Neulich in Erfurt

Meist brettert man nur vorbei, vom Thüringer Wald her kommend, schnell gehts weiter Richtung Berlin oder Dresden. Was soll die Hauptstadt der grünen Mitte Deutschlands schon zu bieten haben ? Reuemütig ziehe ich jetzt meinen Hut. Erfurt ist schön. Wirklich. Eine vitale Innenstadt, gut zum Schlendern, Bummeln und Staunen. Die Plattenbauten liegen in der Vorstadt, auf dem Herrenberg oder dem Roten Berg, und sie haben in den letzten Jahren die Hälfte der Einwohner verloren. Verständlich.

Erste Eindrücke:
Der Erfurter Mariendom ist in Wirklichkeit eine Gefriertruhe. Nach den langen Frosttagen beschlägt drinnen der Atem, es ist saukalt, und trotzdem sitzt ein Organist am Gerät und spielt natürlich…Bach. Das Doppel-Ensemble aus Dom und Severi-Kirche ist beeindruckend, der Domplatz scheinbar endlos weit.

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Die Stadt hat sich hübsch gemacht. Die Straßenbahn rumpelt durch angenehme Flanierstraßen, die Häuser sind wirklich toll restauriert oder renoviert. Es macht Spaß, hier ziellos rumzuschlendern und die vielen Details an den Häusern zu studieren: schöne Fassaden, Patrizierhäuser, Rennaissance-Portale, allegorische Figuren, Butzenfenster, Fachwerk und Sandstein, Türme und Brücken.

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Die Erfurter sind Schuh-Freaks. Nachholbedarf ? Jedes dritte Geschäft ist ein Schuhgeschäft, nicht x-beliebige Deichmanns oder My shoes, wirklich gute Fachgeschäfte mit tollen Tretern.

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Thüringer Klöße sind spitze. Nicht alleine, sondern in guter Begleitung, zum Beispiel mit Ente und Rotkraut. Die Stadt hat eine gute gut-bürgerliche Kneipenszene zu erstaunlich günstigen Preisen.

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„Will B.“ heißt eine Kneipe an historischer Stelle. Dort wo die Menschen im Jahr 1970 begeistert „Willy Brandt ans Fenster“ skandierten. Das traditionsreiche Hotel „Erfurter Hof“ hat lange pleite gemacht, ist von der LEG Thüringen komplett saniert worden und wird jetzt von Bankern, Rechtsanwälten und Dienstleistern bevölkert. Eine massige Leuchtschrift erinnert zumindest an den historischen Besuch.

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Bernd, das Brot, scheint das heimliche Maskottchen der Stadt zu sein. Die Figur aus dem KIKA steht erstens hinter dem Rathaus und zweitens dafür, dass Erfurt nach der Wende dann doch überraschend Medienstadt geworden ist. Der Kinderkanal der ARD macht ansprechendes Programm für die Kleinen, die dann anschließend nahtlos bei den Privaten ihre Medienheimat finden. Dabei sind die Korruptionsskandale beim KIKA mindestens so spannend wie Dr. House.

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Wer auf der Krämerbrücke steht, merkt es zunächst gar nicht. Auf beiden Seiten der Brücke reihen sich Souvenir- und Kunsthandwerkläden in sehr hübschen Fachwerkhäusern. Erinnerungen an Florenz werden wach – der Rummel ist entsprechend. Auf der Brücke über einen Seitenarm der Gera wäre es wirklich nett, wenn weniger Menschen unterwegs wären. So bleibt als Rettung die Einkehr in ein sehr gut sortiertes Bistro namens „Mundlandung“.

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9 Comments

  1. Ich gebe zu, noch nicht in Erfurt gewesen zu sein, auch nicht in Weimar, aber beide Städte scheinen sehenswert zu sein, ich muss das nachholen! Noch dazu, wo jeder dritte Laden in Erfurt ein Schuhgeschäft ist…

  2. Ich halte es da ganz mit dem alten von Humboldt:

    „Die gefährlichste Weltanschauung ist die Weltanschauung der Leute, die die Welt nie angeschaut haben“

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