Geisterstunde

Heute, am Vorabend von Halloween, ist mir doch etwas mulmig. Seit der Zeitumstellung ist es jetzt nach 19 Uhr schon sacknacht, wenn ich von der Montagsdemo am Hauptbahnhof nach Hause fahre und dann noch den dunklen Weg durch den Uff- Kirchhof vor mir habe. Die „ewigen Lichter“ zu Allerheiligen werfen ein schummriges Licht auf den Holperweg, der mitten durch die Grabstätten führt. Einmal tief Luft holen.

Geisterstunde.

Ich erinnere mich an den Onkel mütterlicherseits, ein rechter Hallodri, in seinen Jugendjahren ein Frauenschwarm. Im Dorf wurde er „Kennedy“ genannt, wegen seines fabelhaften Aussehens und wegen seinen schauspielerischen und sängerischen Fähigkeiten im Saal des Landgasthauses zur „Sonne“. Später, als wir in die nahe Stadt gezogen sind und er alleine im Haus auf dem Berg lebte, zwischen katholischer Kirche und jüdischem Friedhof, ist er doch ein rechter Angsthase geworden. Die Beleuchtung in diesem Teil des Dorfes war jämmerlich bis nicht vorhanden.

Weil er nun aber ein Hallodri war, wußte er, wie er allen potentiellen Übeltätern eine lange Nase machen konnte. Es ist mehrfach verbürgt, dass er nach dem Verlassen des Dorfgasthauses noch geistesgegenwärtig genug war, sich zwei Zigaretten der Marke „Kur Mark“ anzuzünden. Eine links, eine rechts, begab er sich wild gestikulierend den dunklen Berg hinauf, erfand einen blödsinnigen Dialog, den er in unterschiedlichen Stimmlagen in die Nacht hinein brabbelte. Das MUSS gewirkt haben. Er schwor später Stein und Bein, dass ihn nur diese Finte vor einem Überfall gerettet hat.

Geisterstunde.

Mit gehen wirre Dinge durch den Kopf. Frau Merkel schlingert sich zum Mindestlohn. Ein Caritas-Mitarbeiter darf wegen einer Papst-Satire im Internet fristlos gekündigt werden. Und die Stuttgarter Polizei will im Vorfeld der sogenannten Volksabstimmung Gefängniscontainer für Demonstranten errichten. Guantanamo auf dem Cannstatter Wasen ? Sind heute alle durchgeknallt ?

Ich stehe am Tor zum Friedhof und taste nach den Zigaretten in meinem Mantel. „Wir schaffen das schon“, sagt eine Stimme aus dem Dunkel hinter mir. Es ist mein Nachbar, ein französischer Ingenieur und passionierter Himalaya-Bergsteiger. Er muß lachen, ich muß lachen. Plaudernd wandeln wir durch den dunklen Friedhof. Ohne Zigaretten.

Halloween kann kommen. Ich werde nachher den Kindern von gegenüber Süßigkeiten aus dem Fenster werfen.

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9 Gedanken zu “Geisterstunde

  1. Als katholisch erzogenes Richensalein lustwandelten wir am Tag vor Allerheiligen ganz helloweenich mit Gartengerät, Tannenzweigen zum Abdecken der Restpflanzen auf den Gräbern von Urgroßeltern, Großtante und Großvater auf den Friedhof. Alles wurde für den Winter chic gemacht und dann die Grableuchten aufgestellt, hübsch gruppiert. Und wie gerne sind wir abends auf den im Lichtermeer schimmernden Friedhof gegangen und haben dann geschaut, wer am schönsten dekoriert hatte. Richtig aufregend wurde es, wenn man feststellen musste, dass die größere Hauptleuchte, die auch nicht rot, sondern kerzenfarbig leuchten sollte, geklaut war! Und das im lieblichen Ostwestfalen! Tsssssss!

  2. Ich mußte über den Friedhof zum Kindergarten. Die Hauptgefahr war, daß ich irgendwo in Betrachtung eines herrlich kitschigen Grabsteins auf der Strecke blieb (und Stunden später von besorgten Eltern eingesammelt wurde). Seitdem mag ich Friedhöfe; sogar im Dunkeln.

  3. Prima Tipp. Ab jetzt habe ich immer eine Schachtel Zigaretten in der Tasche und muss um keinen Berliner Park mehr herumlaufen. Die Gedanken, dass alles um einen herum ins Absurde abdriftet, kenne ich.

    1. arrrgh – wo kam das e her? – Aus dem letzten Glas Chardonnay gestern vermutlich. Aber das Internet vergisst und vergibt nicht, also:

      memento halloweeni

  4. Eine schöne Geschichte. Ich finde es merkwürdig, dass da ein Fußweg direkt über den Friedhof führt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass dieser Weg nachts besonders beliebt ist, ob mit oder ohne Allerseelen-Kerzchen.
    Gefängniscontainer für Demonstranten: Klingt nicht gut.

    1. Man kann natürlich auch um den Friedhof rumlaufen, im Licht der Straßenlaternen. Aber das ist die dreifache Strecke entlang der Straße.

      Im Sommer ist der Weg durch den Fiedhof – so blöd das jetzt auch klingt – eine kleine Verschnaufpause, bevor es in den Job geht. Und im Winter: naja, meistens steige ich nicht alleine aus der U-Bahn, man kann also spontan Friedhofs-Laufgemeinschaften gründen.

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