Zweierlei Welten


„Koh Tao ist wie Samui vor 15 Jahren“ liest man in vielen Reiseführen und Rucksack-Blogs. Wenn das so ist, muß Samui früher eine wirklich lässige Insel gewesen sein. Und wenn diese Behauptung stimmt, dann steht Koh Tao gerade auf der Kippe, wohin es sich entwickeln wird. Das Pendel schlägt eher in Richtung Kommerz und szenigen Massentourismus.

Neben wir als Beispiel die Kneipenszene. Die Inselhauptstadt Mae Haad trennt die weitgeschwungene Bucht in den kleinen Hafenstrand Richtung Jansom Bay und den langgezogenen Sairee Beach. Sairee ist Partybeach. Vorbei an der Polizeiwache geht es in sanften Schwung am flachen Strand durch Restaurants, Bungalowsiedlungen und vor allem Bars und Clubs. Fizz, Lotus Bar, AC und so weiter. Eine Partylocation neben der anderen. Man sitzt gechillt auf Polstern oder Teppichen am Strand, die Petroleumfeuer und -fackeln dieseln, man hört House, Trance und Goa, Feuerkünstler lassen jeden Abend stundenlang ihre Kettenfackeln um den Körper rotieren, man bestellt internationale Cocktails oder Red Bull Wodka zu durchaus europäischen Preisen, quatscht und flirtet bis morgens um vier. Das Wummern der Bässe ist bei entsprechendem Wind an der anderen Seite der Bucht zu hören. Das Publikum: sehr international, viele Briten, Australier und Franzosen, meist junges Rucksackgemüse auf der Suche nach Fun. Eigentlich fehlt nur noch der Ableger einer internationalen Burger-Kette.

Auf der anderen Seite von Mae Haad drängt man sich erstmal durch die kleine Gasse von Händlern, Reisebüros, Fähragenturen und Tauchschulen, ehe man kleine, freie Strandabschnitte findet, die ebenfalls dem Nachtleben und dem Amüsement vorbehalten sind. Zunächst: sehr edel gestylt, das Whitening, eine feine Baar, schick eingerichtet, gelegentlich überflutet, meist gut besucht von fein gekleideten Hotelgästen, die leckeres Fingerfood und gedämpfte Musik schätzen.

Erst Werft, dann Bar

Keine zehn Meter weiter: die Dropzone Bar. Während der ersten Tage unseres Aufenthalts noch ein Reparaturplatz für die Longtailboote, die gerne und günstig als Boot Taxi gechartet werden. An einem Mittag wird daraus die Bar.

Mahd in seinem Longtail-Boot

Mahd ist einer der Fischer, der inzwischen sein Geld damit verdient, die Urlauber an die anderen Strände oder auf die Insel Nang Yuan zu fahren. Abends sitzt er mit seinen Kollegen unterm Palmendachzelt bei der Bar, schaut thailändisches Fernsehen und trinkt ein Bierchen. Tagsüber werden an direkt der Straße Hünchenspieße gegrillt, abends trifft man sich an der Strandbar, sitzt auf Plastikstühlen oder im Sand, bestellt auch internationale Cocktails (die alle ähnlich schmecken und nicht mal die Hälfte kosten wie bei der professionellen Konkurrenz). Der Barkeeper kann von seinem Laden nicht leben, nebenbei arbeitet er bei einem Unternehmen für Tauch- und Schnorcheltouren und setzt, wenn es mal eng wird, das Longtailboot höchstpersönlich in Bewegung.

Mittags Chicken,abends Cocktails

Das Musikprogramm ist krude gemischt, man hört die Yardbirds ebenso wie thailändischen Reggae à la Job to do, Bob Marley und sogar Joy Denalane. Das Klo ist ein Bretterverschlag mit Loch im Boden, daneben steht ein Wasserfass mit Schöpfkelle.

Wer sich in der Bar niederlässt, bleibt meistens lange sitzen. Eine Sperrstunde gibt es nicht, gelegentlich wehen trotz des strengen Drogenverbots Haschischwolken von der Bar an den Strand. Der Barkeeper kommt alle zehn Minuten vorbei, prostet den Gästen zu, erzählt aus seinem Leben. Von der Dropezone Bar ist es auf dem Heimweg nur einen Katzensprung zur „Brother Bob Bar“. Der Name ist musikalisches Absacker-Programm.

Die kleinen, sympathischen Bars tun sich schwer auf der Insel – die Backbacker zieht es in der großen Mehrheit zu den professionellen Amüsier- und Abtanztempeln. So wie es ausschaut, wird Koh Tao schon bald so aussehen wie Samui heute, zumindest dann, wenn man nach der Ankunft der Fähre immer nur den Weg nach links einschlägt.

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11 Comments

  1. Euer jammern auf hohem Niveau macht mir besondere Freude. Vor 30 Jahren war ich auf Koh Samui. Es gab genau 3 Bungalow-Anlagen mit jeweils ca. 12 Hütten. Das waren aufgestelzte Bretterverschläge am Strand. Zum WC ging es in ein Häuschen im Urwald. Die Familienmutter des Betriebes kochte mit Gas, ab ca. 17.00 Uhr wurde der laute Generator angeworfen, jetzt gab es gemixte Drinks und Musik.
    Mutter schlief nachts auf einer Kiste mit dem vorher vorgezählten und gegengezeichneten Geld der Traveller (so hiessen die damals) damit keiner was klaute. Allerdings gab es giftige Schlangen….. der Doktor war auf dem Festland.

    1. Es scheint,als ob es damals noch genügend Fische für Dich in den Gewässern drumrum gab…

      Ich kenne ähnliche, einfache Quartiere (etwas luxuriöser als deine Bretterverschläge) von der Süd-Westseite Samuis, dort, wo man mit dem Longtail zu den 5 Islands absetzt.

    1. Der Backpacker von heute ist ziemlich jung, hat sein Smartphone dabei, checkt alle zehn Minuten seine FB-Seite und hat für die Reise durch Asien „leider“ nur drei Wochen Zeit, weil daheim die Klausur in „International Business“ oder in Kulturmanagement wartet.

  2. Da gebe ich Lakritze Recht. Vor nicht allzulanger Zeit habe ich irgendwo einen Artikel über diese Insel gelesen. Ein Geheimtipp. Dein Beitrag hat mal wieder aufgezeigt, wie schnell der Geheimtipp massentauglich wird. Ich fürchte, auch wenn alle nach der Fähre nach rechts gehen, wird sich an der „touristischen Entwicklung“ solcher Orte nichts ändern. Im Gegenteil, je mehr Touristen nach rechts gehen, desto schneller wird die Angleichung Richtung links vollzogen werden.

    1. Ein „Geheimtipp“ war Koh Tao wohl noch zu der Zeit, als Joulupukki dort war, also vor 12 Jahren.
      Heute ist die Insel schon touristisch ausgerichtet, aber NOCH in einem angenehmen Ausmaß. Die Backpacker konzentrieren sich auf eine Bucht der Insel, das lässt dem Rest noch Luft zum Atmen. Das wird sich ändern. Ich kenne das von anderen „Geheimtipps“ – es ist nur eine Frage der Zeit. Und dann zieht die Karawane weiter, zum nächten Geheimtipp – und der Pauschaltourismus füllt die Lücke, mit allen Konsequenzen.

      1. Ok, ich hatte den Bericht letztes Jahr so aufgefasst. Wobei ein Ort, sobald er in großen Medien auftaucht, per se schon kein Geheimtipp mehr sein kann. Von daher wird es wohl so sein, dass der Geheimtipp-Status schon länger weg ist 😉

        1. Der Reiz eines Geheimtipps besteht ja darin, dass man ihn allenfalls guten Freunden anvertraut.In Zeiten von Blogs und FB ist das wohl ausgeschlossen. Ganz abgesehen davon, dass es eine merkwürdige Prahlsucht von Travellern gibt, sich mit angeblich unentdeckten Plätzen zu schmücken. Das war schon vor 30 Jahren so -nur ging es damals um einsame Strände auf griechischen Inseln. Heute muss es ja schon Papua-Neuguinea sein…

  3. Naja, der Trend geht zur Standardisierung. Erst wenn die letzte Nudelbude einer Burgerkette gewichen, die letzte Strandbar klimatisiert ist, auf dem letzten einsamen Inselkliff ein Automat für gekühlte Limonaden steht, dann erst werdet ihr feststellen, daß man den Urlaub gleich in der nächsten Fußgängerzone verbringen kann.

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