Hui und Pfui

Ein schönes mittelalterliches Städtchen im Hinterland der Küste, eine geschlossene Altstadt, zehn Geschlechtertürme wie im toskanischen San Gimignano, nette Cafés, eine schöne Promenade unter alten Bäumen am Centa-Fluss, eine Open-Air-Kunstgalerie im Gassengewirr, sogar einen Mini-Flughafen gibt es in Albenga. St. Michael ist der Schutzpatron der Stadt, die mal Bischofssitz war, entsprechend eine prächtige Kathedrale hat und in deren Schatten das schlicht-kraftvolle Baptisterium aus dem fünften Jahrhundert liegt.

Soviel zur Schokoladenseite dieser Schönheit. Wie die meisten Städte
an der ligurischen Küste durchschneidet eine Bahnlinie brutal die Stadt. Hui und Pfui liegen dicht nebeneinander. Wer drunter durchgeht Richtung Meer, kommt (wie fast überall an der Küste) in eine seelenlose Neustadt mit Allerweltsbauten und dem üblichen und geschmacklosen Kinderkarrussel am Meer. Einzig der wunderbare Blick auf die vorgelagerte Insel Gallinara und die Kitesurfer, die durch die weite Bucht fegen, entschädigen für dieses städtebauliche Niemandsland. Also lieber subito zurück ins „centro storico“.

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6 Gedanken zu “Hui und Pfui

  1. Ein paar schöne Orte gibt es an der ligurischen Küste glücklicherweise doch noch. Ich habe einmal ein paar Tage Campingurlaub gemacht in den Hügeln oberhalb von Albenga, der Platz hieß „C’era una volta“ (es war einmal) und so fühlte ich mich dort auch, dort herrschte noch „heile Welt“, die Zikaden sangen, das Grün war nicht Betonbauten gewichen – ich hatte kaum Lust, ans Meer zu fahren in die abgezirkelten bagni.

  2. Das schlimme: Es lässt sich weder rückgäng machen noch verbessern, das hässliche Neue bleibt genau so für immer wie das schöne Alte. In manchen Gegenden gibt es nicht mal das schöne Alte.

  3. Immerhin haben sie die Altstadt nicht plattgemacht für die neue.

    Gewerbegebiete! Damit franst jede Stadt häßlich aus, und sie versorgen den Hineinreisenden gleich mit dem schlimmstmöglichen Eindruck. Außerdem, das weiß ich vom Wandern, sind sie nicht für Fußgänger gemacht; jeder Meter bläht sich auf mindestens das Doppelte.

  4. Als Kind habe ich alle zwei Jahre Strandurlaub gemacht in so einem seelenlosen Städtchen ohne Schokoladenseite. Für mich war das das Schönste überhaupt: jeden Morgen mit den notwendigen Kleinigkeiten für den Strand durch den ganzen Ort laufen, die Bahnlinie auf halber Strecke zum Bagno überqueren und eventuell auch bei geschlossener Schranke warten. Mittags zurück ins Hotel, nachmittags wieder an den Strand. Ich war Jahre später nochmal da und total entsetzt, wie hässlich der Badeort wirklich ist. Und verwundert, mit welcher schlafwandlerischen Sicherheit man sich in so einer schönen Gegend so etwas als Urlaubsdestination aussuchen konnte. Meinen Eltern ging es übrigens ganz ähnlich…

    1. Schaurig-schöne Erinnerungen.

      Mir fällt grade ein, dass es an der adriatischen Küste nicht beser ist. Rimini ist zerschnitten und all die Kommunen südwärts. Einmal, das war in einer Gemeinde bei Ascoli, ist nach einem Regenguß die gesamte Unterführung abgesoffen. Das war vielleicht ein Spektakel.

  5. Mir gefällt sehr das Boot, das durch die steinige Gasse zu fahren scheint. Und der Turm im Fenster. Der Text hat mich daran erinnert, dass es eigentlich überall dieses seelenlose Niemandsland gibt, nicht nur in Italien. Die putzigen Fachwerkhäuschen oder die barocken Bürgerhäuser oder Gründerzeit-Stadthäuser stehen immer für eine Stadt und nicht das Gewerbegebiet und die Einfamilienhaus-Zersiedelungen. Im Prinzip ein Armutszeugnis für das meiste, was nach dem 19. Jahrhundert gebaut wurde.

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