Das Maultaschen-Kartell

Er ist ein unscheinbarer Mann, freundlich, untersetzt und mit einem knitzen Lächeln. Knitz kommt aus dem Schwäbischen und bedeutet „pfiffig“ oder „schlau“. Josef-Otto Freudenreich ist Oberschwabe und Oberschwaben gelten als renitent und leicht eigensinnig. „jof“ war mal die Edelfeder der Stuttgarter Zeitung. War. Er hat das Pressehaus in Stuttgart-Möhringen verlassen, gegen eine gute Abfindung, auch weil er den strikten, auf Rendite getrimmten Kurs der StuZ nicht mehr mittragen wollte. Die StuZ gehört zur Südwestdeutschen Medienholding, jenem Imperium, dass zwischen Schwarwald und Brandenburg Zeitungen verlegt und mittlerweile zur drittgrößten Medienkrake der Republik geworden ist.

Freudenreich hat die Tradition der großen Schreiber bei der Stuttgarter Zeitung fortgesetzt: Eberle, Leicht, Löffelholz, Vorkötter und Hans Blickensdörfer. Wie sie ist auch „jof“ mehrfach preisgekrönt worden für seine sprachlich brillianten Reportagen, Essays und Analysen. Diese Eigenschaften sind im Zeitungsimperium des Richard Rebmann nicht mehr so wahnsinnig gefragt.

„Jof“ hat auch Bücher geschrieben und dabei ein Spezialgebiet für sich und seine Mitautoren aufgetan: das Maultaschen-Kartell, also die schwäbische Variante der Amigo-Republik des Franz-Josef Strauß. „Wir können alles – Filz, Korruption und Kumpanei im Musterländle“ hat einige brisante Verflechtungen ans Tageslicht ge- und Freudenreich einige Prozesse eingebracht. Jetzt legt der Journalist nach mit dem Werk „Die Taschenspieler – verraten und verkauft in Deutschland“.

In diesem Buch spielt das Maultaschen-Kartell wieder eine wichtige Rolle; ein Auszug davon ist in der taz nachzulesen. Absolut lohnenswert, besonders die Passage, wie sich die Stuttgarter Zeitung zum Handlanger der Politik in Sachen Bahnhofsprojekt gemacht hat. Freudenreich schreibt:

„Es war die Nähe zur Macht, die über viele Jahre einen anderen Blick verboten, fast keine Debatten über Für und Wider zugelassen und darüber den Leser vergessen hat. Es gibt dafür sogar einen gedruckten Hinweis, der den Möhringer Meinungsmachern wie ein Stein auf die Füße gefallen ist. Er stammt aus der Stuttgarter Zeitung (StZ) vom 27. Februar 2010, verfasst vom damaligen Ressortleiter Außenpolitik, Adrian Zielcke, der in frappierende Offenheit schrieb: „Ohne die Zustimmung der Stuttgarter Zeitung zu diesem Großprojekt würde, so vermute ich einfach einmal, ‚Stuttgart 21‘ nie gebaut werden.“ Seitdem ist dieser Satz einer der meistzitierten bei den Kundgebungen der Gegner. Der ehemalige Chefredakteur, Uwe Vorkötter, heute bei der Berliner Zeitung, sagt, es sei ein Fehler gewesen, „S 21“ zu StZ 21 zu machen.

Es mussten erst 67.000 Stuttgarter gegen die Pläne protestieren, viele von ihnen die Blätter in der Plieninger Straße mit zornigen Leserbriefen überziehen und mit Abbestellungen drohen, danach zwei Drittel der Einwohner in Umfragen ihr Nein ausdrücken, bis die Einsicht in den Chefköpfen durchsickerte, dass man es – nachdem das Grundsätzliche entschieden war – vielleicht mal mit einer etwas ausgewogeneren, inzwischen durchaus respektablen Berichterstattung probieren könnte.“

Das ist tatsächlich auch passiert, zwei Tage nachdem die Vereinbarung über Stuttgart 21 besiegelt war und das Projekt – wie seitdem gebetsmühlenhaft wiederholt wird – „unumkehrbar“ ist. Seitdem darf der Lokalredakteur Nauke endlich so recherchieren, wie es sich für ein ehedem angesehenes Blatt gehört. Und die Enthüllungsstories fallen regelrecht wie reife Früchte von den Bäumen, die demnächst im Schloßgarten gefällt werden. Leider wohl zu spät, wie auch die Kehrtwende der StuZ. 

Kleine Randnotiz: Das Schwesterblatt der StuZ, die „Stuttgarter Nachrichten“ ist ihrem Ruf und ihrer Linie treu geblieben – als Kampfblatt für das „alternativlose Zukunftsprojekt“.

4 Kommentare zu „Das Maultaschen-Kartell

  1. Ich beschäftige mich im Moment ein bisschen eindringlicher mit dem ehemaligen Jugoslawien. Der bisher gewonnene Eindruck vom Wirken der meisten Medien in den Balkankriegen lässt mich meine weitere Nutzung von solchen tatsächlich überdenken.

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