Kanonen-Futter

„Draußen gießt unendlicher Regen vom Himmel und verwandelt Straßen und Plätze in Seen. Früh bricht die Dämmerung herein und bei trübem Licht wird die Abschiedssitzung beendet. Sämtliche Anwesende stehen unter dem Eindruck eines Geschehens, das jedem ans Herz greift“.

Dies notiert der Protokollführer am 8. Mai 1939. Es ist die letzte Gemeinderatssitzung in der kleinen Albgemeinde Gruorn. Ein Dorf wird abgewickelt. 650 Einwohner müssen Haus, Hof und Heimat verlassen, Hitlers Militärmaschine braucht zusätzlichen Übungsraum im Süden, auf der Schwäbischen Alb. Seit 1895 gibt es ganz in der Nähe schon einen Truppenübungsplatz, damals installiert für das XIII Königlich Württembergische Armeekorps. Jetzt wird die Gemeinde Gruorn zwangsaufgelöst, der bestehende Truppenübungsplatz soll um über 3 000 Hektar Bauernland erweitert werden. Seit Februar 1937 wissen die Bürger von Gruorn, was auf sie zukommen wird.

Gruorn ist ein Albdorf wie viele andere. Bauern und Handwerker, die meisten davon sind Nebenerwerbslandwirte, vier Gasthäuser, Kirche und Schulhaus. Auf der rauhen Alb sind die Winter hart und die Erträge auf den Feldern karg. Als die ersten Gerüchte von der Zwangsräumung die Runde machen, ist das Entsetzen so groß wie die Sprachlosigkeit. Der Bürgermeister versucht, einen geordneten Widerstand zu organisieren, ein örtlicher Maurer schreibt einen Brief an Adolf Hitler. Der Plan zur Umsiedelung wird trotzdem durchgezogen. Die Angebote der Reichsumsiedelungsgesellschaft sind nicht so schlecht. Nur die älteren Bewohner tun sich schwer mit dem Gedanken, den Hof zu verlassen. Andere lassen sich vom Angebot ködern, im nahen Ehningen an der Donau eine neue Heimat und Arbeit in der Industrie zu finden. 20 Familien ziehen dorthin, arbeiten in der Zellstoff-Fabrik und bauen am Stadtrand eine eigene Siedlung auf. Einer aber will nicht mitgehen, man nennt ihn im Dorf den „Ziegler“. An dem Tag, an dem seine Familie umziehen soll, verschwindet er. Man findet ihn erhängt an einer Tanne. Er wird noch auf dem Friedhof mit dem Kriegerdenkmal begraben, dann ziehen Frau und Kinder weg aus Gruorn. Im Mai 39 leben nur noch vier Familien in Gruorn, und einige Ältere, die sich nicht trennen wollen.

Szenenwechsel, 75 Jahre danach. Seit einigen Jahren kann man Gruorn wieder besuchen.Es geht vorbei an Warntafeln: Vorsicht, Lebensgefahr ! Der Weg nach Grourn ist asphaltiert, das Betreten der ehemaligen Weide- und Ackerflächen ist streng verboten. Hier schlummert Munition aus vielen Jahrzehnten Dauerfeuer aus Kanonen, Panzern und Gewehren. Ein Militär-Müllplatz und gleichzeitig ein Biosphärenreservat. Durch die militärische Nutzung wird das gesamte Gebiet von Siedlungen, Straßenbau, Flurbereinigung und intensiver wirtschaftlicher Nutzung weitgehend verschont. Auch während des Betriebs als Truppenübungsplatz – erst Wehrmacht, dann Franzosen, später NATO und Bundeswehr – weiden hier oben Schafe. So ist eine parkartige Weidelandschaft erhalten, wie sie im 19. Jahrhundert auf der Alb typisch war. 45 Kilometer Wege sind freigegeben. Sie führen alle irgendwie nach Gruorn. Vom Albdorf ist noch die St. Stephanus-Kirche und das Schulhaus geblieben. Die Kirche wurde wiederaufgebaut; das Schulhaus beherbergt inzwischen das Besucherzentrum für das Reservat. Früher durften die Bewohner von Gruorn ihr Dorf ein-, zweimal im Jahr besuchen, an Pfingsten und an Allerheiligen gab es jeweils „Heimattreffen“.

Jetzt ist Gruorn jederzeit zu besichtigen. Beklemmend für die Alt-Gruorner und für Besucher. Es ist fast Gras über die Geschichte gewachsen.

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7 Comments

    1. Ja genau, alle drei Bilder sind aus Gruorn. Ich war dort am Wochenende eine Runde spazieren, fast mutterseelenallein.

      Die Fotos sind etwas verfremdet, also noch düsterer als in Wirklichkeit. Ich hab grade mit Picasa ein neues Spielzeug entdeckt. Das will ich aber ziemlich behutsam einsetzen, wenn überhaupt.

  1. So ähnlich geschehen auch in Brandenburg, um den Truppenübungsplatz „Kurmark“ zu bauen (1943 – 1945). Es sollten 17 Dörfer umgesiedelt werden, wozu es dann aber nicht mehr kam.
    Als Arbeiter wurde ein Außenlager des KZ Sachsenhausen in Jamlitz eingerichtet, wo tausende KZ-Insassen an den Strapazen, an Unterernährung und Krankheiten starben. Als die Rote Armee 1945 vorrückte, mussten die, die noch laufen konnten, zu Fuß Richtung Oranienburg aufbrechen, Kranke und Schwache wurden vor Ort erschossen.

      1. Und an diese Gesichter mag sich aber keiner erinnern, der direkt nebenan gewohnt hat, noch viel beklemmender..
        Ich habe zweimal alte Leute erlebt, die bei mir dort ihre Erlebnisse als Kinder, selber auf der Flucht, im wahrsten Sinne des Wortes abgeladen haben. Von den damaligen Dorfbewohnern weiß aber niemand was.. komisch…

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