Späte Würdigung

Heute vor 200 Jahren ist Berthold Auerbach in meiner Heimstadt zur Welt gekommen. Auer-who ? Weil viele bis heute den Schriftsteller nicht kennen, ziehe ich zu seinem Geburtstag einen Artikel aus dem Jahr 2009 nochmal hoch. Vielleicht findet der eine oder andere von Euch im Feuilleton seiner Zeitung einen Hinweis auf diesen Mann, der zu seiner Zeit ein literarischer Pop-Star war.

Berthold Auerbach * 28.2. 1812

„Es ist so wie im wirklichen Leben: manchmal dauert es doch etwas länger oder sogar ziemlich lang, bis wahre Größe und Bedeutung gewürdigt oder wiederentdeckt wird. Manche schaffen es auch nie. Immerhin: Moses Baruch Auerbacher, geboren am letzten Februartag 1812 im kleinen Flecken Nordstetten, ist nach langen Umwegen wieder dort angekommen, wo er hingehört. In der Belleetage der deutschen Schriftstellerei, als Begründer eines eigenständigen Erzählgenres, der Dorfgeschichten. Freilich nicht unter seinem Geburtsnamen, sondern als Berthold Auerbach.

Das Leben Auerbachs ist nicht untypisch für jüdische Intellektuelle aus ländlich armen Verhältnissen. Berthold kommt als neuntes Kinder des Händlers Jacob und seiner Frau Edel zur Welt, besucht die örtliche Gemeindeschule, dann die Talmudschule in der Nachbarstadt Hechingen. Die Familie kann das Schulgeld nicht mehr bezahlen, Berthold kommt beim Onkel in Karlsruhe unter, besucht das Gymnasium in Stuttgart, wird Stipendiat, studiert Jura, Philosophie und jüdische Theologie. Es ist die Zeit des Vormärz, die studentischen Burschenschaften, darunter die verbotene Germania, sind eine politische Gefahr für das System. Berthold muß für solche Umtriebe zwei Monate auf dem Hohenasperg bei Ludwigsburg einsitzen – der Festung, in der traditionell aufbegehrende kritische Geister in Württemberg ihre Strafe abbrummen.

Seine Schwarzwälder Dorfgeschichten, alltagsnahe Novellen über das Leben der einfachen Menschen auf dem Lande, treffen den Nerv der Zeit. Insgesamt 23 davon werden erscheinen, überschwänglich von der Kritik gelobt. Er ist im 19. Jahrhundert einer der am meisten gelesenen deutschsprachigen Autoren, verkehrt in literarischen Salons, hat bedeutende Freunde wie Tolstoi. Mit diesen Novellen setzt Auerbach auch seiner Heimatgemeinde Nordstetten ein literarisches Denkmal.

Auerbach ist in halb Europa unterwegs, rastlos, ruhelos, getrieben. Nach Nordstetten kehrt er erst 1882 wieder zurück – nach seinem Tod an der Cote d` Azur. Er wird auf dem jüdischen Friedhof beigesetzt. Zu dieser Zeit sind die Dorfgeschichten schon ein Auslaufmodell. Später wird Auerbach vorgeworfen, er habe sich zwar um Detailtreue bemüht, aber nur noch aus einer verklärten Erinnerung heraus geschrieben, habe seine Talente verschleudert und kleine Geschichten und volkstümliche Jahrbücher wie am Fließband geschrieben und verlegt – aus großer Distanz, nicht mehr wissend, wie es den Leuten auf dem Lande wirklich ging.

Die Beerdigung in seiner Heimat Nordstetten ist dennoch ein Ereignis und ein Jahr später, bei der Einweihung des Gedenksteins, erklärt der Dorflehrer hymnisch: „Hier ruhet er nun, wo er sich als Knabe getummelt in der Mitte seiner kräftigen Schwarzwälder, hier wo er die ersten und größten Eindrücke empfangen, die seinem Namen einen hervorragenden Ehrenplatz in dem deutschen Dichterwalde gesichert. – Großer Toter! Das Denkmal, das man Dir heute gesetzt, es stehe fest und trotze lange dem Zahne der Zeit. Dein Name und Deine Werke aber werden fortleben in uns und in den späteren Geschlechtern!“

Jüdischer Friedhof in Nordstetten

Berthold Auerbach gerät in Vergessenheit. Seine jüdische Heimatgemeinde wird kleiner und kleiner, 1925 wird sie aufgelöst. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wird Berthold Auerbach wiederentdeckt und wieder verlegt – zunächst von ostdeutschen Verlagen. Ziemlich genau einhundert Jahre nach seinem Tod wird im Nordstetter Schloß ein kleines Museum zu Ehren des größten Sohnes der Gemeinde eröffnet.

Etwa zu gleichen Zeit machen sich in Nordstetten junge und kritische Geister breit. Sie pachten das Gebäude der ehemaligen Brauerei Maier. „Projekt Zukunft“ nennen sie ihr politisches Kulturprojekt in der Provinz. Eine der führenden Köpfe dieser Gruppe ist Walle Sayer, ein junger Zivi, der seine ersten Kurzgeschichten und Gedichte geschrieben hat.

Heute gilt Sayer als einer der bedeutendsten Autoren in Südwestdeutschland. Er hat etliche Preise gewonnen – natürlich auch den Berthold-Auerbach-Preis. Er ist so etwas wie Auerbachs Erbe. Sein dichterischer Kosmos ist ebenfalls die Provinz. „Ministranten, die in der Frühmesse gähnen, Pennäler, die im Schulbus nichtgemachte Hausaufgaben abschreiben, Landfrauen, die beim Kaffeekränzchen dem Unauffindbaren in ihrem Ehealltag nachsinnen, und Stammtischrunden, für die es noch nicht zu spät ist, um jetzt schon heimzugehen“, schreibt die Kritik über seine Themen und Typen. Seine Miniaturen sind eine moderne Fortsetzung der Schwarzwälder Dorfgeschichten“.

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5 Gedanken zu “Späte Würdigung

  1. Danke für die Würdigung dieses vielgereisten Schwarzwälders, über den ich bislang nichts gewusst habe – und das, obwohl ich in Freiburg lebe…

    1. Naja…
      Freiburger sind ja keine Schwarzwälder, sondern Bobbele.
      Und Horb am Neckar liegt auch nur am Rand desselben und nennt sich deswegen auch etwas schwülstig „Das Tor zum Schwarzwald“

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