Ein A für ein U

Was Typografie alles kann
Wenn wir heute Zeitungen und Magazine aufschlagen,dann lächeln uns meistens schöne und makellose Menschen an, machen Reklame für Mode, Parfums,Lebensversicherungen oder Automobile. Werbung ist häufig einfallslos, glatt, oberflächlich und beliebig.
Einfach genial (c: IBM)

Ich kann mich an eine Spiegel-Ausgabe vor vielen Jahren erinnern, als mich eine doppelseitige Anzeige fast vom Hocker geworfen hat: blütenweiß – nur ein Wort, stark vergrößert in der typischen Rasterung eines Schreibmaschinen-Farbbandes, die damals in der Vor-PC-Zeit noch benutzt wurde. Ich selbst habe zu dieser Zeit auf einer alten „Adler“ meine Hausarbeiten für die Universität geschrieben. Genial einfach – einfach genial, um mal einen der heutigen Werbesprüche zu zitieren. Natürlich ist diese IBM-Werbung auch zu sehen bei der Sonderschau „Die Welt aus Schrift“ im Kulturforum am Potsdamer Platz in Berlin.

Diese bemerkenswert unspektakuläre Ausstellung ist ein Spaziergang durch 120 Jahre Gestaltung mit Schriften, beginnend in England und Belgien, über  Wiener Sezession und Werkbund bis hin zu Pop-Kultur, Punk und Plattencovern. Wer den Weg durch das schmucklose Museum chronologisch durchläuft, sollte auf die Treppe achten. Der einführende Text in die Ausstellung zeigt auf jeder Stufe eine andere Schriftart: Fraktur, Garamond,Futura, Times, Art Déco,die scheußlich-deutsche Tannenberg (massenhaft zu sehen übrigens bei der Hitler-Ausstellung  im DHM), dann die großen Schweizer mit Helvetica und Univers und schließlich die modernen Computerschriften.

Mein Vater war von Beruf Schriftsetzer bei einer kleinen Lokalzeitung mit angegliederter Buchdruckerei. Ich bekomme diesen typischen Geruch ín der Mettage nicht aus meiner Nase; die Erinnerung an die Sonntage, wenn Vater das Bleischiff räumen mußte und die Söhne sich mühten, in Spiegelschrift Visitenkarten oder kleine Texte zu setzen, ist so präsent wie die Finger und Hemsärmel voll mit Druckerschwärze.

Die Geschichte der Schriften alleine ist schon spannend, die Schriften in ihrem zeitgenössischen Kontext sowieso, vor allem in den Zeiten, als Schriften stark zu Propagandazwecken genutzt wurden. Und spannend sind erst recht Schriften in Kombination zu Grafiken und Fotos. So ist die Ausstellung auch ein Spaziergang durch die Geschichte der Reklame.

Metropolis (c: fpa)

Kuddl Weidemann, der große alte Setzer und Gestalter aus Stuttgart, hat mal gesagt, Typografie sei eigentlich keine Kunst, weil sie auf das Wesentliche, die gute Lesbarkeit und Wiedererkennbarkeit reduziert sei. Dem will ich als Laie widersprechen. Die über 500 Plakate  sind wirklich Kunststücke der Gestaltung. Ein Beispiel dafür und gleichzeitig ein Highlight in der Ausstellung ist das Filmplakat für „Metropolis“ von Fritz Lang – allerdings nicht die bei uns sehr bekannte Version für die Filmpremiere in Berlin, sondern das von Boris Bilinsky entworfene Plakat für die französische Aufführung aus dem Jahr 1927.

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