Am Tag danach

Das Volk hat also gesprochen. Punkt.
1.509.264 Stimmen. Das klingt nicht schlecht. Das sind etwa 400.000 mehr, als die Grünen bei ihrem Wahlsieg im März eingefahren haben. Schön viel, aber viel zuwenig.

47,1 % klingt auch nicht schlecht. Aber nicht, wenn in Stuttgart die Befürworter des Erdbahnhofs die Mehrheit holen. Damit hatte ich nicht gerechnet. Die von den Medien zur Haupstadt des Bürgerwiderstands hochgejazzte Schwaben-Hauptstadt hat ihr wirkliches Gesicht gezeigt. Nach 58 Jahren CDU-Herrschaft auch nicht verwunderlich. In einem halben Jahr verändert sich politische Haltung und die Freude am Debattieren nur marginal.

Der schwäbische Facharbeiter fährt halt gerne seinen Daimler und ärgert sich über jeden Stau. Erst recht, wenn er jeden Montag von Demonstranten verursacht wird. Worte wie Mitwirkung und Sitzblockade sind ihm wie ein Magengeschwür, Zukunftsfähigkeit und Fortschritt gehen ihm runter wie das heilige Öl, ohne Nachfrage. Nach Bratislava wird er eh nicht fahren.

Was haben wir falsch gemacht ? Die Bürger überstrapaziert – mit unserer Hartnäckigkeit, unseren Demos, unseren Debatten, dem Aufdecken des Bahnkartells, der Lügen, der Tricksereien, dem Benennen der Fehler und der falschen Kosten. Das strengt an – viele Nachbarn wollen sich damit nicht täglich auseinandersetzen, und schon gar nicht jahrelang.

Wir haben uns selbst überschätzt. In den internen Diskutierforen haben wir auf intellektuell hohem Niveau über richtige Taktik, friedlichen Widerstand und post-pubertäre Weltverschwörungstheorien schwadroniert, statt dem Nachbarn zu sagen, was er von den Projekt hat – und was ihm ganz persönlich blühen wird.

Wir haben uns übernommen. David gegen Goliath. Guter Wille alleine ersetzt weder Geld noch Macht- und Kommunikationsstrukturen.

Der Widerstand auf der Straße ist damit – vorerst – gescheitert. Er wird bröckeln, im Januar nochmals aufflammen. Und dann ? Dann wird der Widerstand auf eine andere Ebene velagert sein. Die Juristen haben Klagen vorbereitet oder schon eingereicht, die grüne Ministerialbürokratie wird schwäbisch genau auf Kostentransparenz achten, die Planfeststellungen sind für wichtige Bauabschnitte noch nicht in trockenen Tüchern.

Jetzt ist die Bahn am Zug. Sie muß liefern, wie man das gerne neudeutsch sagt. Manchmal hatte ich den Eindruck, ihr wäre ein Abbruch (gegen eine saftige Entschädigung für die Bilanzen) lieber gewesen. Wir können zuschauen. Nicht schadenfroh. Schadenfreude war das Ding der PROler, die sich gestern vor lauter tumben „Weiterbauen“-Sprechchören nicht mehr einkriegen konnten. HarHarHar ! – den Grünen haben sie es gezeigt, uns auch. Aber: man trifft sich immer zweimal im Leben.

Danke allen, die ich auf der Widerstandseite kennen- und schätzenlernen durfte. Wir bleiben in Kontakt. 1.509.264 sind doch ganz schön viele.

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11 Comments

  1. Sehr hässlich und hoffentlich extrem kontraproduktiv die Reaktion des Bayrischen Ministerpräsidenten, der nun laut über Volksentscheid in Bayern nachdenkt – bei so guten Ergebnissen!

  2. Du weißt, ich habe für den Bahnhof gestimmt. Dennoch bin ich froh, sehr froh um Euren Protest.
    Ich denke schon, dass sich etwas verändert hat im Land. Ohne Protest gäbe es weniger Demokratie, immer noch Mappus, noch mehr Intransparenz. Mehr Diskussionen, mehr Kommunikation. Auch der Bahnhof selbst wird nicht der gleiche sein, wie er ursprünglich hätte werden sollen. Viele Menschen, die sich sonst nie Gedanken gemacht hätten, mussten auf einmal neu nachdenken.

    Trotz alledem habt Ihr etwas erreicht. Sicher nicht das, was Ihr wolltet, aber dennoch könnt Ihr stolz sein. Finde ich, auch wenn es komisch klingt.

    Und Schadenfreude – ich hoffe einfach, dass es nur einzelne sind. Es gibt keinen Grund zur Schadenfreude.

    1. Jede(r), der sich wie Du ausführlich Gedanken über dieses Projekt gemacht hat, hat jedes Recht dieser Welt mit NEIN zu stimmen und damit für den Bahnhof.

      Ich finde die zum Kotzen, die wie Lämmer ihren Protagonisten Strobel und Schuster hinterhermarschieren, laut blöken und sich einzig und alleine darüber freuen, dass sie den Grünen und den Widerstand eine reingeschmirgel haben. Die werden sich noch ziemlich wundern…

  3. Lieber Wassily,
    ja, es war extrem frustrierend. Ich war so zuversichtlich, dass es sehr viel knapper würde und vielleicht sogar… Aber wie Du schreibst, man dreht nicht einfach alles in einem Mal um, und all die Argumente, die Ankeberlin aufzählt, sind nicht wegzuschieben.
    Trotzdem ist etwas sehr Wichtiges passiert. Die Entscheider wissen, dass sie nicht mehr einfach tun können, was sie wollen. Dass man ihnen auf die Finger schaut. Dass man prüft, was hinter den verschlossenen Türen für Deals abgemacht werden. Und wenn jetzt die Bahn schon schreit, sie erwarte aktive Unterstützung, auch wenn der Preis über die 4,5 geht – dann wissen wir, wie das enden wird, und dann werden es noch viel mehr begreifen, die jetzt noch im erstaunlichen Vertrauen auf eine ehrliche Kalkulation mit Nein gestimmt haben.
    Sollen die arroganten Besserwisser sich lustig machen über die Wutbürger. Sie haben die Zeichen nicht erkannt. Sie sind nur die Honeckers von heute.
    Und morgen trifft man sich wieder.

  4. Soll ich a Päckle Tempo noch Stuagett schicke? Man hätte halt nur die Freiburger abstimmen lassen sollen. Freiburg Stadt 65% ja, Vauban 85,3% ja. Jetzt lass die Arschlöcher halt buddeln. An Leib und Seele nimmt keiner von uns Schaden. Zum Jubel, das haben sie einfach gebraucht, nach Atomausstieg und grünem MP.
    Was macht Tanja Gönner jetzt gerade?

  5. Ja, die Pro-S21-ler machen einen extrem schlechten Eindruck als »Sieger«. Und ich fürchte, daß viele Pro-Stimmer, für die die Ausstiegskostenrechnung den Ausschlag gegeben hat, sich noch umgucken werden …

    Wir schauen weiter.

  6. Es gibt viele Ursachen: Zu spät erkannt, weil Information politisch und medial über Jahre gedeckelt wurde. Zu lokal behandelt – weil BW gross ist, es aber ganz unterschiedliche Interessen gibt, siehe die Ergebnisse in Ulm (Neubautrasse) bzw. Freiburg/Heidelberg (Rheintal-Strecke). Zu teuer – für die Leut‘, die nix davon haben (ländlich). Zu verlockend – für die Leut‘, die davon partizipieren (Arbeitsplätze). Zu interessant – für den durchaus kreativen und substantiell gut aufgestellten Architektur-Sektor in Stuttgart. Zu wichtig – für Macht- und Bonus-Interessierte, die gerne und gut in Stuttgart leben und oft bis meistens einen Zweitwohnsitz in Berlin haben …

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