Hundertfuffzig

Heute war in Stuttgart mal wieder ein Feiertag. Sagen wir lieber: ein Gedenktag, verbunden mit einem wehmütigen Glückwunsch. Heute war die 150ste Montagsdemonstration gegen den Erdbahnhof Stuttgart 21. Seit drei Jahren wird also (fast) jeden Montag gegen ein Immobilienspekulationsobjekt demonstriert, dem man das Mäntelchen des Fortschritts und der zukunftsträchtigen Verkehrspolitik notdürftig umgehängt hat. Es gibt Stuttgarter, die waren bei (fast) allen Demos dabei. Ich hab es geschätzt auf 85 gebracht.

Seit der unglückseligen Volksabstimmung, die eigentlich nur den Finanzierungsanteil des Landes zum Inhalt hatte, dann aber von der Politik zum mehrheitlichen JA für das gesamte Projekt uminterpretiert worden ist, hat meine Leidenschaft und Leidensfähigkeit deutlich nachgelassen. Wenn die Baden-Württemberger, also auch die Allgäuer oder Schwarzwälder oder Hohenloher, die von den jahrzehntelangen Kahlschlagarbeiten nur mäßig betroffen sind, für die Weiterfinanzierung stimmen, dann sollen sie doch ihren Mist bekommen. So wie mir ist es vielen gegangen, genervt von einer skrupellosen Baumafia, genervt von Politikern wie den SPD-Granden Schmiedel und Drexler, von denen ersterer dem Projekt gar bescheinigte, darüber liege Gottes Segen, enttäuscht von den Grünen, die erst Rambo Mappus aus dem Amt fegten und dann also zahnlose Bettvorleger vor dem Kopfbahnhof gelandet sind, der immer noch einer der pünktlichsten der Bundesrepublik ist. Und das, obwohl die börsennotierte Bahn seit Jahren keinen Cent mehr investiert und mittlerweile drei Zugentgleisungen zu verantworten hat. Genervt aber auch von Teilen des Wutmenschentums im Stuttgarter Kessel, die sich eher an Selbstzerfleischung ergötzten, als gemeinsam ein Wahnsinnsprojekt zu verhindern.

Heute war ich wieder mal am Bahnhof. Die Protagonisten sind dieselben geblieben: der ehemalige Bahnhofsvorstand („Ho-Ho-„) Hopfenzitz, Schriftsteller Schorlau, Theaterregisseur Lösch und die fabelhafte Kabarettistin Christine Prayon. Die Argumente gegen den Bahnhof sind nicht wirklich neu, auch wenn die Bahn alles tut, noch mehr Negativschlagzeilen und damit Gegenargumente zu produzieren. Nicht einmal die Quasi-Bankrotterklärung des Bahn-Vorstands Volker Kefer hat zu einem Aufschrei geführt. Die Hoffnung, die Bahn richtet das Projekt selbst zugrunde, ist eine wacklige Perspektive.

Trotzdem: heute soll gratuliert werden. All jenen wackeren und tapferen Stuttgartern, die unverdrossen und dabei meistens gut gelaunt Montag für Montag auf die Straße gehen. Glückwunsch zu dieser Hartnäckigkeit und viel Erfolg weiterhin !

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2 Gedanken zu “Hundertfuffzig

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