Verrückt nach Büchern

Bisher hatte ich gedacht, meine kleine Privat-Bibliothek ist gar nicht so übel sortiert. Seit dem vergangenen Wochenende fühle ich mich wie ein kleines Würstchen. Da war ich zu Besuch bei Ulf. Er lebt in Büchern, er lebt mit Büchern, er lebt von Büchern. Ich war ziemlich sprachlos – und kleinlaut.

Ulf wird in diesem Jahr 70. Mit seiner Frau, einer ehemaligen Schulfreundin, lebt er auf der Schwäbischen Alb, als rüstiger Rentner, wie man dazu wohl sagt. Ulf ist in der Gastronomie groß geworden, hat Koch gelernt, dann Hotelmanagement – und ist schließlich bei der Bundesanstalt für Arbeit gelandet. Der sichere Job war die Grundlage für seine Leidenschaft: Kochbücher. Ulf hatte in seinen besten Zeiten annähernd 10 000 Kochbücher in seinem Besitz, vor allem historische Schinken bis zurück ins 16. Jahrhundert.

Marx Rumpolt (1581)

Ein Einbruch in seinem Domizil in Rottweil, bis unters Dach voll mit den Raritäten, hat ihm dann doch nachdenklich gemacht. Er trennte sich von einem Teil seiner kostbaren Bestände. Im berühmten Auktionshaus Poulain Le Fur an den Champs-Élysées in Paris kamen sie zwei Tage lang unter den Hammer.

Darunter absolute Kostbarkeiten wie „Ein new Kochbuch“ von Marx Rumpolt, das in Paris für beinahe 90 000 Französische Francs wegging. Die Franzosen seien, so erinnert sich Ulf, verrückt nach historischen Kochbüchern aus der Zeit. Er war mit dem Verkaufserlös zufrieden, ärgert sich aber heute noch uber die grenzenlose Arroganz der Auktionatoren und des elitären Publikums. Eine zweite Auktion in Berlin, und Ulf war einen großen Teil seiner Schätze los.

Küchen-Kostbarkeit

Die Zeiten haben sich geändert für Sammler. Auch für die Sammler von historischen Kochbüchern, von denen es etwa 20 im deutschsprachigen Raum gibt. Das Internet hat die Preise verhagelt, meint Ulf, Schnäppchen gibt es nicht mehr. Und: seit Jahrzehnten sind viel zu viele Bücher in viel zu hohen Auflagen im Umlauf. Verschenken sei manchmal billiger als verkaufen.

Immerhin: Ulf hat sich von dem Gewinn das schöne Häuschen auf der Schwäbischen Alb geleistet. Im Erdgeschoß stapeln sich die Reste seiner Sammlung. Immer noch einige tausend Exemplare. Und auf Flohmärkten kommt er auch heute noch nicht an den Bücherständen vorbei.

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11 Gedanken zu “Verrückt nach Büchern

  1. Wahnsinn mit wieviel Geduld und Liebe allein das Titelblatt des „new Kochbuch“ gestaltet ist. Und de Texte so ausladend und farbenfroh, köstlich! Man kommt nicht umhin, den Eindruck zu haben, die Menschen hätten in früheren Jahrhunderten mehr Zeit gehabt. Ganz ohne technischer Zeitsparertools. Das Paradoxum unserer Gattung :-/

  2. Für die echten Sammler ist das natürlich schade mit dem Internet. Für Leute wie mich ist es prima. Ich kriege so ungefähr alles, was ich mir leisten möchte (wenn auch, zugegeben, jagdfieber- und finderjubelfrei).
    Ein Antiquar hat mir erzählt (er hatte Brehms Thierleben zu einem lächerlichen Preis zum Verkauf), Fraktur ginge nur noch ganz billig, am ehesten noch mit Bildern. Das könnten die Leute nämlich nicht mehr lesen …

    1. Alles nach WK II ist zum verschenken oder behalten. Was noch geht, sagt Ulf, ist 19. Jahrhundert oder älter. Und ich geh morgen auf den Bücherflohmarkt. Ufffff.

          1. Es stimmt, dass kaum noch jemand Fraktur lesen kann, zumindest nicht von den Jüngeren. Ich habe es mir als Kind selber beigebracht, weil ich unbedingt „Lederstrumpf“, den „Grafen von Monte Christo“ und so einiges anderes aus Omas Bücherschrank lesen wollte. Sammeln und behalten kann man sich bei Büchern nur noch leisten, wenn man ein Eigenheim mit viel Platz und solider Statik sein Eigen nennt. Tue ich leider auch nicht…

          2. Ich auch, ist ja im Grunde auch nicht schwer zu lesen. Im Gegensatz zu Kurrent, da steig ich aus. Bei mir wars Omas erstes Kinderbuch, die Gesamtausgabe der Gebrüder Grimm. Ui, war das schön schaurig.

          3. Wieder was gelernt. Für mich war bisher Kurrent gleichbedeutend mit Sütterlin. Wußte nicht, das der alpenländische Nachwuchs lange damit malträtiert wurde.

          4. Bei mir war es ein Roman namens »Ingeborg«, den ich von Nachbars Sperrmüll (!) gefischt hatte. Die letzten Seiten fehlten, ich habe also nie erfahren, wie es ausgegangen ist …

            Ich suche übrigens noch nach einem großen Lexikon in Fraktur — Brockhaus ab 1882, von mir aus ein vergleichbarer Meyers …

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