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Es ist ein langer Weg auf das „Dach Liguriens“. Und es gibt nur drei Wege dahin – jeweils schön und beschwerlich. Von Westen her startet man im französischen La Brigue, im Süden, also aus dem Valle Argentina, ist Verdeggia der Ausgangspunkt. Eine Gemeinde wirklich am Ende des Tals auf knapp 1000 Meter Höhe. Von Norden her steigt man in Monesi di Triora ein, dort wo es auch eine von nur zwei Skistationen Liguriens gibt. Der berühmte Monte Sacarello ist genau 2 201 Meter hoch und liegt auf der italienisch-französischen Grenze, der Gipfel schon französischen Departement Alpes-Maritimes. Knapp unterhalb ziert seit  1901 der knapp zehn Meter hohe „Redentore“ den Gipfel, Blickrichtung Ligurien, schliesslich soll die Erlöserstatue die Menschen in der italienischen Provinz Ligurien schützen.

Diese Gegend war immer Grenzgebiet, erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Grenzlinie so festgelegt, wie sie heute noch ist. Und diese Gegend war jahrhundertelang umkämpft. Davon zeugt noch die seitlich des Sacarello vorbeiführende Grenzkammstrasse, die zu Mussolinis Zeiten für den Nachschub an die Front genutzt wurde. Sie kann heute gegen Gebühr und nur mit Jeeps befahren werden.

Grenzerfahrungen machen auch die Fernwanderer, die auf dem Sacarello eine Rast einlegen, bevor es auf der Alta Via dei Alpi Liguri weiter geht. Diese anspruchsvolle Tour führt von Ventimiglia durchs Hochgebirge bis nach La Spezia, immerhin 440 Kilometer sind das. Respekt, wer sich das traut…

Ich war schon von meiner Tagestour bedient. Von Monesi aus rauf und runter waren es annähernd 2 000 Höhenmeter. Und die Abkürzung auf der Diretissima des Skilifts habe ich fast mit einem Herzinfarkt bezahlt. Ich bin aber nicht ganz sicher, ob sich die Rebhühner, die einen Meter vor mir aus dem alpinen Gebüsch aufgeflogen sind, nicht noch mehr erschrockend haben als ich.

Oben erstmal angekommen, raubt die Fernsicht den Atem. Im Rücken die piemontesischen Alpen, im Westen der Blick in die französischen Seealpen und im Süden kann man das Mittelmeer sehen. Ein Traum – der nur kurz gestört wird von den Motorradfahren, die mit ihren Crossmaschinen bis zum Gipfel hochbrettern.

 

 

 

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Theater en miniature

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Es gab in Italien des 19. Jahrhunderts eine regelrechte Marotte auf dem Lande, es „denen da“ in den Metropolen mal richtig zu zeigen. Die Landadligen und das reiche Bürgertum in vielen Kleinstädten wollten selbstbewusst beweisen, dass Kultur nicht nur in Mailand,Florenz oder Rom zuhause war. Nein, man hatte seine Klassiker gelesen und die grossen Opern allesamt schonmal gesehen. Und jetzt wollte man das auch vor der eigenen Haustür geniessen. Alles ein bischen kleiner, ein wenig bescheidener – aber immerhin.

Es war die Blütezeit der kleinen Theater. Drei davon hab ich auf meinen Reisen durch Italien bisher gesehen. Das Teatro Rossini in Vasto punktet heute mit einem exquisiten Konzertprogramm, das Teatro Malatesta in Montefiore Conca in den Bergen bei Rimini verblüfft mit Auftritten avandgardistischer Künstler – und das Salvini in Pieve di Teco nimmt für sich in Anspruch, das kleinste Theater der Welt zu sein, zumindest aber das kleinste Schauspielhaus Italiens.

Genau 101 Sitzplätze hat das U-förmige Theater im Parkett und den beiden Rängen. Eine durchaus symbolträchtige Zahl, dachte sich wohl Guiseppe Manfredi, Spross einer angesehenen und wohlhabenden Familie, der 1834 den Antrag zum Bau des Salvini gestellt hat. In den über 180 Jahren seither hat das Mini-Theater allerhand durchgemacht. In den Gründerjahren prächtige Konzerte, zu denen sich die Prominenz aus dem Arroscia-Tal die Ehre gab. Zuletzt, zur Jahrtausendwende, war das Theater ein heruntergekommener Lagerschuppen – aus dem Schmückstück ist ein Schandfleck geworden. Es waren wieder die Bürger von Pieve di Teco, die den Anstoss zur Restaurierung des Salvini gaben, unterstützt von der Provinzregierung in Imperia und gefördert von der Stiftung des Bankhauses Carige. Die Bank war zwar spendabel, das ist aber nicht der Grund für die heutige prekäre Situation des Instituts.

Und Pieve di Teco, die hübsche Kleinstadt mit den wundervollen Arkaden entlang der Hauptstrasse, ist wieder mächtig stolz auf „sein“ Theater, das nebenbei einige bedeutende Architekturpreise für die aufwendige Restaurierung bekommen hat.

 

 

 

Terra Brigaska

Von den vielen kleinen Volksstämmen in den vielen kleinen Alpentäler kennt man sie wahrscheinlich am wenigsten: die Brigasker, ein Hirtenvolk, das rund um den Monte Sacarello sowohl auf italienischer wie auch auf französischer Seite lebt und siedelt. Ihre Blütezeit hatten die Brigasker im 19. Jahrhundert, als sie mit den Ziegen und Schafen jedes Jahr im Bergwinter an die ligurische Küste und dann weiter Richtung Marseille zogen, dabei Fleisch und Wolle verkauften. Später ging es wieder zurück in die Bergdörfer. „Inverse Transhumanz“ nennt der Alpenexperte Werner Bätzing in seinem „Kleinen Alpenlexikon“ diese Form der saisonalen Emmigration. Das Wandertum der männlichen Dorfbewohner erschloß nicht nur neue Einkommensquellen, sondern schonte auch die kargen Wintervorräte für jene, die im Dorf blieben. Mit dem in der Fremde verdienten Geld konnten die Häuser und Ställe gehalten werden. Im 20. Jahrhundert war es damit vorbei, die Küstenlinie zersiedelt und die Wanderschäfer nicht mehr willkommen.

Realdo, das vorletzte Dort im Valle Argentina, war dabei auf ligurischer Seite die Hochburg der Brigasker, auf französischer Seite ist es La Brigue, italienisch: Briga Marittima. Diese Gemeinde hat bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges zu Italien gehört. Die Sprache der Brigasker, eine Abwandlung des Ligurischen mit noch mehr Umlauten, gilt als eine der sterbenden Sprachen in Europa und wird von einem Kulturverein und den wenigen Brigaskern gepflegt. In Realdo sind die Hinweisschilder in dieser Sprache gehalten, die wenigen Nachfahren der Hirten, zumeist ältere Damen und Herren, sprechen dieses lustige Kauderwelsch im Dorf und auf der Straße.

Das Dorf, spektakulär gelegen auf einer 200 Meter steil abfallenden Felswand über dem Argentino, füllt sich aber wieder mit Leben. Menschen ziehen hier hin oder wieder zurück in dieses verwinkelte Dorf mit seinen typischen Holz-Veranden. Die typischen Berghäuser werden restauriert, ein kleines Museum informiert über die Geschichte der Brigasker. Der Erhalt der ausgestorbenen Hirtenkultur ist allen ein echtes Anliegen – auch ohne Ziegen und Schafe.

Der Hügel der Köpfe

Ein mächtiger Mann – muskulös,braungebrannt,glatzköpfig – steht auf einem Hügel und bearbeitet ein mächtiges Stück Stein. Kalkstein aus dem Finalese. Es ist heiß zwischen den Pinien auf dem Bergrücken, die Sonne brennt ins weite Tal des Arroscia, unweit von Albenga. Der Mann schlägt wütend seltsame Zeichen in den Stein, begutachtet sein Werk, wischt sich den Schweiß von der Stirn. Nach Wochen erst ist er zufrieden – und er lässt den Blick weit ins Land schweifen, über die sanften Hügel bis nach vorne ans Meer.

So oder so ähnlich muss man sich Rainer Kriester in seiner Wahlheimat Castellaro vorstellen. Rainer Kriester – eine deutsche Künstlerkarriere, die in Ligurien ihr Ende fand. Geboren im Vogtland, Studium der Medizin in der DDR, im Gefängnis wegen „Staatsverleugnung“ – dann der Bruch: Kunststudium im „freien Westen“, Stipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes, später Dozent an der UdK in Berlin. Und dazwischen immer wieder Italien, Ligurien, Castellaro bei Vendone. Hier hat er der Gemeinde einen Hügel abgeschwatzt – er wird Mieter eines geschichtsträchtigen Flecken Erde mit zwei Sarazenentürmen.

Und arbeitet, Stein um Stein. Markant die Riesen-Köpfe, profilige Schädel mit Helm, dann die Steine mit Hyroglyphen, so als ob sie Außerirdischen den richtigen Landepunkt auf dieser Erde zeigen wollen – und das große Tor zum weiten Meer, zur weiten Ebene bei Albenga, in der guter Wein gedeiht, viel Gemüse angebaut wird und große Historie daheim ist. Kriester pendelt zwischen Berlin und Castellaro, seinen Frieden findet der von seiner persönlichen und der deutschen Geschichte Getriebene aber in Ligurien.

Im Mai 2002 stirbt Kriester in Italien, hier ist er auch beigesetzt. Seine Witwe gründet die Stiftung Rainer Kriester, vermacht über 30 Werke der Gemeinde. Auf den Hügel bei den beiden Türmen, etwas außerhalb der Gemeinde, sind sie frei zugänglich. Imposant die Werke, imposant die Lage. Besonders schön am frühen Abend, wenn die untergehende Sonne ein weiches Schräglicht auf den Hügel wirft. Nur eines stört: die Stechmücken – also: beim lohnenswerten Besuch in Castellaro unbedingt vorher dick einsalben.

Über den Passo di Teglia

Es gibt nur zwei Möglichkeiten, ins Valle Argentina im ligurischen Hinterland zu kommen. Die übliche, die Anfahrt von der zersiedelten Küste bei Arma di Taggia mit vielen Industriegebieten und der mächtigen Autabahnbrücke über das Tal, ist gewiss nicht die attraktivste. Man kann aber auch von einem der Seitentäler ins Argentina hineinfahren, muss dazu aber einen Pass überwinden, wie zum Beispiel den Passo di Teglia, wenn man vom Maro-Tal über San Bernardo di Conio nach Molini di Triora fährt. Bis auf fast 1 300 Metereehöhe schraubt sich die kleine Straße auf der Maro-Seite durch schöne Eichen- und Kastanienwälderhinauf, um dann schroff durch nackte Felswände ins andere Tal hinabzufallen. Unterwegs macht man immer wieder ein Päuschen, einerseits um die spektakuläre Aussicht nach vorne ans Meer, ins Argentina-Tal hinein und zum Monte Sacarello zu genießen, der das Tal wie ein Sperr-Riegel Richtung Piemont abzuschließen, andererseits um den Stoßdämpfern eine kleine Pause zu gönnen. Besonders schön ist der Ausblick von der Capella di San Bernardo oberhalb von Andagna. Das hintere Argentina-Tal verspricht dann einiges an Augenfutter.

Boomtown, 2. Teil

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Irgendwie sind die Iren doch ganz schön fortschrittlich: das überwältigende „Tá“ zur Homo-Ehe ist ein deutliches Signal, vor allem eines in Richtung katholische Kirche. Fortschrittsgäubig, so lässt sich am ehesten die Wirtschaft in Irland bezeichnen. Zumindest bis zum großen Crash im Jahr 2008 – der „irische Tiger“ lag über Nacht platt am Boden.Schlendert man heute durch Dublin, so fällt auf, dass fast die Hälfte der im Boom gebauten Bürogebäude nach wie vor leer stehen, etliche private Stadthäuser stehen immer noch zum Verkauf. Von den Folgen der damaligen Immobilienblase spürt man in den Docklands nichts. Grand Canal Dock ist das Zentrum eines neuen Booms. Die Europazentrale von Google sitzt dort, Facebook natürlich auch, Microsoft und Twitter – dem laxen Datenschutz auf der Insel sei Dank. Die staatliche Datenschutzbehörde hat gerade mal 30 Mitarbeiter und resisiert in einem Dubliner Vorort, standesgemäß über einem Supermarkt. Welch ein Kontrastprogramm zum architektonischen Prunk am Grand Canal Dock. Die Bank of Ireland leuchten in Spektralfarben, das Marker Hotel sieht aus wie ein überdimensioniertes Schachbrett, die futuristische Samuel Beckett Brücke ist – natürlich – einer Harfe nachempfunden. Und als Krönung:Das Theater von Daniel Libeskind, einstürzende Neubauten in Perfektion. Bis jetzt geht der Plan auf: mit fünf Prozent Wirtschaftswachstum steht Irland derzeit an der Spitze in Europa. Mal abwarten, wie lange das diesmal gutgeht.

Aillte an Mhothair

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Hier hätte der Meister des suspense, Alfred Hitchcock, problemlos seinen Film „Vertigo“ inszenieren können. Wer Schwindelgefühle hat, dem sei von einem Besuch der Cliffs of Moher an der irischen Südwest-Küste abgeraten. Und wer in diese karge Ecke reist, um seinem Leben ein Ende zu setzen, dem sei die Telefonnummer der Samariter empfohlen, die unübersehbar vor der Abbbruchkante in den Atlantischen Ozean auf einem Schild prangt. Manche Selbstmord-Kandidaten sind aber sowieso mit dem Selfie-Stick unterwegs. Atemberaubend, wie dämlich man sein kann, um daheim mit einem besonders spektakulären Foto zu glänzen. Spektakulär sind die Klippen von ganz alleine. Bemerkenswert ist außerdem, wie wenig Tote es an den Klippen gibt: der Wanderweg, rund 140 Meter über dem tosenden Meer, ist nur an ganz wenigen Stellen gesichert. Nach der Kante geht es nur noch bergab.

Leabharlann Choláiste na Tríonóide

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Bücher – Bücher – Bücher. Soweit das Auge reicht. Um die 4,5 Millionen Stück, fein säuberlich verstaut in Regalen. Die 200 000 prächtigsten Werke aufgereiht im „Long Room“, dem großartigen Lese- und Showroom des Trinity College in Dublin, bewacht von den Koryphäen des geschriebenen Wortes. 60 Meter lang, 12 Meter breit, etwa 15 Meter hoch – ein Weltwunder. Und jedes Jahr kommen einige tausend Bücher dazu. Das Trinity College hat ein Privileg: ein Exemplar von jedem Buch, das in Irland oder Großbritannien erscheint, muß der Universität von Dublin abgeliefert werden. Kostenfrei natürlich.

Schmuckkästchen

Paraiso, die historische Altstadt von Porto Maurizio oberhalb der Basilika, hat schwere Jahre hinter sich. Das Gasengewirr mit den eigentlich schönen und lauschigen Plätzen war ziemlich in die Jahre gekommen: bröckelnde Fassaden, die Pflastersteine aufgeplatzt, in den Häusern wollte kaum noch jemand wirklich wohnen. In den letzten Jahren haben Stadt und Region einiges an Geld in die Hand genommen, um die Hügel-Altstadt wieder zu ertüchtigen. Herausgekommen ist ein wirklich schönes Quartier, das jetzt „nur“ noch mit dem typisch südländischen Leben auf der Straße erfüllt werden muß. Zwischen Santa Chiara, Palazzo Lavagno und Via Zara ist genügend Platz dafür, es fehlen noch Cafés und Restaurants wie die Osteria dell´ Olio grosso, die seit Jahren mit einer guten Fischkarte viele Stammgäste auf den Hügel lockt. Wer sich übrigens die Parkplatzsuche oder den Aufstieg sparen will, der nimmt den Fahrstuhl, der in zwei Etappen vom Hafen von Null auf 50 Meter führt.

Doppel in Dolceaqua

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Die alte Brücke über die Nervia – vielfotografiertes Bilderbuchmotiv in Dolceaqua. Sie ist uralt, stammt wohl aus dem 13. Jahrhundert und ist mit einem mächtigen Bogen von fast 30 Metern ein Meisterwerk der Bautechnik. Angeblich soll diese Brücke unterhalb der Doria-Burg Claude Monet zu einem Gemälde angeregt haben.Der Olivenbaum im Vordergrund ist deutlich jünger, aber nicht weniger filigran. Dolceaqua, eine der wenigen Gemeinden in Ligurien mit nennenswertem Weinbau, ist bei einer Tour durchs Hinterland einen längeren Abstecher wert.Enge, steile und dunkle Gassen, kleine Kunshandwerksläden und pittoreske Ausblicke, konzentriert auf die bezaubernde Alstadt zwischen Fluss und Burg.

Willkommen in Seborga

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Ich bin mir nicht sicher, ob der Blumenhändler Giorgio Carbone irgendetwas mit dem Begriff Marketing anfangen konnte. Aber egal:irgendwann in den 60er Jahren hatte sich der bärtige Kerl mit der Geschichte seines Heimatortes beschäftigt und verblüfft entdeckt, dass Seborga, die kleine Berggemeinde oberhalb von XXmiglia, niemals wirklich zu Italien gehört hat.Es gibt, so stellte er fest, nirgendwo ein entsprechendes Dokument, also muß die Erklärung von 1076 weiter gelten, als Seborga zum Fürstentum des Römischen Reiches ausgerufen wurde. Beim Wiener Kongress wurde das Zwegfürstentum irgendwie übersehen und auch bei der Gründung der Republik Italien hat man Seborga dummerweise vergessen. Diese bizarre Geschichte brachte es sogar zu Geschichten im MERIAN und im SPIEGEL – das können nur wenige der kleinen Provinznester an der ligurischen Riviera von sich behaupten.

Der Blumenhändler wurde ob seiner Verdienste um die Geschichte des Ortes zum Fürsten gewählt und durfte sich fortan Giorgio I nennen, regierte über 40 Jahre lang und starb im Jahr 2009. In diesen Jahren hat sich in Seborga vieles verändert. Bei der Einfahrt in das Bergdorf passiert man ein weiß-blaues Grenzhäuschen, die Gebäude des Dorfes sind alle feierlich beflaggt, es gibt eigene Briefmarken, eine eigene Währung, eine Nationalhymne und viele Devotionalien, die vom Ruhm des Fürstentums künden. Was macht es da schon, dass kein Staat der Welt Seborga anerkennen will und Währung und Briefmarke zwar kosten, aber eigentlich keinen Cent wert sind. Immerhin haben es die Seborghini geschafft, dass sich folkloristisch interessierte Urlauber auf den kurvenreichen Weg in das Bergfürstentum machen. Nun gut, viele ist an diesem sonnigen Frühlingstag etwas übertrieben, es waren zur Mittagszeit insgesamt acht – zwei Deutsche, drei Luxemburger und drei Engländer. Aber immerhin:Seborga lebt einigermaßen von dieser Attraktion – im Gegensatz zu anderen Bergdörfern, die an demographische Auszehrung leiden.

Inzwischen gibt es auch einen neuen Fürsten:Marcello I, ein gebürtiger Schweizer, der den Einfallsreichtum seines Vorgängers nahtlos fortgeführt hat. Er träumt davon, Investoren für ein 5-Sterne-Hotel nebst Golfplatz zu finden und damit Arbeitsplätze zu schaffen. Das wird ihm gottlob nie gelingen, viel wichtiger wird es sein, Kindergarten und Grundschule zu erhalten. Die Seborghini selbst sehen das emsige Treiben des Fürsten gelassen, so wie sie mit großer Lässigkeit das blau-weiße Treiben verfolgen. Sie können sich ja im Dorfrestaurant mit dem fantastischen Blick auf die Küstenlinie trösten. Ganz im Hintergrund sieht man die Hochhäuser von Monaco – und Monaco ist schließlich das warnende Beispiel dafür, wohin eine Marketing-Idee auch führen kann.

Startklar: Il moletto

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Noch so ein „place to be“ an der ligurischen Riviera: „Il moletto“ an der neuen Marina von Imperia. Es ist wahrscheinlich der Platz mit der allerschönsten Aussicht auf die bezaubernde Altstadt („Paraiso“) von Porto Maurizio. Auch hier sind, wie im „La Rabina“ in Oneglia, junge und enthusiastische Menschen am Werk, die frischen Wind in die doch leicht überalterte Strandlandschaft an der Riviera dei Fiori bringen – mit gechillter Musik, DJs, guten Drinks – und amerikanischem Fastfood, aber hausgemacht.Das Konzept kommt irgenwie bekannt vor, funktioniert aber. „Il moletto“ hat auch einen winzigen Strandabschnitt, grade mal fünf Meter breit, darüber terrassierte Liegeflächen. Nur: wer will bei dieser Aussicht wirklich schwimmen? Und abends flaniert man sowieso an den sündhaft teuren Protzjachten vorbei und lässt sich dann auf einen Cocktail nieder,während die Sonne langsam hinter „Paraiso“ untergeht.