Der Preis, den wir zahlen

Gestern ist die Faktenschlichtung zu Stuttgart 21 in die letzte Runde gegangen, Dienstag wird Schlichter Heiner Geissler das tun, was ein Schlichter tun muss – er wird zu einem zusammenfassenden Schlichterspruch vor viele Mikrofone und Kameras treten. Geissler, den viele Stuttgarter respektvoll auch Meister Yoda nennen, hat das getan, was er als unabhängiger Geist tun konnte. Er hat einen guten Job gemacht. Man darf dem 80jährigen Jesuiten dafür großen Respekt zollen. Er hat  Fragen gestellt, die Zusammenhänge geknüpft und die Defizite aufgezeigt – das getan, was eigentlich Aufgabe der herrschenden  politischen Klasse gewesen wäre.

Am Dienstag wird Geissler Folgendes verkünden:

  • Eine Volksabstimmung oder -befragung kann es in Baden-Württemberg aus rechtlichen Gründen nicht geben.
  • Stuttgart 21 ist trotz der 200 Millionen Euro teuren Planung voller Mängel und muß dringend nachgebessert werden.
  • Die Schlichtung soll ein Modellfall für alle künftigen Großprojekte sein.
  • Geissler wird die Rolle des Aktionsbündnisses (David) loben und die offenkundigen Fehlleistungen von Bahn und Politik (Goliath) scharf kritisieren.

Die Gegner von Stuttgart 21 werden Heiner Geissler für seinen Einsatz und sein Engagement danken, vom Schlichterspruch aber schwer enttäuscht sein. Die Politik wird sich zerknischt zeigen und  Bessserung geloben. Gleichzeitig werden Bahn, Bund und Land ankündigen, die vorgeschlagenen Nachbesserungen kritisch zu prüfen. Innerhalb von vier Wochen werden die Projektbetreiber die Nachbesserungen akzeptieren und verkünden, die entstandenen Mehrkosten von etwa einer Milliarde Euro selbstverständlich in einem großen Kraftakt schultern zu wollen. Der Bahnhof und die Neubaustrecke nach Ulm werden dann mindestens acht Milliarden Euro kosten, wie von den Gegnern schon vor Jahren prognostiziert, von den Betriebern hartnäckig dementiert. Die Schlichtung hat damit durch eine demokratische Hintertür das geschafft, was die Gegner nie wollten. Ein verkehrspolitisch unsinniges Mega-Projekt, das in Wahrheit ein Immobilienprojekt ist, wird durchgezogen.

Bis zur Landtagswahl Ende März werden sich die Projektbetreiber auffallend zurückhalten mit allen Baumaßnahmen, die wieder viele Menschen auf die Straße und in den Park treiben könnten. Die Demonstrationen werden weitergehen, das Stuttgarter Medienkartell wird sich aber noch eindeutiger auf die Konsensverweigerer und „Berufsdemonstranten“ einschießen, die nicht einmal einen Schlichterspruch akzeptieren können. Die Regierung Mappus wird etliche Millionen in Polit-Propaganda und Wahlgeschenke stecken und mit 46 % an der Macht bleiben. Die Grünen werden über 2o % erreichen, die SPD taumelt völlig zurecht für einen unfassbaren Schlingerkurs ins politische Niemandsland.

Dann legen die Projektbetreiber richtig los. 15 Jahre lang wird Stuttgart eine Großbaustelle, ein Betonsarg wird den zerstörten Park durchschneiden, 17 Kilometer oberirdische Rohre werden die Innenstadt verschandeln, die Baukosten werden sich um weitere zwei Milliarden erhöhen. Das Rosensteinviertel kann dann doch leider nicht wie geplant ein ökologisches Vorzeigeviertel werden, sondern wird mit gesichtslosen aber profitbringenden Bauten zugeklatscht. Stuttgart wird dann jene Stadt sein, die es nach gängigen (aber ungerechten) Vorurteilen heute schon sein soll – langweilig, gesichtslos, leblos, spießig. Die Bürger gehen zur Arbeit und machen die Kehrwoche.

Die Akteure ? Tanja Gönner wird – aus welchen Gründen auch immer – Karriere im Kabinett Merkel machen, Stefan Mappus – inzwischen hat er eine Statur wie Franz-Josef Strauß – sitzt fest und feist im Sattel der Villa Reitzenstein, Volker Kefer hat schon lange Bahnchef Rüdiger Grube abgelöst, OB Wolfgang Schuster ist zu seinem Abschied mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande für seine großen Verdienste um die Stadtentwicklung ausgezeichnet worden, Boris Palmer hat sich enttäuscht aus der Politik zurück gezogen und Peter Conradi sieht man abends kopfschüttelnd durch die Stadt wandeln.

In den Wagenhallen – das alternative Kulturzentrum hat man 2011 symbolträchtig als Begegnungszentrum für engagierte Bürger etabliert und nicht abgerissen – treffen sich gelegentlich Punks und Parkschützer an der Bar, die man „Bar des ewigen Widerstands“ getauft hat.

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9 Gedanken zu “Der Preis, den wir zahlen

    1. Bei allem Respekt vor Meister Yoda – es war nichts anderes zu erwarten.
      S 21 ist zwar Murks und wird noch teurer als ohnehin, aber es ist ja legitimiert. Also Augen zu und durch… die Logik der deutschen Politik.
      Wir machen weiter … bis zur Landtagswahl im März.

  1. Klingt nach dem passenden Auftakt zur Weihnachtsdepression. Heissa!
    S’wird Zeit die Stadt zu verlassen, Wassily! Stuttgart hat Dich nicht verdient – wenngleich … die StuttgarterInnen schon. Das haben sie mit ihrem tapferen Einsatz bewiesen.

  2. Deprimierende Aussichten. Wider alle Erfahrung hoffe ich, Du prognostizierst in möglichst weiten Teilen falsch. Aber es klingt alles schrecklich schlüssig.
    Solidarische Grüße

    1. Danke, Thomas, Merci, Lenz,

      es klingt düster – aber es wird wohl so kommen; nur
      bei den Akteuren hab ich dann doch meine Fantasie losgelassen.
      Danke für die Solidarität – morgen punkt 18 Uhr gibts die nächste
      ( die 54.) Montagsdemo.

  3. Das hört sich ja sehr nüchtern an. Gibt es den „kleine“ Ergebnisse wie einer Umplanung im Park oder Teilwahrung von Baulichkeiten? Werden Nachbesserungen zumindest sinnvoller für den Nahverkehr?

    Grundsätzlich ist zu hoffen, das der breite Protest mit seinem Medienecho zumindest ähnliche Missplanungen bei zukünftigen Großprojekten schwieriger macht.

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