Das Jahr ohne Sommer

Bemerkenswertes

Eigentlich verdiene ich meine Brötchen mit ganz anderen TV-Formaten: Reisereportagen und Dokumentationen sind mein Metier. Aber jetzt hat mich schon wieder ein historischer Stoff gepackt. Nach dem 5-Teiler „Sagenhafter Südwesten“ geht es in diesem Jahr um eine unglaublich dramatische Etappe der württembergischen Geschichte. Im September 2018 wird das Cannstatter Volksfest – neben dem Oktoberfest in München das zweitgrösste Volksfest der Welt – 200 Jahre alt. Wie es zum Fest überhaupt gekommen ist, das wissen nicht mehr viele. Schon gar nicht die vielen hunderttausend Kids, die sich auf dem Wasen in Dirndl und Lederhosen allherbstlich die Kanne geben und Party feiern.

Gehen wir also mal 200 Jahre zurück – genauer: 203 Jahre. Im April 1815 fliegt in Indonesien der Vulkan Tambora in die Luft. Ein Jahr später erlebt Mitteleuropa das „Jahr ohne Sommer“. Während in Wien der Kongress tanzt, krepieren die gebeutelten Bauern in Württemberg. Es regnet und schneit einen Sommer lang – Weltuntergangsstimmung. Als der „dicke Friedrich“ stirbt (ausgerechnet an einer Lungenentzündung, verursacht durch die Wetterkatastrophe), beginnt die Regentschaft von Wilhelm I und seiner russischen Frau Katharina, einer Zarentochter. Als „Zeichen der Hoffnung“ stiftet Wilhelm das landwirtschaftliche Fest zu Cannstatt. Es soll nicht die einzige fortschrittliche Tat des Paares werden: Suppenküchen, Mädchenschulen, Sparkassen, Hospitäler und die Gründung der Universität Hohenheim werden folgen.

Die Geschichts-Doku ist also eine Zeitreise ins frühe 19. Jahrhundert, macht aber immer wieder auch Sprünge in die Jetztzeit. Wie ist die Situation der Bauern heute? Wie sieht Carl Herzog von Württemberg die Rolle seiner Vorfahren? Wie hat sich das Cannstatter Volksfest bis heute verändert?

Das Drehbuch hat fast 300 Positionen, die ersten Drehs sind abgeschlossen, die Massenszenen werden noch folgen. Und dann geht es monatelang in den Schnitt. Am 19. September muss der Film fertig sein, dann ist große Premiere im Stuttgarter „Metropol“.

Es werden also spannende Monate kommen…

 

 

Das schwäbische Tadj Mahal

Bemerkenswertes, Stuttgart

Kuppel in der Grabkapelle

„DIE LIEBE HÖRET NIMMER AUF“ steht, leicht theatralisch, über dem Eingang der Grabkapelle auf dem Rotenberg oberhalb von Untertürkheim. Der Rotenberg ist DER Berg der Schwaben schlechthin. Immerhin war hier mal die Stammburg der Wirtemberger. Heute blickt man von hier oben auf die vollgeklatschte Industrielandschaft entlang des Neckars – Hafen, Daimler, so weit das Auge reicht, in der Ferne der Killesberg.Blicken wir lieber in die Geschichte des schwäbischen Tadj Mahal, eine hollywoodreife Verstrickung von Liebe, Leidenschaft und Betrug und ein interessanter Ausflug in die alten Verbindungen zwischen Württemberg und Russland.

Die Hauptdarsteller:
Kronprinz Friedrich Wilhelm Carl von Württemberg, der spätere König Wilhelm I, ein verschlossener und „sperriger Monarch“, erst reformfreudig, im Alter ein pedantischer Paragraphenreiter, den Frauen immer zugeneigt. Und: Katharina Pawlowna Romanowa, Großfürstin von Russland, Cousine von Wilhelm und in zweiter Ehe (für beide) seine Frau, eine damals durchaus übliche, strategische Heirat in der Zeit nach dem Wiener Kongress.

Ersparen wir uns die mühsame Betrachtung  dieser kurzen Ehe – schauen wir lieber auf das abrupte Ende, dem wir Stuttgarter die Grabkapelle zu verdanken haben. Katharina ist in dieser Zeit so etwas wie die Mutter Teresa der verarmten Schwaben, dem Völklein, das durch Mißernten und regelmäßige Wetterkapriolen wie 1816, dem Jahr ohne Sommer, noch mehr Hunger als sonst leidet. Königin Katharina plant, leitet und finanziert den zentralen Wohltätigkeitsverein, gründet Stift und Hospital, ist die geistige Mutter der Sparkassen, organisiert Armenspeisungen und führt den Turnunterricht für Mädchen ein.

Das Volk, so ist in allen Veröffentlichungen nachzulesen, verehrt diese Katharina fast wie eine Heilige. Ihr überraschender Tod im Januar 1819 macht sie zur Überfrau in Württemberg. Sie stirbt an einer Grippe, verbunden mit den Folgen einer Gürtelrose. In Wirklichkeit, da sind sich die Quellen einig, rastet sie regelmäßig aus, weil der Gatte Wilhelm seine Finger nicht von der der italienischen Adligen Blanche de la Flèche lassen kann. Sie erwischt die beiden in flagranti, stürzte Hals über Kopf hinaus in die kalte Winternacht… Das Ende kennen wir.

Wilhelm I, der später weitere Romanzen unterhält, trauert angeblich schwer, macht sich aber mehr Sorgen um sein Renommee und um die Beziehungen zu Rußland. Erst lässt er das Belastungsmaterial verschwinden, Katharinas persönliche Briefe, dann baut er auf dem Rotenberg die prachtvolle Grabkapelle für Katharina, in der  auch er später begraben wird.

Katharina ist bis heute eine Lichtgestalt der württembergischen Geschichte. Der Weg zur Grabkapelle, gebaut vom italienischen Baumeister Giovanni Salucci, ist wie ein Pilgerweg. Und die Grabkapelle ist in der Neuzeit Schauplatz eines Krimis geworden. Thomas Hoeth hat in der Grablege eine bacchushafte Orgie angesiedelt, die zu einem wirren Spiel der Gefühle und Erinnerungen führt.

Katharina & Wilhelm I