Volare, angestaubt

San Remo. Da war doch mal was, oder? Ein klangvoller Name im Show-Bizz. Das legendäre Festival des italienischen Schlagers. Die alte Tante ist jetzt auch schon 62 Jahre alt. Und sie hat tiefe Falten bekommen, große Risse im feinen Putz – wie an den ehedem noblen Hotels der ligurischen Blumenmetropole.

San Remo – Boulevard of broken dreams. Hier sind im Wettbewerb schon ziemlich viele Größen ziemlich baden gegangen, große internationale Stars wie Cher (in der Vorrunde kläglich gescheitert), Louis Armstrong (Platz 13), Dionne Warwick oder Paul Anka (beide ebenfalls in der Vorrunde ausgeschieden).

Die Sieger hießen dann Nilla Pizzi, Franca Raimondi, Sergio Endrigo oder zuletzt Emma Marone. Nie gehört ? Macht nichts, den meisten Italienern geht es auch so. Es ist ihnen schnurzegal, wer das Festival – das älteste Europas und älter als der Grand Prix de la Chanson d`Eurovision – gewinnt. Es gibt eigentlich nur einen großen Namen in der Siegerliste: Eros Ramazzotti, 1984 Sieger im Nachwuchswettbewerb und zwei Jahre später Gewinner auch bei den „Großen“. Immerhin haben wir diesem Festival einen Welthit zu verdanken: „Nel blu dipinto di blu“ von Domenico Modugno. Weltpremiere war nur zwei Wochen nachdem ein gewisser Wassily in einem saukalten deutschen Winter das Licht der Welt erblickte. Es dürfte der Song sein, der die meisten Cover-Versionen über sich ergehen lassen musste – von A wie Mario Adorf über G wie Rocco Granata bis Z wie Helmut Zacharias.

„Jeder Einhemische, den die Reporter zu fassen bekommen, muss seinen Eindruck vom Spektakel schildern“, hat Dante Franzetti über das Spektakel geschrieben.Die Italiener, in der Woche des Festivals dauerberieselt von der RAI mit stundenlangen Live-Übertragungen und Interviews mit namenlosen Stars und Sternchen am roten Teppich, interessieren sich vor allem für die kleinen und großen Dramen und Skandale. Etwa, als sich der Sänger Luigi Tenco das Leben nahm, nachdem er es nicht bis ins Finale geschafft hatte. In seinem Abschiedsbrief schrieb er, er habe das italienische Publikum geliebt, aber ihm sinnlos fünf Jahre seines Lebens geopfert.

Oder neulich, als sich der Sänger Morgan als wandelnde Rauschgiftapotheke outete, und für einen Aufschrei der Empörung sorgte. Der italienische Schlager müsse sauber bleiben, hieß es anschließend in einer Kampagne der italienischen Jugend-Kommission. Die großen Singer-Songwriter Italiens, die cantautori wie Fabrizio de André oder Francesco Guttini, haben immer angewidert einen großen Bogen um das verhasste Festival der Eitelkeiten gemacht.

Geblieben ist eigentlich nur der Schauplatz des Festivals – das Teatro Ariston. Ein legendäres Kino und Musik-Theater mitten auf der Flaniermeile der Stadt. Hier finden die großen Show-Galas statt. Sie sollen die TV- Zuschauer bis zum Ende des ziemlich undurchsichtigen Wettbewerbs bei Laune halten. Gefühlt 30 mal ist Toto Cotungo schon im Rahmenprogramm zum Festival aufgetreten, nicht weniger oft Lucio Dalla, neulich hat Robbie Williams seine Show in San Remo abgezogen, in diesem Jahr waren Adrianao Celentano und The Cranberries als ospiti am Start. Aber auch U 2 hat hier mal ganz locker ein unplugged-Konzert gespielt.

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18 Gedanken zu “Volare, angestaubt

  1. Erinnert mich an einen dieser ‚Wahnsinns-Reisen‘ mit dem Zelt, als man sich von Norddeutschland aus, in mehreren Etappen bis nach Spanien durchschlug. Man traf sich um 12 Uhr mittags an irgendeinem Brunnen und wenn einer von uns fehlte, kam man stündlich wieder (die handylose Zeit) Ein Treffpunkt war San Remo, das Casino und tatsächlich waren wir alle da, gewaschen und gekämmt – der Hauch des Vergangenen lag damals schon über dem ehrwürdigen Gebäude, aber das Essen war gut, daran kann ich mich erinnern 😉

  2. Das Foto ist ganz toll. Es erinnert mich an einen Krimi-Film. Mann blickte aus dem Fenster hinter eine Leuchtreklame……

  3. San Remo war einmal eine Diva! Das Pilgerzentrum der Reichen und Schönen und besonders derer, die diese Beautiful People sehen wollten. Welche Stadt S. Remo den Rang abgelaufen hat, weiss ich nicht, vielleicht damals Saint Tropez, weil es die damaligen Szene-Promis dorthin zog?

    1. Die Diva hat Falten bekommen.
      Und die Karawane ist weitergezogen: St. Tropez, Cannes, Nizza, Ibiza, Portofino und wie die neureichen Schönen alle heißen.

      1. Die VIPs ziehen sich immer mehr in exklusive Enklaven zurück, kein Normalverbraucher schafft es dort hinein (habe ich hier in der Nachbarschaft…). Somit sind „Promi-sightings“ in den Städten sehr rar geworden, sehen lässt sich nur noch C-Prominenz und solche, die jeden, aber auch jeden Presseartikel brauchen. Der Reiz für Otto-Normalverbraucher ist weg, und „alte Häuser sieht man überall…Warum dann also noch Urlaub in einer gewachsenen Stadt machen? Da kann man, wenn’s denn sein soll, auch mal einen Tagesausflug vom All-Inklusive-Hotel aus starten“ so erklärte mir mal ein Anhänger der animationsgesteuerten Ferienanlagen.
        Tja!

    1. Luigi Tenco? Dem hätte ich jeden verfügbaren Preis gegeben (außer ausgerechnet für „Ciao amore“, womit er 1967 angetreten ist). Er ist für mich, neben Fabrizio de André, einer der ganz großen Cantautori.
      Immer wieder schaffst Du es, lieber Wassily, mich in diese schmerzlich-schönen Erinnerungen zu locken. Ich kann nicht anders, als einen seiner wunderbar poetischen Texte aufzusagen:

      Mi sono innamorato di te
      perché non avevo niente da fare
      il giorno volevo qualcuno da incontrare
      la notte volevo qualcosa da sognare.

      Mi sono innamorato di te
      perché non potevo più stare solo
      il giorno volevo parlare dei miei sogni
      la notte parlare d’amore.

      Ed ora che avrei mille cose da fare
      io sento i miei sogni svanire
      ma non so più pensare a nient’altro che a te.

      Mi sono innamorato di te
      e adesso non so neppure io cosa fare
      il giorno mi pento d’averti incontrata
      la notte ti vengo a cercare.

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