Schaulaufen

Jedes Jahr Ende Juli wird es leicht hektisch an den gestaltenden Hochschulen der Republik. Die Werkschau naht, inzwischen nennt man sie fast bundesweit den „Rundgang“. Junge krative Köpfe, Fotografen, Maler, Bildhauer, Kommunikationsdesigner, Modeschöpfer und Architekten zeigen, was sie im vergangenen Semester fabriziert haben. Den Alten mal zeigen, was die Jungen drauf haben, alte Zöpfe abschneiden, mutige Experimente wagen, Dinge einfach ausprobieren. Das ergibt ein Sammelsurium an teilweise ungewollt komischen Exponaten, sehr häufig aber ist zu spüren, mit welchem Elan und mit welchem Enthusiasmus die jungen Wilden ans Werk gegangen sind.

Blöd ist dabei nur, dass die Werkschauen allesamt an einem Wochenende stattfinden. Wer sich also in der Szene umschauen will, braucht einen eng getakteten Terminkalender. Und wer, wie ich, gleich zwei Sprößlinge hat, die einen kreativen Beruf erlernen und dann ausüben wollen, der sollte sich gut überlegen, wo er anfängt und aufhört, zumal wenn zwischen den Werkschauen der Sohnemänner 640 Kilometer liegen.

Los gehts. Freitagmittag, Werkschau an der Staatlichen Akademie der Künste in Stuttgart, direkt neben der Weißenhof-Siedlung auf dem Killesberg gelegen. Sohnemann 1 präsentiert mit seinen „Mitschülern“ (an Kunstakademien redet man immer noch von Klassen) die Ergebnisse der Themenarbeit „Ich liebe dich“. Ein spannend-plüschiger Raum mit überdimensionierten Mündern und Lippen, Jane Birkin stöhnt „Je t`taime“, und in der Mitte liegt auf einem kleinen Altärchen das gedruckte Werk der Semesterarbeit. 38 Euro für ein Exemplar der limitierten Auflage. Ziemlich schnell ausverkauft, immerhin kommen viele stolze Eltern und neugierige Freunde zur Werkschau.

Zweite Station am Folgetag. Berlin, Hochschule für Technik und Wirtschaft im ehemaligen Osten der Stadt, in Oberschöneweide. Der Kiez drumrum ist nicht grade die feinste Adresse, die Straßenbahn rumpelt am Bürgerbüro von Gregor Gysi vorbei – in einen Stadtteil, in dem die Rechten gut Anhang haben. Das Gebäude der htw, untergebracht im ehemaligen Kabelwerk KWO,
ist eine echte Wucht. Klinkerbauten mit raumhohen Sprossenfenstern, tolle Treppenhäuser, viel Platz, viel Luft und die allerneueste Technik, als Dreingabe ein kleiner Strand am Spreeufer. Toll, schlichtweg beeindruckend! Im dritten Stock residieren die Kommunikationsdesigner, sie zeigen Bücher, Drucke, Kampagnen und witzige Aktionen. Blickfang auf dem Stockwerk ist das Kunstwerk „Die Verführung des Lichts“ von Jan van Imschot, Pseudonym für einen unbekannten Nachwuchskünstler, der unter den Fittichen des Galeristen Karl Pfefferle steht. Eine allegorische Arbeit aus Bahnschwellen, Käfigdraht und bunten Folien. Abends – das ist allen Rundgängen gemein – feiern Studenten und Gäste eine deftige Party.

Und weil das immer noch nicht reicht: am nächsten Tag gehts an die UDK. Die Werkschau an der größen europäischen Kreativhochschule hat einen legendären, aber auch leicht elitären Ruf. So ist es dann. Die Berliner Szene ist ziemlich unter sich – und bleibt es auch. Immerhin: die Saitenwürstchen, die im lauschigen Garten gereicht werden, sind erste Sahne – auch mit Senf.

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