Ein Stück von Kuchen

Arbeitersiedlung in Kuchen / Filstal

„Gingen Süssen Kuchen Essen“ – so sieht häufig an Sonntagen meine Lieblingsbeschäftigung aus. In diesem Zusammenhang hat das Sprüchlein eine andere Bedeutung – als Eselsbrücke für das Fach Heimatkunde. Essen als Kommune gibt es im Schwäbischen natürlich nicht, dafür hilft der Spruch bei der Frage nach Gemeinden im Filstal nahe Stuttgart – es gibt sowohl Süssen, Gingen und auch noch Kuchen, eine kleine Gemeinde, die im 19. Jahrhundert vor allem von der Textilindustrie geprägt ist.

Der Schweizer Arnold Staub ist für damalige Verhältnisse ein weitsichtiger Unternehmer. Er nimmt 1857 eine mechanische Spinnerei und Weberei am Ortsrand von Kuchen in Betrieb und nutzt dabei die Wasserkraft des Flüsschens Fils. Innerhalb weniger Jahre rattern im Betrieb 500 Webstühle, fast 800 Arbeiter sind bei Staub beschäftigt. Kuchen hat damals die größte Textilfabrik in Württemberg.

Haus Neckarstraße 66

Staub will den Arbeitern, die nicht aus der Umgebung stammen, vorbildliche Lebensmöglichkeiten schaffen und beauftragt erst den Archtitekten Georg Morlok, dann Leonhard Zeugheer aus Zürich, mit dem Bau der Arbeitersiedlung. Am Ende stehen neun Gebäude mit Platz für über 200 Menschen am Rand der Fabrik. Jedes Haus ist in einem anderen Stil nach internationalen Vorbildern errichtet – ein britisches Laubenhaus, ein Gebäude im Stil der schweizer Landhäuser, ein romantisches Bad- und Waschhaus mit Schwimmbecken, Dampfbad und Bügelzimmer.

Das Meisterhaus

Die Wohnhäuser haben nicht nur Komfort wie separate Toiletten, Kellerräume und vergleichsweise großzügige Wohnzimmer, sondern auch Gemeinschaftseinrichtungen wie Lesesaal, Kindergarten und eigenes Spital. Staub will, so ist nachzulesen, „seine Arbeiter zu guten und zuverlässigen Arbeitern und Bürgern erziehen“. In der Fabrikordnung ist Pünktlichkeit das oberste Ziel, deshalb ziert auch eine mächtige Turmuhr das zentrale Badehaus, in dem heute ein Kindergarten untergebracht ist. Mit einer Satzung für die Siedlung regelemtiert Staub das Leben im Betrieb und drumrum.

Für die Arbeitersiedlung wird Staub hoch dekoriert – auf der Weltausstellung in Paris 1867 bekommt er den Großen Preis mit Goldmedaille, er wird zum Ritter der Ehrenlegion ernannt. Napolen III reist zur Verlehung extra ins Filstal.

Englisches Laubenhaus

Dumm nur, dass sich die wohlerzogenen Arbeiter nicht ganz im Sinne des Unternehmers benehmen – 1872 tritt auch die Belegschaft seiner Fabrik in den Streik. Staub selbst ist ein Lebemann, verkehrt mit seiner Frau gerne in den Stuttgarter Salons und trägt den Spitznamen „Marquis de la Poussière“ . Die Wirtschaftskrise 1873/74, ein Großbrand wenig später und sein aufwendiger Lebensstil bringen ihn an den Rand des Ruins. 1881 kegeln ihn Teilhaber und Banken aus der Geschäftsführung, er zieht sich verbittert zurück. Nach dem Tod seiner Frau begeht er am 7. Dezember 1882 Selbstmord – zwei Tage vor Eröffnung des Konkursverfahrens. Er hinterlässt fünf Kinder – und eine Mustersiedlung, die von der Gemeinde für 20 Millionen Euro saniert wird und heute eine begehrte Wohnadresse in Kuchen ist.

Advertisements

3 Gedanken zu “Ein Stück von Kuchen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s