diese Rasse längst ausgestorben. Die Truppe um den Öko-Pionier Rudolf Bühler hat das schmackhafte Landschwein erst gerettet und dann wieder salonfähig gemacht, genauso das Limpurger Rind, schon in vergangenen Jahrhunderten als „Boeuf de Hohenlohe“ gerühmt an französischen Adelshäusern.

Die umtriebigen Bauern aus Hohenlohe machen seit Jahrzehnten von sich reden. Jetzt haben sie einen neuen Coup gelandet. Sie haben kurzerhand das Schloß in Kirchberg an der Jagst gekauft und daraus das Haus der Bauern gemacht, eine ökologisch ausgerichtete Akademie für nachhaltige Landwirtschaft und internationale Vernetzung. Agrarpioniere aus der ganzen Welt treffen sich hier zum Meinungsaustausch im ehemaligen Rittersaal. Welch Ironie der Geschichte! Dort wo früher die Landfürsten tafelten, die die ländliche Bevölkerung ausbeuteten und ausplünderten, haben jetzt die Bauern Platz genommen, um von Hohenlohe aus die Welt ein bisschen besser und gerechter zu machen.

Die Hohenloher waren schon immer Dickschädel. Das zeigte sich im Mittelalter an den revolutionären Bundschuh-Bauern – und das liegt in den Genen. Die Haupstadt ist weit weg, im ländlichen Biotop  genießt man diese Narrenfreiheit. Fast paradiesische Bedingungen für ganz besondere Menschen. Die Landschaft ist ein Traum, die Dörfer und Kleinstädte wirken irgendwie intakt, die Leute kennen und schätzen und brauchen sich. Vernetzung at it`s best.

So landen in dieser kargen Gegend auch Typen, die sich wahrscheinlich nie vorstellen konnten, einmal in Hohenlohe ihren Lebensmittelpunkt zu finden. In Kirchberg an der Jagst – natürlich im Schloß – leben etwa Nina und Klaus Sohl. Ein bezauberndes Paar, weitgereiste Dokumentarfilmer, sie haben sich eine traumhafte Wohung im Schloßturm gekauft und ausgebaut, und betreiben jetzt im Hof mal eben eine Eisdiele mit wunderbarem Heumilch-Eis. Neulich, beim traditionsreichen Kirchberger Büchermarkt, haben Nina und Klaus tausend Portionen ihres Eises verkauft … und in der Nacht Nachschub für die Besucher am Tag drauf produziert.

Natürlich: die Milch kommt von ausgewählten Landwirten der Gegend, die Nachbarn bringen Obst wie die aromatische Schloßbergbirnen vorbei, das Paar tüfftelt ständig an neuen Kreationen – und arbeitet nebenbei, aber wirklich nur nebenbei, an neuen Filmprojekten. Es ist ein ganz anderes Leben als auf Fuerteventura, wo beide lange gelebt und gearbeitet haben. Aber es ist ein gutes Leben. Im Moment.

Wer so lebt und arbeitet, der braucht gute Nachbarn und gute Freunde. Die haben sie hier reichlich gefunden, etwa Ursel und Antje, die in einem kleinen Weiler in der Nähe das Landgasthaus „Abraxa“ aufgemacht haben oder die Buchhändler, Künstler und Antiquare in der kleinen Stadt auf einem Bergsporn über der Jagst.

Das also soll Provinz sein. Vielleicht, aber es ist ein anderes, ein ehrliches, ein entschleunigtes Leben weit weg von der Stadt.

Und genau deshalb ist Hohenlohe genau die richtige Region, die wichtigen bäuerlichen Szenen für eine neue, große Dokumentation zu drehen. Unter anderem im Freilandmuseum Wackershofen fanden jetzt Dreharbeiten statt für den 90-Minuten-Film „Das Jahr ohne Sommer – wie das Cannstatter Volksfest entstand“. Mehr dazu bald.

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Das Jahr ohne Sommer

Bemerkenswertes

Eigentlich verdiene ich meine Brötchen mit ganz anderen TV-Formaten: Reisereportagen und Dokumentationen sind mein Metier. Aber jetzt hat mich schon wieder ein historischer Stoff gepackt. Nach dem 5-Teiler „Sagenhafter Südwesten“ geht es in diesem Jahr um eine unglaublich dramatische Etappe der württembergischen Geschichte. Im September 2018 wird das Cannstatter Volksfest – neben dem Oktoberfest in München das zweitgrösste Volksfest der Welt – 200 Jahre alt. Wie es zum Fest überhaupt gekommen ist, das wissen nicht mehr viele. Schon gar nicht die vielen hunderttausend Kids, die sich auf dem Wasen in Dirndl und Lederhosen allherbstlich die Kanne geben und Party feiern.

Gehen wir also mal 200 Jahre zurück – genauer: 203 Jahre. Im April 1815 fliegt in Indonesien der Vulkan Tambora in die Luft. Ein Jahr später erlebt Mitteleuropa das „Jahr ohne Sommer“. Während in Wien der Kongress tanzt, krepieren die gebeutelten Bauern in Württemberg. Es regnet und schneit einen Sommer lang – Weltuntergangsstimmung. Als der „dicke Friedrich“ stirbt (ausgerechnet an einer Lungenentzündung, verursacht durch die Wetterkatastrophe), beginnt die Regentschaft von Wilhelm I und seiner russischen Frau Katharina, einer Zarentochter. Als „Zeichen der Hoffnung“ stiftet Wilhelm das landwirtschaftliche Fest zu Cannstatt. Es soll nicht die einzige fortschrittliche Tat des Paares werden: Suppenküchen, Mädchenschulen, Sparkassen, Hospitäler und die Gründung der Universität Hohenheim werden folgen.

Die Geschichts-Doku ist also eine Zeitreise ins frühe 19. Jahrhundert, macht aber immer wieder auch Sprünge in die Jetztzeit. Wie ist die Situation der Bauern heute? Wie sieht Carl Herzog von Württemberg die Rolle seiner Vorfahren? Wie hat sich das Cannstatter Volksfest bis heute verändert?

Das Drehbuch hat fast 300 Positionen, die ersten Drehs sind abgeschlossen, die Massenszenen werden noch folgen. Und dann geht es monatelang in den Schnitt. Am 19. September muss der Film fertig sein, dann ist große Premiere im Stuttgarter „Metropol“.

Es werden also spannende Monate kommen…

 

 

Gänsehaut im Ariston

Bemerkenswertes

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Es kommt nicht häufig vor, dass man an einem Tag gleich zwei Premieren feiern darf. Und was für welche…

Zum allerersten Mal im berühmten „Teatro Ariston“ in Sanremo. Großer Saal, dort wo sonst die Kino-Blockbuster gezeigt werden und jährlich das italienische Schlagerfestival stattfindet – Galleria, Fila 1, Posto 22, umringt von einem gemischten Publikum, ganz Alte und viele Junge, allesamt textsicher, auch in den Liedern, die gleich in Ligurisch gesungen werden.

Und das Konzert. Ich hatte mich seit Monaten darauf gefreut. „De André canta de André“. Der eine ist Fabrizio de André, legendärer Liedermacher aus Genua, gestorben vor 18 Jahren, in ganz Italien berühmt, in seiner Heimat Ligurien regelrecht vergöttert. Der andere, sein Sohn Christano, auch schon Mitte 50,tritt an diesem Abend an, sein musikalisches Erbe weiterzutragen. Ist er nur „der Sohn von“ oder ein ernstzunehmender Künstler, einer aus der Riege der politischen cantautori?

„Das war kein Konzert – es war eine musikalische Messe“ schreibt am Folgetag der Kritiker der Tageszeitung „La stampa“ überschwänglich. Der gute Mann liegt richtig, es war ein Konzert mit vielen Gänsehaut-Momenten. Christiano, etwas fülliger als der Vater, stimmlich aber präsenter und ebenso virtuos an den Instrumenten, singt die Lieder des Vaters nicht einfach nach, er interpretiert sie in Nuancen intensiver. „Faber“, so wurde sein Papa genannt, hat vor allem auf die Texte Wert gelegt. Kritisch und kämpferisch gegen Unterdrückung, Ungerechtigkeit, Kriegstreiberei – sympathisierend mit den Underdogs der Gesellschaft, den Huren von Genua, den Säufern, den Deserteuren, den Schwachen, die in den dunklen Gassen am Hafen ihr Leben fristen mussten. Dieses Erbe hat der Sohnemann in der Stiftung gehegt und gepflegt. Zum Vater muss Christiano nicht viel sagen – er ist im Auditorium lebendig, in jenem Saal, in dem der junge de André schon mehrfach den Kritikerpreis gewonnen hat.

Es ist ein großer Abend für große Gefühle. Nicht nur die ältere Dame neben mir hat feuchte Augen…

 

 

 

Nach Jahr & Tag

Bemerkenswertes

Es ist jetzt fast genau ein Jahr her, dass ich auf dieser Seite den letzten Artikel veröffentlicht habe. Damals ist mir etwas die Luft ausgegangen; die Motivation, weiter zu schreiben, war gegen Null gesunken. Vorbei!

Es passt ziemlich gut, dass ich mit dem ersten neuen Post an den letzten anschließen kann. Die Tage kam die Nachricht aus Frankreich, dass wir für die Geschichts-Doku „Sagenhafter Südwesten“ ausgezeichnet werden, ausgewählt von einer internationalen Jury. Ende September werden also mein Produzent Bernhard und ich in Cannes eine der begehrten Delphin-Trophäen bei der Verleihung der TV-Awards in Empfang nehmen dürfen, und zwar in der Kategorie „Reportagen & Dokumentationen / Geschichte“.

Hui! Das macht uns natürlich sehr stolz. Wir beide sind voller Vorfreude und widmen uns jetzt intensiv der Frage, was mit „Dresscode black tie“ nun wirklich gemeint ist…

Sagenhaft

Bemerkenswertes, Stuttgart

In Zeiten,in denen schon jedes kleine Kind die Dialoge aus „Der Herr der Ringe“ nachbeten kann, sollte man auch mal vor der eigenen Haustüre nachschauen. Hand aufs Herz: wer kennt noch den „Rulaman“ oder die spannende Geschichte der Fürstin Amalie Zephyrine? Wem sagt „Die schöne Lau“ noch etwas, wer erinnert sich an die unglaubliche Geschichte des „Löwenmenschen“ von der Schwäbischen Alb?

Diese und noch viel mehr Sagen, Mythen und Legenden erzählt ab Freitag, 2. September, das SWR Fernsehen, immer freitags ab 21:00 Uhr. In der ersten Folge übernimmt der knorrige Theatermann Uwe Zellmer die Rolle des Geschichtensammlers.

Ich hatte die Redaktion dieser vierteiligen Reihe. Es war eine ungeheure Arbeit, aber auch ein großes Vergnügen – aufwendigste Technik, an die 200 Komparsen, 50 Drehtage mit großem Besteck und eine unglaubliche Tüfftel-Arbeit an drei Schnittplätzen gleichzeitig. Danke an die Produktionsfirma AV-Medien in Stuttgart, die sich mit Bravour geschlagen hat, Danke auch an den SWR, der mir mit dieser Reihe einen langgehegten Wunsch erfüllt hat.

Wer schon mal spickeln will: hier der Link zur Homepage – die ab Donnerstag mit einem neuen Feature namens Klynt an den Start geht. Wir sind alle sehr gespannt auf die Reaktion des Publikums.

Weltpremiere

Bemerkenswertes

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Money makes the world go round – Prinz Philipp von und zu Liechtenstein von der privaten LGT Bank.

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Nazis versus Klerus: eine Spielszene aus der Dokumentation von Jürgen Kindle. (c) JKE

„Oben am jungen Rhein
Lehnet sich Liechtenstein
An Alpenhöh’n.
Dies liebe Heimatland,
Das teure Vaterland,
Hat Gottes weise Hand
Für uns erseh’n.“

Ja, ja, die Liechtensteiner. Nicht mal eine eigene Nationalhymne können sie sich leisten, müssen also diesen beanglosen Vers auf die Melodie von „God save the queen“ schmettern. Ansonsten aber fehlt es im sechstkleinsten Staat der Welt an nichts.

300 Jahre Geschichte in schlanken 52 Minuten erzählen – dieses Kunststück hat sich der Liechtensteiner Radioredakteur und Filmproduzent Jürgen Kindle vorgenommen. Vergangenen Freitag war Weltpremiere im kleinen Lichtspieltheater von Balzers. Und weil es sich um die allererste größere Dokumentation über das Fürstenstum gehandelt hat, war die gesamte Staatsspitze vertreten – angefangen bei den Repräsentanten des Fürstenhauses über die aktuelle Regierung bis hin zu den Finanz-Strippenziehern, die sich, dem Land und vielen ausländischen Geldanlegern und Steuerhinterziehern ein Vermögen zusammengetragen haben.

Im leicht ramponierten Kinosaal waren einige Milliarden Franken anwesend. Alleine Hans Adam II wird auf ein Privatvermögen von über sieben Milliarden Schweizer Franken taxiert. Mit im Zuschauerraum auch sein Sohn, Erbprinz Alois (der die Geschicke des Hauses führt) nebst Gattin Prinzessin Sophie, die sich ebenfalls an der kinoreif erzählten Landesgeschichte unter dem Titel „1818 – Die Liechtenstein-Saga“ erfreuten. Unter den Ehrengästen zudem Herbert Batliner, der Finanzberater, der das milliardenschwere Steuersparmodell der Familienstiftung erfunden und zu wahrer Blüte geführt hatte – und der zu den Co-Finanziers der Geschichtsdoku gehörte.

Die Idee zu diesem Film freilich hatte der umtriebige Jürgen Kindle. Vier Jahre hat er als Produzent erst das Geld zusammen getrommelt und dann die Weichen für die Produktion gestellt. Mit Lew Hohmann hat er schließlich einen erfahrenen Regisseur und Autor gefunden, der die komplette Crew quasi im Gepäck dabei hatte – unter anderem den tadellosen jungen Kameramann Christian Huck und den Soundbastler Dirk Lange. Krönung war schließlich die Verpflichtung von Friedrich von Thun als Erzähler, der in der Vorauswahl Bruno Ganz ausgestochen und der durch seine eigene Familiengeschichte schon Kontakte ins Haus Liechtenstein hatte.

Herausgekommen ist eine sehenswerte Dokumentation, eine Mischung aus historischen Dokumenten, vielen geschichtlichen Fakten, gut gemachten Spielszenen (reenactment) und Interviews mit den wichtigsten Liechtensteinern. Insgesamt eine optisch überzeugende, süffig erzählte Nachhilfestunde für uns Nicht-Lichtensteinkenner, die freilich viele Fragen nur antextet. Eine wirklich kritische „Abrechung“ mit dem Hause Liechtenstein war nun auch wirklich nicht zu erwarten

Unterm Strich wird die Geschichte erzählt, wie sich Liechtenstein vom armen Bauern-Fürstentum, hervorgegangen aus der verarmten Herrschaft Schellenberg und der Grafschaft Vaduz, zu einer konstitutionellen Erbmonarchie entwickelte, die keine Staatsschulden kennt – und keine wirkliche Kritik am Fürstenhaus, das sich laut Verfassung mit dem Volk die Macht im kleinen Ländchen teilt.

Trotzdem: die Weltpremiere des Films in Balzers war ein interessanter Ausflug in die kleine, heile Liechtensteiner Welt. Ein Geldkosmos, in dem jeder jeden zu kennen scheint, in dem man zusammenhält und in dem man auch
mal schweigen kann, wenn es denn sein muss.

Agnesi – Abschied auf Raten

Bemerkenswertes, Fernweh

Pontedassio, die kleine, hübsche Marktgemeinde im Impero-Tal, hatte bis vor einigen Jahren eine echte Sehenswürdigkeit: das italienische Pastamuseum. Inzwischen ist es umgezogen, die neue Adresse lautet Via Flaminia in Rom. Dieser Umzug des Museums, das von der Stiftung der Familie Agnesi getragen wird, war wohl schon ein schlechtes Zeichen. Inzwischen steht die Pastaproduktion von Agnesi in Ligurien auf der Kippe.

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Seit 1824 werden von der Familie Agnesi Nudeln hergestellt. Agnesi ist damit die älteste noch produzierende Marke in Italien.
Begonnen hatte die Geschichte der Pasta im Zeichen des Segelschiffs eben im Impero-Tal, in Pontedassio, als Paulo Battista Agnesi eine Windmühle erwarb.Das stolze Segelschiff im Firmenlogo kommt aus der Zeit, als eine eigene Flotte bis in die Ukraine(!) schipperte, wo es angeblich den besten Weizen der Welt für die Herstellung von Nudeln gab.

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Im vergangenen Jahrhundert zog Agnesi nach Oneglia um, den geschäftigen Teil der Doppelstadt Imperia. Das mächtige Produktionsgebäude am alten Hafen ist bis heute eines der industriellen Wahrzeichen der Stadt. Das könnte sich bald bald ändern, denn bei Agnesi ist nichts mehr so, wie es früher einmal war. Erst hatte sich Danone die Nudelmacher gekrallt, seit 1999 ist Agnesi nur noch ein Teil der Colussi-Gruppe, zu der unter anderem auch die Marken DelMonte und Misura gehören. In Zeiten, in denen italienische Industrie-Nudeln regelrecht verramscht werden, ist die Profitlinie logischerweise gesunken. Und deshalb sind die Manager von Colussi scharf auf die Immobilien von Agnesi.

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Die Nudelfabrik in Oneglia, direkt an der umtriebigen Hafenpromenade gelegen, verspricht eine ganz andere Rendite. Als „Tor zum Meer“ soll dort ein neuer Komplex entstehen – für Restaurants, Shops und Luxuswohnungen. Dazu aber muss die Nudelproduktion weg aus Oneglia. Pläne dafür gibt es – und Proteste ebenfalls, seit Monaten. Die Belegschaft kämpft um die etwa 200 Arbeitsplätze bei der Traditionsfirma Agnesi. Diese Woche hat es wieder eine Krisensitzung im Stadtrat gegeben, begleitet von Protesten der Angnesi-Arbeiter. Das vorläufige Ergebnis sieht nach einem Abschied auf Raten aus. Bis Ende nächstes Jahr ist die Nudelproduktion erstmal gesichert, dann wird sie wahrscheinlich in ein Colussiwerk in Piemont verlagert. Die Belegschaft verzichtet für diesen Kompriß auf Teile des Lohns. Als Ersatz könnte danach eine Sugo-Herstellung nach Omneglia kommen, die deutlich weniger Platz braucht und auch an einem anderen Standort in Oneglia aufgezogen werden könnte. Die Manager von Colussi wären dann endlich am Ziel ihrer Wünsche – die Geschichte der Nudelherstellung in Italien müßte aber um ein neues Kapitel erweitert werden… ausgerechnet im Nudelmuseum der Familie Agnesi im fernen Rom.

Ich, Felder !

Bemerkenswertes

Bisher war mir der Nachname Felder eigentlich nur aus dem Skisport und aus der Protestszene ein Begriff. Andreas Felder war einmal einer der besten österreichischen Skispringer und mehrfacher Medaillengewinner.Thomas Felder hingegen ist ein Songpoet, stammt von der Schwäbischen Alb und hat ab den 70 Jahren auf ziemlich allen Protestfestivals seine Klampfe geschlagen (und ist übrigens der Papa der begabten Johanna Zeul). Seit letzter Woche kommt nun noch ein Felder dazu, der seine Namensvettern bei weitem in die Tasche steckt – Franz Michael Felder aus Schoppernau in Vorarlberg.

In der Ahnengalerie bedeutender Vorarlberger gebührt ihm gewiss ein Spitzenplatz – was angesichts vieler Landsleute mit dunkelbrauner Vergangenheit auf den ersten Blick nicht ganz so schwer erscheint. Felder war Bauernsohn, Dichter, Schriftsteller und Revolutionär in einem. Im Vorarlberger Landesmuseum zu Bregenz, einem wirklich sehr beachtenswerten modernen Kunstbau hinter der Seepromenade, wird Felder in einer großen Schau zu seinem Geburtags gedacht.

Franz Michael Felder, geboren am 13. Mai 1839 in Schoppernau, ist von Kind an nach einer verpfuschten ärztlichen Behandlung auf einem Auge blind, eignete sich autodidaktisch ein breites Wissen an und rebelliert gegen festgefahrene Strukturen in Wirtschaft, Politik und Literatur. Er schreibt als erster Bauer Vorarlbergs Erzählungen und Romane aus dem Dorfleben, gründet eine der ersten Leihbibliotheken der Monarchie, eine revolutionäre Sennerei-Genossenschaft und die „Vorarlberg’sche Partei der Gleichberechtigung“. Zwischen 1863 und 1869 schreibt er die Dorfgeschichte „Nümmamüllers und das Schwarzokaspale“, die Romane „Sonderlinge“ und „Reich und Arm“ und die Autobiografie „Aus meinem Leben“ – intensive Dorfgeschichten, die in den literarischen Salons gefeiert werden. Felder wird auf eine Stufe mit Berthold Auerbach aus dem Schwarzwald gestellt, wobei Felder kritisiert, dass Auerbachs Figuren viel zu gelackt und geleckt beschrieben sind und nichts mit dem harten Leben auf dem Lande zu tun haben.

Die Ausstellung zu Felders 175. Geburtstag ist absolut sehenswert, toll und kühn konzipiert und passt wunderbar in das schöne Museum. Sie ermöglicht im Wortsinn einen kurvenreichen Spaziergang durch das bäuerliche Leben im 19. Jahrhundert, ist klug gebaut und bietet überraschende akustische Begegnungen mit dem umtriebigen Schaffen von Franz Michael Felder.

Gelobtes Land

Bemerkenswertes

Drei Landschaften gibt es in Baden-Württemberg, da macht mein Herz schon bei der Anreise Luftsprünge: die Schwäbische Alb mit dem Donautal, der Hegau am Rande des Bodensees – und natürlich Oberschwaben. Diese fette Hügellandschaft, die Alpen irgendwo immer im Hintergrund, diese netten Kleinstädte, diese wundervollen Radstrecken, Badeseen an jeder Ecke, diese gute Gastronomie – und Barock bis zum Abwinken. Auf den ersten Blick wirkt die Gegend ziemlich bigott – andererseits ist hier der erste deutsche Bürgermeister gewählt worden, der von den Grünen kam. Und Wunderheiler haben in dieser katholischen Landschaft natürlich noch immer gute Konjunktur.

See-Prozession

Bemerkenswertes

Seeprozession Höri

Auf dem spiegelglatten Zeller See ist ein Ruderboot unterwegs – still, fast andächtig. Diese Fahrt zwischen Moos auf der Höri und Radolfzell führt genau auf der Strecke der Wasserprozession, die jedes Jahr am dritten Julimontag stattfindet.Sie geht auf ein Gelübde nach einer Viehseuche im Jahr 1797 zurück.Seitdem fahren die frommen Menschen der Halbinsel Höri in geschmückten Booten zum Dankgottdesdienst für St. Theopont, St. Senesius und St. Zeno nach Radolfzell.

Tag des Gedenkens

Bemerkenswertes, Fernweh

Ziemlich unbemerkt von der großen politischen Weltbühne wird am kommenden Sonntag in Ligurien ein besonderer Jahrestag gefeiert.

Monte Grande

In San Bernardo di Conio, ganz oben auf dem Sattel über dem Tal des Impero, werden Hinterbliebene und einige Lokalpolitiker an die Schlacht am Monte Grande erinnern.

Damals, Anfang September 1944, waren mehrere Partisaneneinheiten in den Bergen eingekesselt. Deutsche und italienische Soldaten kontrollierten das Gebiet vom Monte Grande aus, der mit 1418 Metern Seehöhe das Impero-Tal überragt. Angeführt von Gismondi „Mancen“ und Franco alias „Stalin“ Bianchi stürmten 17 Mann der Abteilung Garbagnati reichlich wagemutig den Gipfel, übertölpelten die zahlen- und waffenmäßig bei weitem überlegenden Deutschen in ihrer Stellung und erbeuteten jede Menge Waffen und Material. Damit war der Weg für die Partisanen aus der Umzingelung frei, der blutige Kampf ging aber noch einen Winter lang weiter.

Immer an einem Sonntag um den 5. September herum findet in San Bernardo eine Gedenkfeier für diesen Sieg und vor allem für die Opfer des Krieges statt. Im kommenden Jahr sind es schon 70 Jahre. Und die Zahl derer, die sich noch wirklich daran erinnern können, wird von Jahr zur Jahr kleiner.

Haltet den Dieb !

Bemerkenswertes

Wie funktioniert Demokratie? Man wählt alle fünf Jahre – und lässt die da oben machen. Unsere Volksvertreter mühen sich doch nach Kräften – aufrichtig, gradlinig, haben nur das Wohl von uns Bürgern im Sinn. Kämpfen für unsere Rechte, diskutieren stundenlang, debattierten messerscharf, wenn sie mal anderer Meinung sind, reiben sich auf für Dich und für mich. Ehrlich !

Mit etwas Verspätung schlagen nun die Wellen der Empörung über dieses parlamentarische Kasperletheater hoch. Haltet den Dieb ! rufen lautstark die größten Ganoven, die Aigners, Seehofers, Friedrichs dieser Welt, die ganze Bundesregierung, die dieses Gesetz mit der Bitte um Zustimmung in den Bundestag eingebracht hat. Wirklich gelesen hat die Fassung des Gesetzentwurfes zur Fortentwicklung des Meldewesens wahrscheinlich niemand – nur die, die an einer laschen Praxis der Datenweitergabe interessiert waren, also mal wieder die Liberalen vorneweg.

Im Protokoll des Bundestags kann man das ganze Elend nachlesen, die Berichte der Bericherstatter wurden gleich mal zu Protokoll gegeben und erst gar nicht vorgebracht. Fußball war an diesem Abend wichtiger als unser Wohl. Haltet den Dieb ! Ich weiß, wer meine Stimme geklaut hat.