Abschiedsblues

Alt und neu: das Friedel

Da läuft uns doch das Wasser im Mund zusammen. Sind wir nicht alle Stadtmenschen, mit Platzbedarf, Stil – und vor allen Dingen jeder Menge Kohle. Dann also nichts wie rein in die „Friedel“-Lofts in Bad Cannstatt, genau unsere Kragenweite, oder ?

Bei diesen glänzenden Aussichten in allerbester Lage (hinter dem Cannstatter Bahnhof, an einer vierspurigen Straße und mit direktem Blick auf den Wasen und damit auf fünf Wochen Volksfestgetöse im Jahr) ist es doch leicht verschmerzbar, dass wieder mal eine alternative Künstlerkolonie über den Neckar geht. Das „Friedel“ war eine der angenehmen, unaufgeregten Adressen in Stuttgart, meistens nur bei der langen Nacht der Kunst etwas bevölkert.

Alternative Kunst- und Kulturprojekte beziehen ihren Reiz auch aus ihrer Vergänglichkeit. Soweit in Ordnung, wenn es in einer Stadt Alternativen gibt. Aber in einer Stadt, in der die Wagenhallen Monat für Monat ums Überleben zittern mußten und die Freak-Kolonie in den alten Bahnwagen am Nordbahnhof immer noch auf gepackten Koffern sitzt, in einer Stadt, die sich fortschrittsgläubig an ständig neuen Handelsquartiere mit hochtrabenden Namen berauscht, für die zahlungskräftige Käufer, aber keine Menschen gebraucht werden ?

Das Angebot des neuen Investors, den bisherigen Mietern  eine edel sanierte Bleibe bieten zu wollen, haben die Maler, Fotografen und Trash-Art-Virtousen im „Friedel“ dankend ablehnen müssen. Vielleicht gibts im alten Güterbahnhof in Cannstatt eine vorübergehende Option – dort will die Stadt seit Jahren eine ökologische Mustersiedlung bauen. Wollte. Jetzt schlägt der Oberbürgermeister vor, den nächsten IKEA-Markt ausgerechnet hier unterzubringen.

Kleine Randnotiz: die Abbrucharbeiten hat der „Friedel“- Investor an ein Unternehmen gegeben, das über große Erfahrung auch unter schlechten Bedingungen verfügt – an jene Firma, die vergangenen Sommer den Nordflügel am Hauptbahnhof platt gemacht hat.

Ausstellung im Friedel, 2009
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7 Gedanken zu “Abschiedsblues

  1. Aaaaahhhh!!! Was für Scheixxköpfe treffen solche Entscheidungen? Gibts eine städtische Schmerzgrenze für langweilige Borniertheit? Sollte man dringend einführen…

  2. Ich weiß nicht, ob es schon immer so war oder ob ich einfach nur in dem Alter bin, in dem es einem auffällt. Aber die Gentrifizierung scheint derzeit besonders rücksichtslos vorangetrieben zu werden — nicht nur in Stuttgart, nicht nur in Berlin.

  3. Ja, Stadtmenschen mit Stil… und die dazugehörigen Investoren…
    Die Installation auf dem Bild, ist die von Michael Sailstorfer? Marion Ackermann hatte bei der Wiedereröffnung der Düsseldorf K20 als einen der interessantesten Räume den großen Wechselausstellungssaal mit seiner Clouds-Installation bestückt. War großartig, darunter durchzulaufen. Auf youtube gibt’s ein kleines Video von jemandem dazu: http://www.youtube.com/watch?v=ewaFKtwVuno

    1. Wäre – angesichts von Marion Ackermann – fast logisch gewesen. Es handelt sich aber um einen „local hero“, Bertl Zagst aus Kirchheim, und nennt sich logischerweise „volumes under pressure“.

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