Der Austroschwabe

Wenn ein Mensch in Australien geboren wird, in Wien aufwächst und als Künstler arbeitet, und erst im zarten Alter von etwa 40 Jahren ausgerechnet nach Stuttgart auswandert und sich dort niederlässt – dann ist er nach landläufiger Meinung entweder völlig durchgeknallt, oder: er hat nach meiner Meinung genau richtig gehandelt und sich und uns Stuttgartern einen großen Gefallen getan.

(c) Theiss-Verlag

Der Mensch heißt Heinrich Steinfest. Ich sehe ihn gelegentlich durch die Stadt gehen, den Mann mit dem Mecki, dem Bärtchen, der schicken Brille und seiner Tausche-Tasche. Ich habe das Gefühl, er packt in diese Tasche seine kleinen Alltagsgeschichten rein, die er später zu großen, umfassenden Betrachtungen zusammen bastelt. Er geht eigentlich nicht einfach durch die Stadt, ich habe das Gefühl, er beobachtet alles um ihn rum mit Röntgenblick. Er durchschaut die Menschen, er durchschaut Kumpaneien und Seilschaften, er durchschaut vor allem die angebliche Zwangsläufigkeit von geschlossenen Systemen – Familie, Wirtschaft, Politik.

In seinem Roman „Wo die Löwen weinen“ (einem wirklich lesenswerten und philosophisch tiefgründigen Krimi über Stuttgart 21 und die Machenschaften darum) schreibt er in seinem Nachwort unter anderem über die Skizzierung seiner Protagonisten:

“ Denn diese Projektsprechermenschen und Bürgermeistermenschen und Funktionärsmenschen sind auswechselbar – ihnen eine individuelle Note zu verleihen, indem man sie als Freunde der Kammermusik zeigt, als nachdenkliche Freizeitphilosophen, als Eltern, Partner, als Vasensammler, als Liebhaber alter Bücher, wenn schon nicht alter Bäume, als depressiv oder träumerisch, würde heißen, eine Illusion zu schaffen, die Illusion vom richtigen Leben im falschen. Aber diese Leute haben sich selbst in die Schablone begeben, in die Hülse, die ihre Sprache bestimmt. Sie wollten einst mehr als bloße Menschen sein, mehr als dem Menschen ziemt. Jetzt sind sie weniger“.

Heinrich Steinfest ist ein regelmäßiger und gerne gehörter Gast auf den  Montagsdemonstrationen und den gelegentlichen Großdemos. Heute ist er der richtig gewählte Kontrapunkt zur sachkundigen BUND-Frontfrau Brigitte Dahlbender und zum wie immer kämpferischen Theater-Regisseur Volker Lösch. 

Da Heinricht Steinfest nicht nur hörbar immer noch Wiener ist (seine knarrende Austrostimme ist unglaublich markant), sondern auch Wiener im Geiste, darf es nicht verwundern, dass er gelegentlich absonderlich wirkende Gedanken mit sich rumträgt, wie das die Wiener gelegentlich tun. Er hat es gerne mit Außerirdischen, was wohl wiederum mit der Sehnsucht der Wiener nach einem besseren Leben irgendwann mal zu tun hat. Steinfest streut in seine Romane und Essays immer wieder science-fiction-Szenen ein. Das macht den Blick auf das heute noch brutaler oder noch skurriler. Heute entführt die Zuhörer in die Matrix. Das System der S 21 Macher erinnert ihn an diesen Kinofilm, der Streit um den Erdbahnhof als realpolitische Simulation. Abhängigkeit als Motivation, alles zu tun, um dieses System nicht zu gefährden. Im Kino freilich gibt es mit Neo einen Helden, der die Unterdrückten befreit; in Stuttgart sucht man diesen Keanu Reaves-gleichen Helden vergeblich. Dafür findet man aber viele, viele kleine, sachkundige, friedliche… und renitente.

Heinrich Steinfest ist aus Stuttgart nicht mehr wegzudenken. Liebe Wiener – Danke für dieses Geschenk. Wir wissen es zu schätzen !

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2 Gedanken zu “Der Austroschwabe

  1. OK, dann muß ich den Löwenroman doch mal lesen. Andere Steinfests mochte ich jedenfalls sehr. (Autoren, die kurz vor Schluß des Krimis alle Protagonisten durch eine Katastrophe umbringen und einfach mit neuen weitermachen, sind mir sowieso sympathisch.)

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