Der Lehrmeister

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Mein Nachbar Giulio ist ein ungeheuer freundlicher Mann von Mitte 50, der Schalk blitzt ihm aus den Augen, wenn er sich in seinem ligurischen Dialekt über meine italienischen Gehversuche lustig macht. Nicht bösartig, ich denke, er will mich eher anspornen, meinen Wortschatz noch etwas zu verbessern. Die Grammatik, so glaube ich, ist ihm dabei ziemlich egal.

Die Tage habe ich mit Giulio über die aktuelle Olivenernte geredet. Er war grade dabei, seine APE mit frisch geernteten Oliven zu beladen und war eigentlich auf dem Sprung in die Ölmühle nach Borgomaro. Es hat ihn wohl gefreut, dass ich mich so für seine Arbeit interessiere und er hat mir kurzerhand seine Schatzkammer geöffnet. Im Hinterhof des Borgo führt eine steile Treppe in den Keller hinab. Dort lagert er seine Kostbarkeiten.
Der Keller ist aufgeräumt, blitzblank, wie geleckt. Es duftet betörend nach Obst, Gemüse und vor allem nach Öl. In fünf Edelstahltanks lagert er seine aktuelle Ausbeute: derzeit gut 700 Liter junges, kaltgepresstes Öl von seinen Bäumen in der Umgebung von Ville San Pietro. „Komm, riech !“, fordert er mich auf und öffnet den halb gefüllten Behälter, der mit  jeder Fahrt zur Mühle ein wenig mehr gefüllt wird. Das junge Öl riecht noch etwas eigenartig, hat auch noch eine stark grüne Färbung. „Es kratzt im Hals“, erklärt er mir, „erst in einem halben Jahr hat es seine volle Reife und ein gutes Aroma. Buono, buono“, murmelt er, holt eine Literflasche und füllt mir das neue Öl ab. „Lass es im Dunklen reifen, bis Juni, dann ist es so gut, wie es sein muss !“ Es sind die kleinen Ölhersteller wie Giulio, die den Ruhm des ligurischen Olivenöls begründet haben und bis heute alles dafür tun, dass nur allerbeste Qualität auf den begrenzten Markt kommt. Es ist und bleibt ein Naturprodukt, schonend hergestellt und zu 100 Prozent aus der Region, ungeeignet für lange Lagerzeiten oder für weite Transportwege. Gerade mal 0,5 % des italienischen Ölivenöls ist echtes ligurisches Öl aus der Taggiasca-Olive, hab ich neulich gelesen.

Einmal in Fahrt packt mir der Nachbar auch noch eingelegte Taggiasca-Oliven ein. Sie reifen gut ein halbes Jahr in Salzlake, dann sind sie eine köstliche Beilage zu Salami, Schinken und zum großporigen Bauernbrot.

Fein säuberlich aufgereiht stehen an der Seite des Kellers etwa 80 Flaschen auf einem breiten Regal. „Das ist unser Wein !“, sagt Giulio voller Stolz. Seine Schwester hat Weinberge in Ovada im Piemont, knapp 150 Kilometer von unserem Bergdorf entfernt. Giulio fährt regelmäßig zur Verwandschaft und pumpt sich die großen Kanister voll, mit Dolcetto und mit Cabernet Sauvignon. Daheim in seiner Schatzkammer wird der Wein in Flaschen abgefüllt und verkorkt. Ich verlasse Giulios Keller, bepackt wie ein Esel, mit Öl, Oliven, einer Flasche Weißwein und einem Roten.

Giulio muss mir noch viel beibringen. Über die Pflege der Olivenbäume, die Ernte, die Öl-Herstellung, die Lagerung. Immerhin haben wir 19 eigene Olivenbäume auf den steilen Terrassen hinter dem Haus und den ehrgeizigen Plan, nächstes Jahr unser erstes eigenes Öl herzustellen. Giulio wird ein guter Lehrmeister sein.

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8 Gedanken zu “Der Lehrmeister

  1. Von 19 Bäumen dürftest Du schon einen schönen Ertrag erwarten. Wie alt sind die Bäume?
    Erinnere mich sehr gut, als unser erstes kaltgepresstes aus eigenen Oliven endlich abgefüllt war: ich hütete es wie einen Goldschatz! Solch ein Öl, knusprig frisches Weissbrot eingetunkt, einen Becher Roten: mehr braucht man nicht!
    Liebe Grüsse und satte Ernte!

  2. Auf den ersten Blick habe ich erst gedacht, dass es wohl für DIE Zwetschgen etwas spät war… dann habe ich genauer geschaut. Wunderbare Aussichten! (auf Geschichten für uns!)

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