„Feard“ vs „Pferd“

Ein guter Wissenschaftler ist ein sachkundiger Mensch, der auch noch so schwergewichtige Inhalte in gute, fesselnde, lebensnahe Geschichten verpacken kann. Während meiner Studienzeit in Tübingen durfte ich einige dieser seltenen Exemplare kennen lernen, vor allem am Institut für empirische Kulturwissenschaften, also bei den Volkskundlern.

Heute habe ich lange mit einem Augsburger Professor geplaudert. Werner König, Sprachwissenschaftler, hat sich in seinem ganzen Leben und auch jetzt noch in seinem Ruhestand sehr verdienstvoll mit der Alltagssprache und den Dialekten beschäftigt. Er hat den „dtv Atlas zur deutschen Sprache“ ebenso herausgegeben wie das 8 000 Seiten starke Werk „Der Sprachatlas von Bayerisch-Schwaben“. Es ist kein Wunder,dass an seinem Institut sehr zur Freude der geschäzten Bloggerin Lakritze fleißig weitergeforscht wird.

Im Gespräch hat König eine flammende Rede gehalten: die Kampagne „Wir können alles außer Hochdeutsch“ sei zwar eine fabelhafte Marketingaktion des Landes Baden-Württemberg, aber letzlich mit Steuerzahlers Geld eine Diskriminierung aller, die nicht „hochdeutsch“ sprechen können – oder wollen.

Schuld am Hochdeutsch (das man angeblich rund um Hannover in Reinform findet) und der Sprachvereinheitlichung sei alleine der nordeutsche Germanist Theodor Siebs. Aus seinem Werk „Deutsche Bühnensprache“ sei mehr oder weniger ein Selbstläufer geworden. Die Hannoveraner hätten zuvor niederdeutsch gesprochen und mußten das „Hochdeutsch“ auch erst lernen und dann perfektionieren. Mit dem Ergebnis, dass man heute – perfekt hannoveranisch hochdeutsch – „Feard“ statt „Pferd“ sagen muss. Wehe, wenn nicht. König kennt einige aktuelle Beispiele, wo etwa bayerische Wissenschaftler in Vorstellungsgesprächen unterlagen, weil sie angeblich kein Hochdeutsch können.

Schlimmer noch als diese bedauerlichen Einzelschicksale sei aber, dass ganze Volksstämme, vor allem die Schwaben, Franken und die Sachsen, echte Minderwertigkeitskomplexe mit sich rum schleppen. Bei den Bayern gehe das gerade noch, weil ihr Akzent unter „Folklore“ verbucht wird.

Die Hochdeutsch-Manie geht soweit, dass in Stuttgart eine Trainerin für viel Geld den Schwaben den Dialekt oder den schwäbischen Akzent abtrainiert. Und damit, so folgert der knitze Professor, gehe zunehmend ein Stück Heimat verloren.

Veröffentlicht ist sein Aufsatz in der Zeitschrift „Schönere Heimat“, die vom Bayerischen Landesverband der Heimatpflege herausgegeben wird – und im Netz leider nicht nachverfolgt werden kann. Ich hüte deshalb die PDF-Version wie meinen Aug-Apfel und rücke ihn freiwillig nur an Lakritze oder an den Süddeutschen wirklich wohlgesonnene Blogger raus.

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15 Gedanken zu “„Feard“ vs „Pferd“

  1. Also, ich als gebürtige Ostwestfälin sage auch „Feaad“ (unter Auslassung des deutlich geprochenen Rrrrs) und habe mir in meiner Anfangszeit in Unterfranken immer wieder die Frage gefallen lassen müssen, ob ich jedes Wochenende an die Nordsee führe. Mir macht das „den-Leuten-auf-den-Mund-hören“ immer viel Freude und noch mehr freue ich mich, wenn ich mithilfe des Dialekts oder der Dialektfärbung herauskriege, wo sie herkommen.
    In Westfalen gelingt mir das mitunter auf 15 klm genau! SO!

    Und alleine aus ganz egoistischen Beweggründen wünsche ich mir, dass niemand seinen heimatlichen Zungenschlag in sogenannten Hochdeutschseminaren wegtrainiert!
    Den Aufsatz täte ich gerne lesen…

  2. Ich bedaure manchmal, keinen Dialekt zu sprechen. Und es stimmt nicht, dass die Hannoveraner völlig dialektfrei sprechen: Als ich aus Ostwestfalen für ein paar Jahre dorthin zog, stellte ich fest, dass die i-Vokale, die ich bis dahin fälschlicherweise langgezogen aussprach (Bierne, Kiersche), dort, ebenso falsch, wie ein Ö ausgesprochen wurden (Börne, Körsche)…

  3. Dialekte sind immer dann wunderbar, wenn man sie notfalls auch ablegen kann. Gerade den Schwaben fällt das aber extrem schwer, der schwäbelnde Unterton verbleibt, man denke beispielsweise an Wolfgang Schäuble oder Hertha Däubler-Gmelin. Also ich wäre lieber nicht dialektgeplagt. Aber zumindest konnte ich mal binokeln.

    1. Mein Akzent ist auch ein Teil von mir. Ich rede kein breites Schwäbisch, aber man hört, dass ich aus Süddeutschland komme. Das ist auch okay so. Man kann mich überall im deutschsprachigen Raum verstehen, wenn man es will. Warum sollte ich, nur um anderen zu gefallen, einen Teil meiner Persönlichkeit an der Garderobe abgeben ?

  4. Dialekte sind etwas Wunderbares; ich weiß, wovon ich rede, ich kann nämlich keinen. Für ein ein Kind vom Lande ist das ein echtes Handicap — Dorfleben ist nun mal im Dialekt. (Immer noch.)

    Vielleicht wird es Deinen Professor freuen: vor nur wenigen Jahren haben mir kleine Hessen, eben im ersten Schuljahr, bei einer Spracherhebung stolz gesagt, sie sprächen zwei Sprachen. Deutsch und Türkisch, Deutsch und Russisch, Deutsch und Schwälmisch …

    1. Dialekte gehen leider verloren, wie Bräuche, die durchaus ihren Sinn hatten, Eigen- und Flurnamen, die wirklich mal was bedeuteten, sogar Spiele wie „Binokel“. Pokern kann heute jeder, aber binokeln ?

      1. Na, ich kann nur Maumau.
        Ich liebe den ganzen alten Kram, Brauchtum und Flurnamen eingeschlossen. Interesse allein kann ihn nur eben nicht am Leben erhalten.
        (Übrigens glaube ich, daß zwar viel Altes verschwindet, aber im Gegenzug dann auch Neues entsteht. Jede Tradition hat mal angefangen …)
        Gilt das Angebot mit dem Aufsatz?

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