Die, wo den Brustring tragen

Die aktuelle Mannschaft des VfB Stuttgart Hintere Reihe: Boulahrouz, Tasci, Delpierre, Okazaki, Kuzmanovic, Hajnal, Marica, Audel, Aufsischsratsvorsitzender Dr. Dieter Hundt Vordere Reihe: Progrebniak, Ulreich, Cacao (c):vfb.de

Halleluja – jetzt fängt Wassily auch noch mit Fußball an. Reicht ihm sein Dauerthema „Stuttgart 21“ nicht mehr aus, hat er keine Schwarz-Weiß-Fotos mehr vom Hauptbahnhof, muß er sich ablenken, weil Mappus & Co die Landtagswahl doch gewinnen werden, hat er Liebeskummer ?

Liebe Leserinnen und Leser, keine Sorge – mir geht es gut, ich bin wohlauf. Weitgehend. Also zumindest so weitgehend gut, wie es einem gehen kann, wenn man von einer alten Geliebten Abschied nehmen muß.

Blenden wir zurück. Es war Anfang der 70er, als ein kleiner, durchaus talentierter Torwächter erstmals seinen Fuß in eine große Betonschüssel namens „Neckarstadion“ setzte. Es war ein Spiel gegen Schalke 04, die Männer mit dem Brustring gewannen damals 1:0.

Nächste Station – Jahre später. Der inzwischen erwachsen gewordene, ehemalige Torhüter zieht nach Stuttgart, in eine Wohnung, auf deren Balkon der Torjubel aus der Betonschüssel samstags gut zu hören ist. Er geht regelmäßig ins Stadion, ein gewisser Herr Bobic wird Nachbar in der Straße.

Noch etwas später: der ehemalige Torhüter zeigt sein Können gelegentlich beim Fußballturnier um den „Wurst & Wecken – Cup“ ; dank seiner Paraden gewinnt sein Team einmal die begehrte Trophäe der Betriebsmannschaften, auch wenn der Stadionsprecher ihn mit einem unsachlichen „Der fällt so langsam wie eine Bahnschranke“ aus dem Konzept zu bringen versucht. Mit seinen Söhnen (ein talentierter Fußballer, zwei talentierte Handballer), besucht er regelmäßig die Heimspiele der Brustringträger, und auch das eine oder andere Auswärtsspiel, weil allen die Atmosphäre in fremden Stadien ein wohliges Schauern über den Rücken jagt … und er ganz nebenbei auf seinen Nachwuchs aufpassen kann. Die Söhne werden erwachsen, den 18. Geburtstag des Zweitgeborenen feiert man stilvoll in Barcelona, am Rande eines Spieles in der Champins League.

Ab 2007 , nach dem Freudentaumel um eine unerwartete Meisterschaft, die eine ganze Region schier an den Rand des Wahnsinns bringt, gibt es die ersten Risse. Der Verein, dem sein Herz gehört hat, benimmt sich wie eine stinknormale, börsennotierte AG, handelt mit Menschen, jongliert mit Bilanzen, bietet mehr denn je, fast wie in den Zeiten des unsäglichen Rotweinvernichters und konservativen Bluthundes Gerhard Mayer-Vorfelder, eitlen und geltungssüchtigen Gockeln eine gewaltige Bühne. Dr. Dieter Hundt etwa, der graumähnige Pfau und Arbeitgeberpräsident, geriert sich als selbstgefälliger Aufsichtsratschef, umgeben von Kopfnickern aus den Vorstandsetagen von Mercedes oder der EnBW. Sie verstehen sich als Speerspitze des Fortschritts und unterstützen natürlich Stuttgart 21, wie der Präsident Erwin Staudt, der nebenbei im Beratergremium der Baufirma sitzt, die das Neckarstadion umbauen darf und sich eine dicke Schnitte vom Millardenkuchen S 21 erhofft.

Vom Fußball und der Leidenschaft, die dahinter stecken kann, haben sie allesamt keine Ahnung; aber sie suhlen sich mit Gleichgesinnten  und Adabeis in den VIP-Logen, die heutzutage (weil man konkurrenzfähig bleiben will) zu jeder Arena (das Wort Stadion ist inzwischen verboten) gehören. In diese Arena stecken sie das ganze Geld, das sie durch den Verkauf der Talente aus dem Stuttgarter Umland erwirtschaften. Heute könnte man eine Mannschaft mit guten Meisterchancen auflaufen lassen, die komplett aus Fußballern der eigenen Jugend besteht  – und die mittlerweile woanders kicken.

2011 steht ein Team auf dem Platz, das so aussieht, wie ein x-beliebiges Team in einer x-beliebigen Liga. Fußballsöldner, angespült aus irgendeiner Liga, kurzfristig hier, dann schon wieder da, die sich wundern, wenn die Fans pfeifen, weil sie lustlos über den Platz schleichen und ein Spiel nach dem anderen versemmeln. Der Abstieg in die zweite Liga steht bevor, aber er schreckt den ehemaligen Torwächter nicht mehr. Vielleicht wird dann alles besser, wie früher, denkt er sich  – und erinnert sich an bessere Zeiten.

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7 Gedanken zu “Die, wo den Brustring tragen

  1. Der VfB hatte bei mir immer Sympathiepunkte und ich sehe sein Abwärtstrudeln mit Schrecken. Wäre schade, wenn es eine dekadente, selbstgefällige Führungsriege schaffte, ihm das Sympathische und damit vielelicht auch seine Unterstützer zu nehmen.

  2. Da fällt mir doch spontan dieser schöne kleine Song von PeterLicht ein: Benimmunterricht (Der Arbeitgeberpräsident)

    „Die Arbeitgeberverbände befürworten Benimmunterricht
    befürworten Benimmunterricht an den Schulen

    Der BDA-Präsident,
    ein Herr Hund sagte: „Schulabgängern fehlt oft die Kenntnis einfacher Regeln des Zusammenlebens“

    Der Herr Hund
    einfache Regeln des Zusammenlebens fehlen den Schulabgängern

    Der Herr Hund“

    Grüße vom Nachbartabellenplatz

    1. PeterLicht hat natürlich den Herrn Hundt gar nicht Herrn Hund genannt. Das war offenkundig ein Fehler jenes Schulabgängers, der den Text in ein Lyricsportal hineingeschrieben hat und die einfachsten Regeln der Namensschreibung nicht kennt…

    2. Fast überflüssig zu erwähnen, dass Dr. Dieter Hundt in seinem wirklichen Leben als Arbeitgeberpräsident ständig gegen die Einführung von Mindestlöhnen polemisiert. Und in seinem wirklichen Leben als Kapitalist in den Allgaier-Werken in Uhingen die Zahl der Leiharbeiter deutlich erhöhen wird.

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