Promenade am Strand

Anlegestelle in Carate Urio
Morgenstimmung bei Lenno

„Alles ist vornehm und sanft, alles erinnert an Liebe und nichts an die Hässlichkeiten der Zivilisation. (…) Unsere Phantasie ist vom fernen Glockengeläut eines im Wald verborgenen Dorfes angeregt, und in diesen Klang, vom Wasser fortgetragen und gemildert, mischt sich ein Ton von Melancholie und Entsagung und scheint den Menschen zuzurufen: Das Leben entflieht, also seid bereit und ergreift das sich bietende Glück, beeilt euch, es zu geniessen „

Es ist annähernd 200 Jahre her, dass der französische Schriftsteller Stendhal zum ersten Mal den Comer See gesehen hat. Hymnische Zeilen. Entweder waren die Zeiten damals noch wirklich andere  – oder Stendhal litt bereits an den krankhaften Wahrnehmungsstörungen, die nach ihm benannt sind. Vielleicht gab es damals für einen Franzosen diese  Reizüberflutung tatsächlich.

Wenn der Morgen von den Bergen hinunter an den See schleicht und mit Pastellfarben füllt, ist von diesem Zauber noch etwas zu spüren. Der See liegt flach wie ein Laken, Reiher und Möwen ziehen ihre Bahn, die Schreie durchschneiden die Stille.

See-Freibad in Bellagio

Dann beginnt der Tag am See richtig: die ersten Jogger und Radfahrer (wie in Italien üblich, in perfektester Montur – bella figura, eben) keuchen vorbei, die Seeflotte macht sich los und bemerkbar, dann folgen die Autos. Die Autos sind eine Plage am See – die Pendler nach Como, am Wochenende die Mailänder und die Schweizer, die den See regelrecht in Besitz nehmen, schon gar an sonnigen Feiertagen wie Ostern 2011.

Ein Feiertag wie gemalt. Schaut man  hinter die brodelnde Kulisse der engen Strandpromenaden, in die Gässchen und Vororte, sieht man schnell, dass die besten Jahre des Comer Sees vorbei sind. „Vendesi“ – an jeder zweiten Ecke hängt ein solches Schild. Viele der entzückenden Häuser in den verwitterten Farben stehen zum Verkauf, andere sollten dringend renoviert werden. Dazwischen immer wieder: prachtvolle Villen in wunderbar gepflegten Anlagen, architektonisch eine schöner als die andere, Augenschmeichler in Form und Farbe. Der See ist voll, der See ist teuer, der See ist ausverkauft. Ich mag mir nicht vorstellen, wie es hier zugeht, wenn Sommerferien sind und die Autos von Como bis Menaggio in einer Schlange stehen.

Jetzt im Frühling ist es noch angenehm, die Zimmer haben kommode Preise, in den Restaurants mit Seeterrasse findet man immer einen Platz, auf den Fähren gibt es immer eine freie Ecke auf dem Sonnendeck. Nur in Belaggio brummt das Leben. Durch die enge Gasse oben zur Kirche schieben sich die Jeeps, Ferraris und Maseratis. Spazierenstehen und Schaulaufen in einem. Unten am Hafen, auf dem Weg zur Villa Melzi mit dem prachtvollen Garten, liegt hinter einem Bauzaun das örtliche Strandbad, Inbegriff für den Wandel am See. Den Luxus des angestaubten nostalgischen Charmes will man sich nicht länger gönnen oder zumuten, den Urlaubern muss man was Neues bieten. Schade drum, denn gerade die leicht angestaubten Ecken am See geben noch etwas von der Faszination wieder, der Stendhal erlegen sein muß.

Lido di Bellagio
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