Beim Leichenschmaus

Ein Mensch ist frisch unter die Erde gebracht, und im Dorfgasthaus geht es ungezwungen, fast fröhlich zu – doch, das gibt es! Ich habe die Tage im Schwarzwald mal wieder die Segnung des Leichenschmauses erleben dürfen, eine Tradition, die wohl nur noch in ländlichen Gemeinden bis heute so lebendig und selbstverständlich ist.

Der Tote war ein Original, eine Seele von einem Mensch, einer, der mit seiner Frau über 40 Jahre lang das Dorfgasthaus betrieben und neben der Kirche, dem Rathaus und dem Sportplatz zum Dorfmittelpunkt gemacht hat. Seine Gastfreundschaft, seine Offenheit und seine Geduld mit dem letzten Stammtischhockern war legendär – ebenso wie die Wurstwaren, die er selbst hergestellt und das Bauernbrot, das seine Frau im örtlichen Backhaus eingeschossen hat. Ich habe ihn Onkel genannt, obwohl er mit mir nicht verwandt war.

80 Jahre alt ist er geworden, an Weihnachten hat er seinen runden Geburtstag tüchtig gefeiert, in der alten Baiz in der Dorfmitte. Ich konnte leider nicht dabei sein, hab aber gehört, dass nicht viel fehlte, und die alten Herrschaften hätten auf den Tischen getanzt. Wenige Tage später ist er gestorben, kurz und schmerzlos – was für ein Abgang von dieser Welt.

Nun also die Beerdigung. Der Pfarrer, ein alter Freund der Familie, der mittlerweile Seelsorger für Obdachlose in Stuttgart ist, würdigt den alten Gastwirt mit einer Geschichte über die erste Begegnung. Es gab Linsen mit Spätzle, „soooooo a Portion !“. Er spricht von der Gastfreundschaft, davon, dass einer, der so viel gibt, auch viel zurück bekommt. Das ganze Dorf ist auf den Beinen, viele Freunde von auswärts sind gekommen.

Nach der Bestattung gehts in die Wirtschaft: auf den Tischen Hefekranz und selbstgebackener Kuchen, dazu deftige Vesperplatten, das erste Bier wird gezapft, das erste Viertele ausgeschenkt. Man trifft sich nach vielen Jahren wieder, hat viel zu erzählen, erinnert sich, lacht und ist fröhlich – am Tag einer Beerdigung. Mittendrin die Familie, die Kinder kümmern sich um die Gäste, die Witwe sitzt mit glühenden Backen am Stammtisch und sagt, was alle denken: „Des hätt`em gfalla !“.

Die beiden Kinder des Gasthaus-Patrons haben vor kurzem das Erbe des Vaters wieder aufgenommen. Einmal im Monat öffnen sie die gute Stube des Dorfes, ganz im Sinne des Vaters. Im Februar haben wir uns mit alten Bekannten dort verabredet. Wir werden viel zu reden haben, viel auch über den Senior-Gastwirt, der jetzt 200 Meter entfernt von seiner Wirtschaft liegt.

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6 Comments

  1. Soo ein schöner Text! – Bei uns in Nordfriesland gab es diese Leichenschmause auch – und der Herr Pfarrer bekam seinen „Pharisäer“ (Kaffee mit Rum drin und Sahne drüber, damit mans nicht riecht…)

    1. Danke schön, Herr Magister !

      Soll ich dir auch noch die Geschichte erzählen, dass bei uns der Pfarrer nach dem Schlachten immer die Filets abgestaubt hat – und dafür die ganze Familie in seine Gebete eingeschlossen hat.

      Ich fürchte, es hat nicht viel geholfen…

  2. War gerade etwas verwundert, dass Leichenschmause irgendwo nicht mehr Tradition sein könnten?!
    Aber stimmt schon, es ist ein etwas paradoxer Brauch.
    Ich denke, es gibt tragische Tode und Tode, die so natürlich kommen, wie der deines ‚Onkels‘. Bei ersteren würde ich die Leichenschmause meiden, bei zweiteren hätte ich ein schlechtes Gewissen ihnen fern zu bleiben.

  3. Wenn ich’s mir aussuchen dürfte … Nunja. Kann man nicht.

    Jedenfalls habe ich selten so gelacht wie auf Leichenschmausen; umso lauter, je mehr Tränen es vorher gab.

  4. Es ist eine gute Tradition, der Leichenschmaus: aktives Abschiednehmen, ein erster Schritt in die Trauerarbeit, der Tote sitzt im Grunde mit dabei und fehlt doch schmerzlich. Und natürlich darf man auch lachen.

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