WEIDAG reloaded

Gestern, ziemlich spät am Abend, ging die E-Mail eines lieben Kollegen bei mir ein. Er reklamierte launig, dass mein Rechner zu dieser Stunde immer noch scharf gewesen sei. Die Mail, ziemlich typisch für ihn:

„Du sottsch doch scho lang im Nescht liega, jetzt gosch aber ssoffrt nuff uff dei Zemmr, ond mir wellat nex me heera, koin Mux, hörsch , Weidag…elender…“

PLING !!! Da war sie doch sofort wieder da, meine Kindheit und Jugend am Rande des Schwarzwalds. „Weidag“ – welcher Klang, welche Erinnerungen. So hat mich meine Mutter immer wieder gescholten, wenn der kleine Bub mal wieder was kaputt gemacht oder verbasselt hatte. Und das soll, glaubt man der Mutter, immer wieder mal vorgekommen sein. Dabei habe ich aber immer noch eher einen liebevollen denn einen vorwurfsvollen Ton im Ohr.

Im digitalen Zeitalter nimmt man so einen Erinnerungsflash aber nicht nur einfach dankbar oder belustigt zur Kenntnis und freut sich herzhaft daran. Nein, man geht gleich den Geheimnissen des Wortes auf die Spur.

Das schwäbische Lexikon aus Reusten (zwischen Tübingen und Herrenberg) definiert den „Weidag“ als „Lump, Schlawiner, Frechdachs“. Um die Herkunft des Wortes zu entschlüsseln, muß man aber etwas tiefer suchen. Zum Beispiel bei der Narrenzunft Laupheim. Die hat sogar die Figur eines Weidags oder Waidags im Angebot.

„“Waidag“ ist schon seit dem 15.Jahrhundert ein Übernahme der Laupheimer. Dies bestätigt das schwäbische Lexikon Fischer von 1904(…). Noch vor ca. 70 Jahren war „Du Waidag“ ein arges Schimpfwort, das keinen Widerspruch mehr duldete. Wer so bezeichnet wurde, war ein ganz schlimmer, verdorbener, gotteslästerlicher Charakter.Erst im Laufe der letzten Jahrzehnte ändert sich dieser Begriff. Aus dem üblen Geselle wurde ein gnitzes Schlitzohr, und wer heute einen „Waidag“ geheißen wird, kann darin ein liebevoll verstecktes Kompliment entdecken, welches bestätigt, dass dieser Waidag sein Leben mit gutem Witz und humorig ernster Wendigkeit meistern wird.“

Foto: Andreas Praefcke

Das klingt doch schon mal versöhnlich, klärt aber immer noch nicht die wirkliche Herkunft. Wort sei Dank gibt es Fritz Ruppricht. Er liefert folgende, sehr glaubhafte Theorie.

„In mittelhochdeutschen Texten, zumal Gedichten werden Geliebte oft mit: „Wonnetag, Freudentag, Ostertag“ angesprochen.
Also: Du bist mein Ostertag, die Sonne meines Herzens, sänftigender Tau auf meinem heißen Herzen! Entsprechend wurden unliebsame Menschen mit: Schmerzenstag, Klagetag oder eben Wehetag angesprochen.Und auf Schwäbisch lautet das eben: Waihdag oder Waidag oder Weidag.
Zu den schönen Liebeswörtern findet sich der schönste Beleg bei Heinrich von Morungen:
Si ist des liehten meien schîn
und mîn ôsterlîcher tac
swenne ich sî an sihe, sô lachet ir das herze mîn
.“

Einverstanden – das gefällt mir. Diese Version nehme ich.

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7 Comments

  1. So habe ich etwas Schwäbisch gelernt, danke! Ob es den Weidag auch im Badischen gibt? Muss mal nachforschen. Als Nicht-Bobbele, sondern Zugereiste bin ich im Badischen noch nicht heimisch.

  2. Dr Schwob hot halt Onderscheitment.
    Und zwar gewaltig.
    Hier im Rheinland lebe ich nun schon lange im Exil. Und ab und an muss ich die Schwabenseele erklären.
    Dass mir alle gleich senn, koinr isch äbbes bsonders.
    Und ons goht’s oms Prinzip, au bei Bahnhöf.
    Und mir mached ed viel Worte.
    Wenn mir saget, es brennt, no brennt’s au.
    (Den Waidag kenn ich vo mainr rottaburga Mama.)

  3. Ich habe das Wort schon ewig lang nicht mehr gehört. Bei uns war es glaube ich eher verboten. Was bezeichnend ist, dass das Schwäbische den Weidag übernommen hat aber nicht das positive Gegenstück. 😉

      1. War eigentlich nur ein Hinweis darauf, dass das Schwäbische zwar einen unerschöpflichen Fundus an Schimpfwörtern aufweist, die eher netten Seiten des Lebens aber dialektal völlig vernachlässigt sind. Was vielleicht Rückschlüsse auf den Charakters des Schwabens zulässt?

        1. Einspruch !

          Kann es etwas zärtlicheres geben als folgenden Dialog:

          „Liebst du mich auch ?“
          „Scho…“

          Spaß beiseite. Thaddäus Troll (unvergessen !) beschreibt den Schwaben, wenn es den so überhaupt geben sollte, sehr treffend – und auch mit großer Zuneigung zu dessen gelegentlich leicht gespaltenem Charakter.

          1. Zum ersten Absatz: Ja, wäre durchaus vorstellbar, dass man das besser artikulieren könnte….
            Zum zweiten Absatz: Habe ich noch nie gelesen, vielleicht ein Fehler…. dann könnte man auch den ersten Absatz angemessen würdigen.

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