Bye Bye, Johann

Es heißt Abschied nehmen – von dem Mann, der uns gefühlte hundert Jahre begleitet hat. In jeder Buchhandlung, in jedem Fachgeschäft für Töpfe und Pfannen, an jedem Zeitungskiosk und in jedem Fernsehsender hat er uns feist angegrient – und grient immer noch. Nur beim Südwestrundfunk hat der Johann jetzt den Löffel abgegeben. Die letzte noch verbliebene Kochsendung mit dem omnipräsenten Selbstdarsteller und Unternehmer in eigener Sache ist jetzt ausgelaufen. Der Abschieds-Schmerz hält sich in Grenzen.

„Da stehen dann Menschen am Herd, schnibbeln,raspeln und köcheln. Hauptsächlich aber können sie den Mund nicht halten“ – so hat Hans Hoff im „Journalist“ den Alltag in den deutschen Kochsendungen wunderbar beschrieben. Aber die Hausse der Kochsendungen  ist vorbei. Die gierigen Fernsehköche haben sich zu Tode gekocht, mit ihrem immer gleich fade schmeckenden Eintopf, im Ersten, im Zweiten, bei VOX und bei den dritten Fernsehprogrammen.

Nun trifft es zuerst also den Herrn Johann, dem der SWR zuerst die Tür  weit aufgesperrt hat  – auch für den Preis , eine ziemlich fragwürdige Produktions-Partnerschaft eingehen zu müssen. „Himmel&Erd“ war sein Durchbruch im Regionalfernsehen, eine biedere Kochsendung mit der Moderatorin Judith Kaufmann und ambitionierten Hobbyköchen an seiner Seite. Schon damals störte sich niemand daran, dass sich Lafer penetrant als „der Johann“ selbst ansprach und ewige Monologe mit sich selbst zelebrierte.

Er durfte fast alles machen: war Gastgeber einer Unterhaltungssendung, versuchte sich als kochender Therapeut, als Talkmaster, als weiß nicht was alles. Dass er nebenher bei der Konkurrenz ein- und ausging : eine lässliche Sünde, wollte man doch den Superstar der Schnellkochtöpfe unbedingt für sich gewogen halten.

Der Herr Johann hat mittlerweile 40 Kochbücher geschrieben oder schreiben lassen. Es geht immer um den Herrn Johann, nur ganz nebenbei um Vorspeisen, Hauptgerichte oder Desserts. Er ist gut im Geschäft, wirbt lebensgroß grienend für Kochtöpfe, für Bestecke, für Tischdecken, er hat ein impossantes Lafer-Imperium um sich herum aufgebaut. Ein Hans-Dampf in allen Küchen und auf allen Kanälen.

Nur: ganz so dumm, wie Lafer und die Produzenten seiner Sendungen im eigenen Lafer-Studio meinen, sind die Zuschauer nicht. Im SWR bröckelten die Quoten massiv, der SWR in Baden-Württemberg hat Lafer vor eineinhalb Jahren aus dem Programm genommen. Nur die armen Rheinland-Pfälzer durften ihn weiter genießen, Woche für Woche, bis auch ihnen Lafer übel aufstieß wie ein zu oppulenter Nachtisch. Jetzt ist Schluß mit lafer-lustig.

Keine Frage: Lafer ist ein großartiger Koch, aber einer, dem der Ruhm aus der Küche mächtig in den Kopf gestiegen ist. Einer, der sich nur noch um sich selbst dreht, ohne daß ihm davon schwindlig wird.

Seine neue Heimat ist nun das ZDF. Dort darf er mit Horst Lichter das tun, was er am Besten kann. Schnibbeln, raspeln,köcheln – und den Mund nicht halten.

Wenn ich mal Milliardär bin…

… dann wüßte ich schon ziemlich genau, was ich mit dem vielen Geld machen würde. So ungefähr zumindest. Natürlich würde ich ziemlich viel davon ausgeben, für Dinge und Projekte, die wirklich wichtig sind: Kinderbetreuung, Migrantenhilfe, Öko-Initiativen, Solidaritätsfonds, Stiftungen … Ich glaube, ich hätte schon viele Ideen, ohne jetzt so was wie der geborene Gutmensch zu sein, der in seinem liebenswürdigen Bemühen die anderen erstens mit vielen  Ratschlägen und zweitens mit noch mehr  Geld erdrückt.

Dann wär aber immer noch ziemlich viel übrig. Eine Bahnjahreskarte für  Deutschland und Österreich kostet auch nicht grad die Welt. So ähnlich muß es auch einem gewissen Reinhold Würth gegangen sein. Der hat es im Hohenlohischen zum Schrauben-Milliardär gebracht. Weil er  fleißig war, und weil er vom Vater gelernt hat, dass man nur soviel Geld ausgeben sollte, wie man auch eingenommen hat.

Dieser Reinhold Würth hat zwei große Leidenschaften – seine Motorräder und die Kunst. Nun gut, mit so viel Geld im Portemonnaie kann man Shoppen gehen, auch in den Ateliers dieser Welt. Er kennt ziemlich viele der zeitgenössischen Künstler persönlich und er hat ziemlich viel gekauft: Anselm Kiefer, Baselitz, Picasso – aber auch Dürer und viele alte Meister. Und jetzt hockt der alte Würth nicht etwa daheim in Künzelsau in seiner Villa und erfreut sich an diesen Köstlichkeiten. Er stellt sie aus. In Kunsthallen, die er dafür hat bauen lassen, und die er auch noch selbst bezahlt hat. Am Firmensitz in Gaisbach bei Künzelsau gibt es ein supermodernes Museumsraumschiff, grade gelandet  und voll mit wunderbarsten Werken der Moderne. Weitere Museen sind in Bau oder in Plaung.

Und in Schwäbisch Hall, der so geschichtsträchtigen Stadt am Kocher, hat dieser Würth eben mal so ein Museum in die sensible Alstadt reinbauen lassen – auf dem Gegenhang zur bekannten Altstadt unter der noch  bekannteren Freitreppe von St. Michael. Ich bin manchmal schwer zu begeistern – aber ich war erst einmal völlig sprachlos.Das ist keine Spur bonzig, protzig, angeberisch. Da ist das Werbeschild von H&M in der Fußgängerzone drei Mal größer als die Hinweisschilder auf das Museum Würth. Das fängt in liebevollen Details an – die Einfahrt ins Parkhaus geht in ein altes Fachwerkhaus hinein – und hört im phänomenalen Blick vom Museumsplatz auf die gegenüberliegende Altstadt auf. Ein kleines Viertel voller Kunst mitten in einer alten Stadt, die es mit der Salzsiederei im  Mittelalter zu Wohlstand gebracht hat. Im Moment ist Hrdlicka zu sehen, Baselitz und Hockney werden folgen. Ich will jetzt nicht das Hohelied auf den Mäzen Reinhold Würth anstimmen (gegen den neulich ein Verfahren wegen Steuerhinterziehung ziemlich merkwürdig ausgegangen ist) – aber irgendwie finde ich diesen Kunstfreak doch bemerkenswert.

Also, nochmal zurück zum Anfang. Wenn ich einmal Milliardär bin, werde ich meiner Heimatgemeinde ein Museum schenken. Mit Bildern von Otto Dix, Plastiken von Giacometti, von Schlemmer und Baumeister was, Handschriften von Berthold Auerbach, ein Original von Veit Stoß  und (wegen der Geschichte des Ortes) mit Stipendien für junge deutsche und jüdische Künstler. Das wird ein Spaß: meine Heimatgemeinde hat grade mal 1 500 Einwohner.

Der wilde, wilde Westen

Wo liegt er denn nun, der wilde,wilde Westen ?  Fängt er gleich hinter Hamburg an, in „einem Studio in Maschen, gleich an der Autobahn“, wie uns eine deutsche Country-Band vor vielen, vielen Jahren mal weiss machen wollte. In meiner Zigarettenschachtel ist zu wenig Platz für wilde Jungs, wilde Pferde und noch wildere Indianer.  Und die Cowboys die ich im Monument Valley getroffen hab, hatten nicht wirklich was von John Wayne und die Eingeborenen nichts von Winnetou an sich. Wo also liegt der wilde,wilde Westen ?

Der deutsche wilde Westen, das steht fest, liegt In Dossenheim, Rhein Neckar-Kreis, 12.000 Einwohner, fünf Kilometer weg von Heidelberg. Der Bürgermeister von Dossenheim heißt Hans Lorenz, aus Dossenheim kommt Charly Körbel, der es später bei Eintracht Frankfurt zur Fußballer-Legende gebracht hat. Und Dossenheim klingt, englisch ausgesprochen, irgendwie ähnlich wie Dodge City in Kansas/USA. 

Dossenheim liegt am Fuß des Odenwalds (Das müssen dann die blauen Berge sein, von denen wir kommen…) und  hat auch eine Sehenswürdigkeit: „Typisch und Wahrzeichen sind die weit sichtbaren, rot-gelb leuchtenden ehemaligen Porphyrsteinbrüche, die wie Wunden in das bewaldete Gebiet eingeschnitten sind“, sagt uns WIKI. In diesen Steinbrüchen wurde in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts deutsche Filmgeschichte geschrieben. Der Neckar-Western ist dort entstanden, aufregende Schwarz-Weiß-Streifen wie „Bull Arizona – der Wüstenadler“(1919) , „Bull Arizona – das Vermächtnis der Prärie“ (1920) und „Red Bull – der letzte Apache“(1920). Das mit dem „Red Bull“ ist übrigens kein Verschreiber.

Also – in diesem Steinbruch bei Dossenheim führte ein Mann Regie, der später wirklich groß rausgekommen ist, und ballerte ein Schauspieler als wilder Revolverheld um sich, von dem man später nichts mehr gehört hat.

Der Regisseur war Phil Jutzi, bürgerlich Philipp Jutzi, der im pfälzischen Altleiningen bei Bad Dürkheim auf die Welt gekommen ist. Ein Mann, der an die hundert Filme gedreht hat, darunter so putzige Streifen wie „Ich tanke, Herr Franke“, „Der Bart ist ab“ oder „Die Seitensprünge des Herrn Blohm“. Jutzi war aber auch der Regisseur im großartigen Film „Berlin Alexanderplatz“  von 1931 mit Heinrich George in der Hauptrolle. Und Jutzi war auch – nach seinem Umzug in die Hauptstadt Berlin – ein Mann , der erst in die KPD eingetreten , dann wieder ausgetreten ist und sich letzlich zeitlich gut passend 1933 der NSDAP angeschlossen hat.  Angefangen hat seine Karriere aber  mit den Western-Filmen im Auftrag der Heidelberger „Internationalen Film Industrie GmbH“.

Jeder Western braucht einen anständigen Hauptdarsteller, das wissen wir aus der Dramaturgielehre der „Heldenreise“. Der war in jenen Tagen auch schnell gefunden: Hermann Basler, Sohn eines Fabrikanten aus Ludwigshafen, also aus gutem und vermögendem Hause. Sein Vater hatte ihn zuvor für ein Jahr ins Ausland geschickt, er lebte und arbeitete in den Vereinigten Staaten.  Ein gut aussehender junger Mann mit USA – Verangenheit, genau die richtige Wahl für die Neckarwestern also. Publikum und Kritik waren von ihm gleichermaßen begeistert. „Bull Arizona – der gewaltigste, der raffinierteste, der tollkühnste, der beste Western“ schrieb damals stolz die Zeitung in Heidelberg.

Die Blütezeit des Westerns made im Odenwald war aber auch schnell wieder vorbei. Basler machte eine Unternehmerkarrire in der Holzindustrie und stellte Faserplatten her. Die Filmerei, die wilden Verfolgungsjagden und die schmachtenden Liebesszenen waren ihm später eher peinlich.

Nicht zu großem Ruhm kamen auch die Kleindarsteller in den Western. Als Statisten wurden Industriearbeiter aus dem Ludwigshafener Arbeitervorort Hemshof billig verpflichtet – an ihren arbeitsfreien Sonntagen.

14 Säulen für Herrn Adolf

Da stehen sie, im wahrsten Sinn des Wortes wie bestellt und nicht abgeholt. So ist es auch. Seit dem Groß- Auftrag aus dem Jahr 1938 hat sich keiner mehr so wirklich um die 14 Travertinsäulen im Neckartal beim Kraftwerk Münster gekümmert.

Ein kurzer Blick zurück. In seinem Größenwahn und seiner Großmannssucht hat Adolf Hitler schon vor seiner Machtergreifung von einer neuen Hauptstadt namens GERMANIA geträumt – größer,schöner,monumentaler als alles, was man je auf der Welt gesehen hat. Die Modelle kennt man ja. Albert Speer hat diese Stadt für ihn geplant, Teile davon wurden Mitte der 30er Jahre auch schon in Berlin gebaut.

Für seinen Faschisten-Kumpel Mussolini sollte  in Germania auch ein schönes Plätzchen eingerichtet werden – dort wo heute der Theodor-Heuss-Platz in Berlin ist, an der zentralen Ost-West-Achse von Germania. Also bestellte Albert Speer, der Architekt faschistischer Neoklassizismus-Phantasien, kurzerhand bei der Firma Lauster in Bad Cannstatt 14 Säulen aus Travertin. Travertin ist ein gelblich-brauner Kalkstein, der sich gut bearbeiten lässt und der in der Stuttgarter Gegend gerne verarbeitet wurde und noch wird, zum Beispiel bei den Neubauten der Musikhochschule in Stuttgart, beim Haus der Geschichte an der Konrad-Adenauer-Straße oder beim Bau der Neuen Staatsgalerie. Man nennt diese Gesteinsart auch „Cannstatter Marmor“.

Die Firma Lauster nahm den Auftrag sehr dankend an – das hätte ja noch ein gutes Geschäft werden können mit der neuen Hauptstadt. Die 14 Säulen wurden also brav produziert – nur nie abgeholt. Seitdem stehen die Dinger im Neckartal rum und beschäftigen nun die Denkmalbehörden.  Die untere Denkmalschutzbehörde setzte die Germania-Überbleibsel  auf die Liste der Stuttgarter Kulturdenkmale. Und zwar die Villa Lauster, die Werkhallen und natürlich auch die „Kolossalsäulenreihe für ein Mussolinidenkmal, bestellt 1938, Architekt Albert Speer“.  Die Säulen laufen jetzt als „unbewegliches Bau- und Kulturdenkmal“.

Das Regierungspräsidium Stuttgart als obere Denkmalschutzbehörde hat den gesamten Steinbruch Lauster zum „Grabungsschutzgebiet“ erklärt. Seit dem 18. Februar 1983 gilt er als „Kulturdenkmal von besonderer Bedeutung“.

Davon merkt man allerdings nicht viel. Die Firma Lauster hat sich längst aus Stuttgart zurückgezogen. Auf dem Gelände des Travertin-Steinbruchs hat sich eine „Entsorgungsfirma“ breit gemacht. Hunderte von Containern mit Papier- und Plastikmüll gammeln dort vor sich hin. 

 Es sieht derzeit eher nicht so aus, als ob hier einmal ein „Travertin-Park“ entstehen könnte. Erste Pläne dafür gibt es. Immerhin wurden im Travertin des Neckarufers durchaus bedeutende prähistorische Funde gemacht. Und ein Denkmal für den „Waldelefanten“, den man hier gefunden hat, ist ja allemal sinnvoller als eines für einen gewissen Herrn Mussolini.

Landpartie zu Haeberlins

Das wird jetzt echt schwierig…Jeder erwartet irgendwie eine kulinarische Hymne auf die “Auberge de L`Ill”.  40 Jahre ununterbrochen 3-Sterne im Michelin – das flösst ja auch irgendwie Respekt und Hochachtung ein. Ich versuchs mal mit einem sechsgängigen Menue.

1. Gruß aus der Bratwurstküche:
Unser Ausflug nach Illhaeusern im Elsaß ist ein weitere kulinarischer Höhepunkt unserer Reise nach der  niederschmetternden Bratwurstbewertung am Tag zuvor auf dem Münsterplatz zu Freiburg. Der Ausflug ins Elsaß wird teuerer als das rustikale Essen in der Münsterstadt, aber deutlich billiger als das Haeberlin-Menu zu 148 € pro Nase.

2. Vorspeise:
Die Anfahrt von Sélestat nach Illhaeusern ist eine schöne Tour durch eine flache Schilflandschaft, die man hier “Le Ried” nennt. Man fährt in den putzigen Ort ein und erst an der Brücke über das Flüsschen Ill bemerkt man am Verkehrs- und Fußgängeraufkommen sowie der Fotoapperatdichte, dass man angekommen ist, bei den Haeberlins, die weit weg von allem TV-Getöse seit 40 Jahren Küchenmaßstäbe gesetzt haben. Vor kurzem das Ende einer Epoche: Senior-Patron Paul Haeberlin, der “König des Froschschenkels” (SZ) ist im April dieses Jahres gestorben, sein Bruder Pierre ist schon länger tot, jetzt kocht Pauls Sohn Marc.

3. Fleischgericht:  Vor dem Restaurant mit angeschlossenem Gästehaus und wundervollem Garten am Flüsschen drängeln sich an diesem Sonntag um die Mittagszeit etwa 30 Menschen und vier Porsche mit französischen, deutschen und schweizer Kennzeichen. Ein junges Paar, das aus einem der teuren Flitzer steigt, wird sofort taxiert: Schauspieler ? Rockmusiker ? Keiner kennt den Pferdeschwanzträger mit der lässigen Lederjacke und erst recht keiner seine dunkelhaarige Begleitung – sehr jung und sehr, sehr hübsch. Enttäuscht wendet man sich der Speisekarte zu, die meisten verstehen nicht alles und diskutieren lieber über die Preise. Ein schweizer Paar hat aus dem Internet einen Ausdruck aus dem “web-Journal.ch” dabei. Man erkennt Schwarz-Weiß-Fotos mit vielen wichtigen Menschen. Es handelt sich – wie wir später nachlesen – um Bocuse, Stucki, Giscard `d`Estaing und andere.

4. Fischgericht:
Ein kleiner Spaziergang über die Ill-Brücke. Vorne sieht man eh nichts, eine diskrete Holzverblendung schützt die Gäste und das Personal vor allzu neugierigen Blicken. Das ist auch völlig in Ordnung. Auf der anderen Seite des Flusses haben sich die Michelin-Touristen mit der langen Brennweite aufgebaut. Durch die Weiden sieht man hinten die Gäste in schönem Ambiente an den schön gedeckten Tischen tafeln. Ein hübscher Anblick.

5. Nachtisch:
Auf dem Dach der Kirche direkt neben der Auberge sitzt das übliche elsässische Storchennest. Einer der Weißstörche fliegt ein, lässt sich nieder, klappert die Gäste aus, die sofort ihre Fotoapperate zücken. Schönes Motiv: vorne das Schild des berühmten Restaurants, dahinter der inoffizielle elsässische Wappenvogel. Einpacken, weiter gehts.

6. Digestiv:
Es lohnt durchaus, in Illhaeusern zu bleiben. Platz bei Haeberlins hätte es für eh nicht gegeben, vier bis sechs Wochen vorher sollte man schon reservieren, wenn man am Wochenende hier einkehren will. Gegenüber:das  Restaurant “A la Truite”. Dort gibt es einen freien Tisch auf der wunderschönen Terrasse direkt über dem Fluss. Auf der Karte: “Le Presskopf Maison vinaigrette”, “Rognons à la moutarde à l`ancienne” und “Le Kogelhopf glacé au kirsch maison” – Das klingt nicht schlecht. Und der Preis für das regionale Menu von 27,50 ist zumindest geldbeutelfreundlich.

Sigmund Lindauer und der Büstenhalter

Nein, ganz ehrlich ! In diesem Beitrag geht es nicht um das Korsett im Allgemeinen und den Büstenhalter im Besonderen, auch wenn die „Ansichtssachen“ diesen Eindruck erwecken könnten.  Irgendwie geht es aber dann doch immer wieder um den BH –  da kommt man nicht ganz daran vorbei. Aber eigentlich ist dieser Beitrag Sigmund Lindauer aus Bad Cannstatt gewidmet, dem Menschen, der den ersten in Serie hergestellten BH erfunden hat. Und damit geht es  um eine deutsch-jüdische Unternehmergeschichte.

Sigmund ist der Sohn des jüdischen Unternehmers Salomon Lindauer senior und wird 1862 geboren. Der Vater betreibt die Textilfirma Guttmann in Cannstatt – ein angesehener Bürger, der auch sechs Jahre lang im Gemeinderat wirkt. Er stellt unter anderem Corsagen her,  er benennt die Fabrik 1882 in  „S. Lindauer & Co.“ um.

1890 wird der  Markenname „Prima Donna“ erstmals eingetragen.   Die Geschäfte gehen wirklich gut, „Prima Donna“ aus Cannstatt wird eine der führenden Wäschemarken für die eleganten  Damen in Europa mit einer imposanten Fabrik in der Cannstatter Vorstadt und sogar mit einer Filiale in New York.

In dieser Zeit gibt es einen regelrechten Wettlauf um den Büstenhalter, der die unbequemen Korsetts ersetzt, nicht so sehr aus emanzipatorischen sondern eher aus tragepraktischen Gründen.  In Frankreich wird das erste Patent für eine Art Büstenhalter 1889 auf die Französin Herminie Cadolle eingetragen, in Deutschland gründet sich sieben Jahrespäter der „Allgemeine Verein für die Vereinfachung von Damenkleidung“, und nochmals drei Jahre später meldet eine gewisse Christiane Hardt aus Dresden beim Reichspatentamt das „Frauenleibchen als Brustträger“ an. 

Sein Schwiegersohn Wilhelm Mayer-Ilschen, verheiratet mit seiner Tochter Anna, ist vom Fach, von Beruf Miedermacher ,und tüfftelt mit Lindauer weiter. 1912 lassen sie in der Fabrik in Bad Cannstatt den ersten Brusthalter in Serie gehen, der erste BH ohne Längs- und Querstützen, ohne Versteifung also, aus Seidentrikot, direkt auf der Haut zu tragen, der sogenannte  „Hautana“ . Er wird später unter diesem Namen  in der Trikotweberei Ludwig Maier und Cie. in Böblingen in großem Stile gefertigt wurde. Mit dieser  Produktion  wurde die Böblinger „Hautana“ zeitweise der größte Arbeitgeber der Stadt.

Der Ruhm aber, den ersten in Serie hergestellten Büstenhalter auf den Markt gebracht zuhaben, gebührt Sigmund Lindauer.

Er erlebt den Siegeszug des BH nach dem ersten Weltkrieg noch, stirbt im Oktober 1935 und wird auf dem Pragfriedhof eingeäschert. Er bekommt als Jude aber noch mit, wie sich die Nazis in Deutschland breit  und breiter machen. Sein Schwiegersohn Wilhelm Mayer-Ilschen, ein Arier, ändert 1938 den Namen der Firma von “ S. Lindauer & Co“ in „Wilhelm Mayer -Ilschen Korsett- und Trikotagenfabrik“ um. Damit entgeht die Firma der Zwangsenteignung. Der Chef der Böblinger „Hautana“ übrigens, der jüdische Unternehmer Leon Sussmann, stirbt ebenfalls im Jahr 1935 – seine Firma aber  wird „arisiert“.

An Sigmund Lindauer selbst erinnert in Bad Cannstatt wenig. Auf dem Familiengrab der Mayer-Ilschen auf dem Uff-Kirchof in Bad Canstatt : eine kleine Tafel für den Unternehmer und seine Frau Rosa, eine geborene Kahn. Rosakommt in Theresienstadt um und gilt seit 1942 als verschollen. Nach Sigmund Lindauer ist in Bad Cannstatt ein Weg benannt – dort liegt das Jugendhaus Hallschlag. Immerhin: dem Südwestrundfunk war Lindauer im Rahmen des Beitrags „Patente und Talente“ einige Gedanken wert.

In die ehemalige Lindauersche Fabrik in der Hallstraße in der  Bad Cannstatter Vorstadt, unweit der Wilhelma, ist wieder Leben eingezogen. Im wunderschönen Backsteinbau mit seinem Türmchen auf der Rückseite arbeiten heute freiberufliche Film- und Fernsehleute, IT-Spezialisten und Werbeagenturen.

Das Auge der Riefenstahl

(c) Staatsarchiv Freiburg

Sepp Allgeier – das klingt banal. Irgendwie wie Franzl Huber oder Loisl Weidinger, das riecht nach Bergidyll und Lederhose, nach Hergottswinkel und Almabtrieb. Aber dieser Allgeier war ein Schwarzwälder und einer, der die Welt des Films verändert hat, wie nur wenige. Einer der umstritten war und ist, an den in Deutschland kaum erinnert wird.

Im Schwarzwälder Skimuseum in Hinterzarten hängen einige beeindruckende und harmlose Fotos von ihm, in Freiburg gibt es eine nach ihm benannte Straße, über die ich neulich bei einem Besuch meines Bruder gestolpert bin. Aber sonst ?
Dabei war Josef “Sepp” Allgeier der Kameramann von Leni Riefenstahl.

Josef Allgeier ist in Freiburg zur Welt gekommen, hat eine Lehre gemacht – als Textitlzeichner. Seine ungewöhnliche Leidenschaft aber waren Bilder: Bilder aus den Bergen, Bilder von Skiläufern, von Bergsteigern, von Menschen in Extremsituationen, aufgenommen in extravaganten Situationen und dramatischen Bildkompositionen.

Allgeier arbeitete früh für eine Freiburger Filmfirma, mit der er 1912 den Film “Alpine Technik des Kletterns” drehte. Er war unterwegs mit Polarexpeditionen, im Balkankrieg, dokumentierte die Besteigung des Monte Rosa, wurde Kriegsberichterstatter im ersten Weltkrieg. Über seinen Schwager hatte er den Regisseur Arnold Franck kennengelernt, mit dem er einige Filme realisierte.

Richtig bekannt wurde er einer breiten Öffentlichkeit über die Filme mit dem Südtiroler Luis Trenker, etwa der “Rebell” oder “Berge in Flammen” oder “Der heilige Berg”, “Die weiße Hölle vom Piz Palü”. Diese Filme machten auch die junge Leni Riefenstahl berühmt.

Seine Filomgraphie liest sich insgesamt reichlich pathetisch: “Die Tragödie der Schröder-Stranz-Expedition” (1913), “Alpentragödie” (1927) oder “Tagebuch einer Verlorenen” (1929). Insgesamt sind etwa 70 Filme dokumentiert, an denen Sepp Allgeier beteiligt war. Über den Menschen Sepp Allgeier ist dagegen wenig in Archiven hinterlegt.

Das hat wohl mit der Rolle zu tun, die er in den 30er Jahren spielte. Leni Riefenstahl, die über die Bergfilme zur neuen deutschen Heroin geworden war, arbeitete früh als Regisseurin mit Allgeier zusammen und machte ihn zu ihrem Chef-Kameramann in “Sieg des Glaubens” und “Triumph des Willens”. Jenen Dokumentarfilmen, die Hitler und Co mit völlig neuen ästhetischen und gestalterischen Maßstäben der Kamera und des Bildschnitts inszenierten. Allgeier wurde das “Auge” der Riefenstahl, für die er auch den Polen-Feldzug drehte.

In den Veröffentlichungen von “Der Archivar” heißt es nur lapidar, dass Allgeier 1936 zum “Reichskultursenator” ernannt wurde. Interessant allerdings: Allgeier hat einen imposanten Nachlass von mehreren tausend Negativen hinterlassen, die vom Staatsarchiv Freiburg erworben werden konnten. Nur Negative aus den Jahren 1933 – 1945 fehlen. Allgeier soll sie nach Angaben seiner Verwandten vernichtet haben.

Nach dem Krieg kehrte Allgeier nach Freiburg zurück, arbeitete als Kameramann bei Sportereignissen, wurde Chefkameramann beim Südwestfunk in Baden-Baden (heute SWR). Seine späten Filme heißen dann “Wintersonne über dem Schwarzwald” (1950), “Es steht eine Mühle…” (1951) oder “Baden – der Garten Deutschlands ” ((1951). 1966 erhielt Allgeier das “Filmband in Gold”, zwei Jahre vor seinem Tod.

Sepp Allgeier: ein absolut interessantes, widersprüchliches Leben. Es wird Zeit, mehr über diesen Menschen, seine Motvation, seinen Enthusiasmus für Bilder und seine politischen Motive zu erfahren. Sein Buch “Die Jagd nach dem
Bild” von 1931 ist noch in einzelnen Antiquariaten erhältlich.

Allgeiers Sohn Hans-Jörg ist ebenfalls Kamermann geworden. Er drehte unter anderem Spielfilme mit Sönke Wortmann, Tatort-Krimis und Bloch-Episoden.