Eine Frage des Geschmacks

Ich kann mich noch an das Jahr 1981 erinnern, als gepanschtes spanisches „Oliven“öl auf den Markt kam und mindestens 700 Menschen (andere sagen über 3 000) qualvoll an dieser Sauerrei zu Grunde gingen. Die Bilder der grotesk verkrüppelten und entstellten Kinder sind unvergessen. Etliche Spanier, die damals die heimtückische Geschäftemacherei überstanden, beziehen heute noch Rente vom Staat.

Heutzutage ist Olivenöl überwiegend ein Qualitätsprodukt. Wie beim Wein sind viele Erzeuger radikal auf Qualität umgeschwenkt, mit der Folge, dass reinstes Olivenöl gehandelt wird wie ein wertvoller Rohstoff. Was im Kern ja auch zutreffend ist, die Auswüchse bei Familie Schickimicki in ihrer Schöner-Wohnen-Villa sind aber schrecklich. Man bewertet, man kostet, man philosophiert, man gibt an – und man kauft Öl in edlen Flakons zu Boutiquenpreisen. Natürlich trinkt man in diesen Haushalten auch nicht Leitungswasser von guter Qualität, sondern Gletscherschmelzwasser aus Grönland.

Kehren wir zurück zu uns Normalverbrauchern – und zum Olivenöl, das so gerne „flüssiges Gold“ genannt wird. In dem Landstrich in dem ich schon öfters zu Gast war, hat das Olivenöl eine echte Rennaissance erlebt. Weg von der Masse, hin zu guten bis besten Qualitäten. Und die allerbeste gibt es, da sind sich die meisten Tester und Verbraucher einig, in Ligurien, namentlich rund um das kleine Bergdorf Lucinasco im Hinterland von Imperia. Die Oliventerrassen ziehen sich bis auf 500 Meter hoch an den Ortsrand.

Der kleine Ort besteht eigentlich nur aus einer Straße. Und an dieser Straße reihen sich die Olivenölproduzenten wie Perlen. Beginnen wir an der Kehre, die aus den Olivenhainen schwungvoll in den Ort führt. Hier stehen meist PS-starke Jeeps mit Münchner oder Frankfurter Kennzeichen. Ihr Ziel: Dino Abbo, der ungekrönte Oliven-König. Dino hat viel für das ligurische Öl getan, war auf etlichen Slowfood- und Gourmetmessen unterwegs und hat den Ruhm der Taggiasca-Oliven und seinen eigenen in ganz Europa gemehrt. Es ist ziemlich angesagt, in Lucinasco bei Abbo einen Stopp einzulegen. Das Anwesen ist gepflegt, die Ferienappartments nebenan sowieso, das Angebot ist opulent… und hochpreisig. Für einen halben Liter handgeschöpftes extra vergine bezahlt man schnell mal über 30 Euro. Aber wenn er sogar vom alternativen Reiseführer empfohlen wird … ? Andererseits: 3,99 für einen Dreiviertelliter angeblich kaltgepressten Olivenöls wie im Supermarkt kann einfach nicht gehen.

Im Schatten von Abbo haben sich fast unbemerkt zwei Frauen etabliert. “Fare l’olio è un lavoro da uomini, …ma le donne lo fanno meglio!” ist der selbstbewußte Leitspruch von Christina Armato, die als eine der ersten Frauen Olivenöl nicht nur herstellt, sondern auch noch mit einer feministischen Theorie vergoldet hat. Ihr Betrieb liegt ein Stückchen weiter dorfeinwärts.

Am Rand des Dorfes, nur über eine steile Stichstraße erreichbar, liegt das Gut von Milena Carenzo.“Olio dei Benedettini“ heißt die Marke, die aus den berühmten, da säurearmen und geschmacksintensiven Taggiasca-Oliven gewonnen wird, die angeblich schon im 14. Jahrhundert von den Mönchen im nahen Taggia heimisch gemacht wurden. Milena schwört auf Bio-Anbau, gespritzt wird bei ihr nicht. Das Öl ist gelbgrünlich und sämig wie Honig, glitzert in der Sonne, duftet leicht nussig. Es wird natürlich nicht gefiltert und liegt unter 0,3 % Säuregehalt. Schützende Schmuckfolie hat sich Milena gespart – ihre Kunden wollen das Öl sehen und nicht irgendwelche hübsche Logos und Zierrat. Der Preis schmeckt dem Kunden, der direkt ab Erzeuger kauft. Und die gleichfalls berühmten, sieben Monate in Salzlage gereiften Oliven, gibts gratis obendrauf.

Nimmt man schließlich die Hauptstraße, die Via Roma, Richtung Postamt und Kirche, dann kommt man zur Trattoria della Etta. Ettore ist der Chef im Ring – in seinem feinen Landgasthaus mit der hübsch überwachsenen Terrasse habe ich das beste Kaninchen ever gegessen. Geschmort in Tomaten und … Olivenöl aus Lucinasco.

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15 Gedanken zu “Eine Frage des Geschmacks

  1. Ich hatte in Spanien 25 alte, die meisten mehr als 200 Jahre, Olivenbäume im Garten. (unser Haus wurde damals in eine aufgegebene Anpflanzung gebaut). In guten Jahren ernteten wir bis 300 kg Hojiblanca und Arbequina. Zusammen mit der Ernte unseres Nachbarn liessen wir in einer alten Ölmühle die Oliven pressen, nahmen nur die erste Pressung. Die Oma des Gärtners übernahm dann in den Folgewochen das „Abziehen“ des Öls, und schliesslich blieben mir rund 50 ltr. Erste Pressung. Dieses Öl war so mild, trotzdem so nussig! Die im Supermarkt verkauften Extra Vergine u.ä. sind im Vergleich dazu glatt für die Tonne!
    Pflege Deine Olivenbäume, Wassily!

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