70 Jahre danach

Fernweh

„Für immer Partisan“ – steht auf dem T-Shirt des Mannes. Er trägt einen Trikolore-Schal um den Hals, wie die meisten der Anwesenden, und schaut feierlich in die Runde. Er dürfte Mitte 70 sein und hat das Ereignis, das heute zelebriert wird, wohl nur als Kind erlebt. Aber das ist egal – in San Bernardo di Conio sind die dominierenden Farben an diesem Tag Grün, Weiß und Rot. Heute, am ersten Sonntag im September, wird wieder der Sieg der Resistenza gegen die Faschisten gefeiert. Genau vor 70 Jahren hatte eine kleine Einheit des italienischen Widerstandes eine strategische Stellung der Wehrmacht am Montegrande übertölpelt und einen der wichtigen Siege gegen die deutschen Besatzer errungen. Solche Jahrestage werden in Italien mit großem Stolz und großer Inbrunst gefeiert. Natürlich erheben sich alle und singen die Nationalhymne mit, dann gedenkt man der im vergangenen Jahr verstorbenen Kombattanten – und legt einen Kranz nieder. Wie jedes Jahr übernehmen diese ehrenvolle Aufgabe die Kämpfer von damals. Drei von ihnen sind heute auf den Bergsattel über dem Maro-Tal gekommen, sie sind die stillen und bescheidenen Stars der Gedenkveranstaltung, sitzen in der zweiten Reihe, hinter den Würdenträgern aus Politik und Militär. Zum runden Jahrestag sind besonders viele Gäste nach San Bernardo di Conio gekommen, es gibt eine Fotoausstellung mit historischen Bildern aus den letzten Jahren des Zweiten Weltkrieges, anschließend wird fröhlich gegessen, getrunken und gefeiert. Bis zum nächsten Jahr wird die Erinnerungen an die Helden von damals im kleinen Museum der Resitenza in Carpasio hochgehalten.

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Tag des Gedenkens

Bemerkenswertes, Fernweh

Ziemlich unbemerkt von der großen politischen Weltbühne wird am kommenden Sonntag in Ligurien ein besonderer Jahrestag gefeiert.

Monte Grande

In San Bernardo di Conio, ganz oben auf dem Sattel über dem Tal des Impero, werden Hinterbliebene und einige Lokalpolitiker an die Schlacht am Monte Grande erinnern.

Damals, Anfang September 1944, waren mehrere Partisaneneinheiten in den Bergen eingekesselt. Deutsche und italienische Soldaten kontrollierten das Gebiet vom Monte Grande aus, der mit 1418 Metern Seehöhe das Impero-Tal überragt. Angeführt von Gismondi „Mancen“ und Franco alias „Stalin“ Bianchi stürmten 17 Mann der Abteilung Garbagnati reichlich wagemutig den Gipfel, übertölpelten die zahlen- und waffenmäßig bei weitem überlegenden Deutschen in ihrer Stellung und erbeuteten jede Menge Waffen und Material. Damit war der Weg für die Partisanen aus der Umzingelung frei, der blutige Kampf ging aber noch einen Winter lang weiter.

Immer an einem Sonntag um den 5. September herum findet in San Bernardo eine Gedenkfeier für diesen Sieg und vor allem für die Opfer des Krieges statt. Im kommenden Jahr sind es schon 70 Jahre. Und die Zahl derer, die sich noch wirklich daran erinnern können, wird von Jahr zur Jahr kleiner.

Besuch in Torre Paponi

Fernweh

Es machen sich nicht so wahnsinnig viele Leute auf nach hinten ins Tal, auf der SP 45 Richtung Pietrabruna. Allenfalls die, die dort bei einem der kleinen Olivenmüller einkaufen wollen. Das karge Hochtal an der Südflanke des Monte Faudo ist Olivenland. Oder Feinschmecker, die unbedingt einmal die Küche im kleinen Restaurant von Torre Paponi probieren wollen.

Vielleicht wird sich auch mancher wundern, warum neben dem Parkplatz am Ortsrand ein merkwürdiges, weißes Monument steht, das eher an einen Astronauten-Obelisk erinnert. Aber: der kleine Fleck war Schauplatz eines blutigen Massakers gegen Ende des zweiten Weltkriegs. Warum gerade Torre Paponi ? Denn eigentlich waren Orte wie Pietrabruna oder Pigna eher dafür bekannt, dass sich dort Widerständler versteckten oder mit Essen und Munition versorgten.

Fest steht aber: als Racheaktion für die Erschießung eines deutschen Wehrmachtsangehörigen in der Nähe von Imperia wurde im Dezember 1944 erst Pietrabruna von der deutschen Artillerie beschossen und dann – am 16. Dezember – das Dorf Torre Paponi unterhalb in Brand gesteckt. 28 Frauen und Männer – darunter zwei Priester – fielen dem Massaker zum Opfer. Grade noch knapp 40 Einwohner leben heute in Torre Paponi – und in fast jedem Haus gibt es noch Überlebende des Massakers.

Das Nest der Spinnen

Fernweh

Viele, die nach San Remo oder Sanremo kommen, kennen nur die Sonnenseite, das Dreieck zwischen dem alten Hafen, der Spielbank und dem Theater Ariston am Ende der prachtvollen Fußgängerzone Corso Matteotti. Dort lässt es sich auch prima schlendern und shoppen oder zur Not zocken. Nur zwei Straßenzünge weiter liegt eine der spektakulärsten Altstädte Italiens: La Pigna (Der Tannenzapfen). Der älteste Stadteil Sanremos ist ein Labyrinth an Gassen, Treppen, Plätzen, Torbögen, Wäscheleinen und Pflastersteinen. Rein kommt man nur zu Fuß, das erklärt, dass Busladungen voller Urlauber, die in fünf Tagen die Schönheiten der Blumenriviera durchpflügen, meistens draußen bleiben.

Vor Jahr und Tag

Stuttgart

20. August 2010 am Hauptbahnhof Stuttgart

Kommende Woche jährt sich der Abriss des Nordflügels am Stuttgarter Hauptbahnhof. Damals, in jenem Sommer, standen tausende von Stuttgartern einfach nur da, schauten, heulten, ballten die Hände in den Taschen zu Fäusten, trillerten, diskutierten, tösteten – und waren fassungslos über die Brutalität und die bürgerverachtende Hochnäsigkeit, mit der ein Konzern unter Mitwirkung der herrschenden Parteien und den interessierten Lobbygruppen seine Interessen durchzusetzten versuchte.

Und heute ? Von Rambo Mappus spricht niemand mehr, er verdient seine Brötchen als hochdotierer Pillenverkäufer bei Merck. Die schwarze Mamba Tanja Gönner ist im Nirwana ihrer Floskeln verschollen. Grün-Rot regiert das Land, Kretsch ist der erste grüne Ministerpräsident der BRD und immer noch oder jetzt erst recht Kult.

Wir haben einen eigenen unabhängigen Fernsehsender namens Flügel.tv, zwei neue unabhängige Zeitungen, einundzwanzig und Kontext, wir haben mit den Parkschützern eine gut vernetzte Bürgerinitiative im Netz und auf der Straße. Neulich gab es im Schloßgarten die erste Trauung zweier engagierter Erdbahnhofsgegner.

Wutbürger (besser:Mutbürger) ist ein Synonym dafür geworden, dass die Menschen sich endlich nicht mehr alles von oben herab diktieren lassen wollen, Stuttgart 21 ist der Inbegriff für eine verfehlte, investorenfreundliche Projektpolitik nach Gutsherrenart geworden.

Wir haben in dieser Stadt aber auch Freundschaften, die im Streit um den Bahnhof zerbrochen sind, wir haben zwei Lager, die sich spinnefeind und teilweise agressiv gegenüberstehen, unversöhnlich trotz Schlichtung. Wir haben Bürger, die erschöpft sind vom langen Widerstand, und Bürger, die endlich eine Entscheidung haben wollen, so oder so.

Geschichte wiederholt sich. Diese Woche hat die Bahn angekündigt, der Südflügel werde noch im September fallen. Nichts aus der Geschichte lernen – auch das wiederholt sich. Der Nordflügel ist seit vergangenem Herbst platt gemacht, bis auf ein überdimensioniertes Werbeplakat für den Bahnhof der Zukunft ist gar nichts passiert an dieser Stelle. Der Abriss des Südflügels ist bautechnisch zu diesem Zeitpunkt völlig unnötig. Bahn und Bund sind genervt vom permanenten Widerstand, wollen wieder ein Zeichen setzen, wollen Grün-Rot auf Steuerzahlers Kosten weiter unter Druck setzen. Und niemand ist in Sicht, der diesen Wahnsinn stoppen wird.

Es wird wieder Herbst in Stuttgart, in der Spätzlesmetropole, die sich in 12 Monaten ziemlich verändert hat – und die ihren Frieden immer noch nicht finden kann.

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Heute in der Stadt, Stuttgart

Morgen ist mal wieder ein besonderer Tag in Stuttgart. Vor genau einem Jahr hat die Mahnwache am Nordflügel des Hauptbahnhofs ihr Zelt aufgeschlagen. Seitdem – ohne jede Unterbrechung – ist es die wahrscheinlich längste Rund-um-die-Uhr-Protestwache in der deutschen Geschichte. Zeit zum Feiern – Zeit zum Grübeln.

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An Montagen geht man natürlich bei der Mahnwache vorbei, vor der Demo, versorgt sich mit neuesten Flyern und gelegentlich mit den witzigen und kreativen Buttons gegen Stuttgart 21, bewundert das Pflanzenwachstum im angelegten Mahnwachengärtchen, dort, wo früher einer der Bäume stand, die den übereilten Vorarbeiten für ein Technikgebäude weichen mußte. Zeit für ein kurzes Schwätzchen ist meistens, Zeit auch, was in die Spendenbüchsen zu stecken. Die Mahnwache finanziert sich ausschließlich aus Spenden – und lebt  vom ehrenamtlichen Engagement der Erdbahnhof-Gegner.

Im vergangenen Sommer ist dies der Platz, der für viele Stuttgarter den Alltag verändert. Jeden Tag stehen tausende vor dem Nordflügel, versuchen, den barbarischen Abbruch durch bloße Anwesenheit und Trillerpfeifen zu verhindern – viele haben Tränen in den Augen und eine unglaubliche Wut im Bauch, als der Bagger sich gnadenlos in das denkmalgeschützte Gebäude frisst. Entlang der Baustelle entsteht der Bauzaun, der zur touristischen Sehenswürdigkeit wird und bald im Haus der Geschichte zu sehen ist.

Mahnwache: bei Wind und Wetter, im Schneetreiben und bei brütender Hitze, bei Tag und in der Nacht,  rund um die Uhr. Etwa 600 Menschen sind es, die sich diesen Knochenjob teilen. Ihnen gilt meine aufrichtige Bewunderung. Ich selbst habe im vergangenen Jahr gemerkt, dass mir der Widerstand an die Substanz geht. Damals, als der Nordflügel abgebrochen wird, ich jeden Tag vor Ort bin, nachts bei jedem  Martinshorn fast aus dem Bett falle, immer besorgt, ob sich meine Jungs zurückhalten können und sich nicht von der Polizei und ihren Provokateuren aufheizen lassen.

Die Leute von der Mahnwache haben ihren Lebensrhythmus dem Widerstand angepasst. Ich kenne Leute, die haben, nachdem die Kinder flügge geworden sind und die Ehe gescheitert ist, im Widerstand eine neue Lebensaufgabe gefunden. Ich kenne auch Leute, die kriegen die Baggerbilder vom vergangenen Jahr und die Prügelbilder vom Herbst im Schloßgarten nicht mehr aus ihrem Kopf. Deshalb sind sie hier.

Morgen wollen wir sie hochleben lassen. Mit der unermüdlichen Compagnia Sackbahnhof, Schwoißfuaß, Joo Kraus und vielen anderen. Macht weiter – und bleibt oben ! !