Der kurze Sommer der Bürgerdemokratie

Was war das ein Jubel, an diesem Sonntag, 27. März 2011. Gefeiert wird die Mappschiedsparty auf dem Stuttgarter Schloßplatz – die regierende CDU wird nach gefühlten Jahrhunderten mafiöser Herrschaft in die Opposition geschickt. Grün-Rot wird künftig das Land regieren. Vieles wird anders, manches besser. Ausgerechnet Baden-Württemberg zeigt der Republik, wie die neue Bürgerdemokratie funktioniert. Schöner Gedanke.

Unten die SPD

Der kurze Sommer demokratischer Blütenträume ist vorbei – die Ernüchterung ist zurückgekehrt. Manche wünschen sich Stefan Mappus zurück – der Klarheit des Feindbildes wegen. „Schmiedel weg“ ist jetzt bei den Montagsdemonstrationen vor dem Hauptbahnhof zu hören, auch für den Namen Kretschmann – den fleischgewordenenen Polit-Gutmenschen – gibt es unüberhörbar Pfiffe. Die Erwartungen an das neue Bündnis sind extrem hoch.

Aber: SPD und Grüne können oder wollen einfach nicht miteinander in Baden-Württemberg. Der Vorwurf, wieder mal eine historische politische Chance zu verspielen, wird an den jeweils anderen weitergereicht. Es ist ein undurchdringliches Gestrüpp von Eitelkeit, Verletzungen, von Größenwahn, Misstrauen und von Rachegefühlen.

Die Sozen in Baden-Württemberg waren mal eine mittelprächtig erfolgreiche Partei, hatten aber immerhin mit Leuten wie Erhard Eppler kluge Köpfe an ihrer Spitze. Mit Epplers Abgang begann die Talfahrt; eine große Koalition mit Spöri zerreisst die Partei fast, den Rest besorgen farblose Karrieristen wie Ute Vogt, Wolfgang Drexler und Claus Schmiedel. Im Gegenzug werden die pragmatischen Grünen im Land Schritt für Schritt zum ernstzunehmenden Rivalen im halblinken Spektrum – überflügeln die SPD erst in den Unistädten, dann in Stuttgart und jetzt im ganzen Land. Das sitzt tief bei den SPD-Granden, die ihren Stolz aus einer lang zurückliegenden Geschichte ziehen müssen – die vergangenen Jahrzehnte geben wenig her zur Mythenbildung.

Grün-Rot (alleine diese Konstellation raubt den SPD-Funktionären den Schlaf) wird nicht am Streit über den Stuttgarter Erdbahnhof scheitern. Aber der Streit um diese Frage und um die Unsäglichkeit einer angeblichen Bürgerbeteiligung über einen Volksentscheid mit einem undemokratischen Quorum wird die Koalition auf Dauer lähmen. Es scheint nicht mal sicher, ob im kommenden Jahr wirklich ein grüner oder ein SPD-Kandidat Stuttgarter Oberbürgermeister werden wird. Das haben die ungleichen Partner in ihrer Hassliebe schon zwei Mal gründlich vermasselt.

Die vom Wähler abgestrafte Mappus-Partei muss eigentlich gar nichts tun. Sie kann zuwarten, wie sich Grün-Rot weiter in Grabenkämpfe verwickelt. Es wird schneller als erwartet ein Comeback geben – mit den Sozen oder den Grünen als Juniorpartner. Die Wutbürger werden weiter auf die Straße gehen, oder die Faust in der Tasche ballen und sich von der Politik angewidert abwenden.

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5 Gedanken zu “Der kurze Sommer der Bürgerdemokratie

  1. Die Grünen in BW haben mit den Grünen in Berlin soviel gemeinsam wie ein Wackelpudding. Es hat mich echt schockiert, wie die Integrationsministerin von BW sich äußert und sich für selbstverständlich hält. Die ehemals Grüne, jetzt Sozialdemokratin äußert sich über Verhältnisse, die sie mental nicht kennt und stülpt über alles ihre berlinische Selbstsicherheit. Migration war und ist in Berlin immer noch ein anderes Problem, als in Stuttgart, wenn man es überhaupt als Problem betrachten kann. Schwaben ticken anders, sie haben eine pragmatischere Sicht, die eigentlich besser funktioniert, aber mit hauptstädtischer Kitsch-Mentalität kaum zurecht kommt.

    1. Stimmt. Da gibts ja noch Frau Öney. Die macht hierzulande aber eher mit ihren schicken Business-Kostümchen Furore als mit politischen Äußerungen oder gar Handlungen.

  2. Ihr Baden-Würtemberger könnt einem Leid tun! Kommt Ihr jetzt etwa auf der Talsohle an, wo wir schon wohnen? Machts doch wie in Berlin, schafft die Politik ab, wählt einen Knuffi-Bären und ein paar bunter Muppets, und dann ab in den Untergrund! Ach nee, Ihr wollt ja ebenerdig bleiben… Tja, dann weiß ich auch nicht…

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