Im Nabel Schwabens

umbilicus sueviae- Der Nabel Schwabens

Ich bin mir nicht mehr ganz sicher, was mir damals mehr Ehrfurcht eingeflößt hat. Die Reise als solche mit der Dampflokomotive in die ferne Großstadt – oder die Ankunft ebendort, in diesem gewaltigen Bahnhof mit seinem Gleisgewirr und den 16 Bahnsteigen, seinen fauchenden Maschinen, seinen Dienstmännern, diesem infernalischem Lärm und den vielen Menschen, die umhereilten oder, wie ich meinte, völlig kopflos umherrirrten. Als kleines Landei war ich einfach nur tief beeindruckt.

Ich habe diesen Bahnhof jahrzehntelang wie viele nur benutzt, wie man es mit einem Bahnhof halt so macht. Ich habe mich oft über die Bahn geärgert, über Verspätungen und Zugausfälle und darüber, wie dieses stolze Gebäude meiner Kindheit Jahr für Jahr mehr vernachlässigt wurde. Am Ende ist der Bahnhof eine Mischung aus Fastfood, Ein-Euroshops, Parfümerien, Schnellbäcker, Zeitungskiosken und Unmengen von Müll geworden. Müll, der achtlos weggeworfen wurde, Werbemüll, der in brüllenden Großplakaten an die hohe Decke der Haupthalle gezogen worden ist. Es hat geschmerzt zu sehen wie dieser strenge und mächtige Bau behandelt worden ist. Am Ende hat er nur noch billig gewirkt. Verwahrlost, vernachlässigt – so wie die Bahn mit ihrem Erbe umgeht.

Große Schalterhalle - Aufgang von der Klettpassage

In letzter Zeit bin ich bekanntlich wieder häufiger am und im Bahnhof unterwegs. Nimmt man sich eine Kamera und etwas Zeit (und anschließend ein wenig, nur ein wenig Unterstützung vom flickr-Bildbearbeitungsprogramm), dann sieht man, was für ein einzigartiges Bauwerk dieser Hauptbahnhof von Paul Bonatz ist, um den draußen hinter den Absperrgittern der Bereitschaftspolizei ein erbitterter Streit tobt. 

Ich will mich nicht näher zur Person von Paul Bonatz äußern, der diesen Bahnhof 1910 geplant und in den folgenden Jahren gebaut  – und später den avangardistischen Architekten der Weißenhofsiedlung böse Knüppel zwischen die Beine geworfen hat. Wesentlicher ist der kunsthistorische Rang dieses Ensembles: konservativ-monumental und verspielt- progressiv zugleich, eine der wenigen erhalten gebliebenen Landmarken in Stuttgart als Übergang vom 19. ins 20. Jahrhundert.

Bonatz hat einmal über seinen Bahnhof geschrieben: „Der Betrieb im Bahnhof ist ein harter, schneller, unerbittlicher, kein gemütvoller. Alles ist Ordnung und Organisation. Wohl ist Rhythmus darin, doch nichts Weiches, Spielerisches, nur Strenges und Unausweichliches.“ (Damler-Wekrkszeitung, 1919). Diese Strenge prägt den Bahnhof , dessen Turm genau in der Achse der Königstraße steht, bis heute.

Zur Symetrie des Ensembles gehören auch die beiden Seitenflügel, einer davon ist in der vergangenen Woche zerstört worden. Der Südflügel wird folgen, wenn nicht noch ein Wunder geschieht. Das Hauptgebäude und der Turm bleiben stehen, werden aber vollends ihrer strengen Harmonie und damit ihrer Bedeutung beraubt. Der Restbahnhof darf noch den historischen Zuckerguss für einen lächerlich-verspielten Ufo-Entwurf von Ingenhoven abgeben, der ausschaut wie aus den Ateliers von Perry Rhodan entsprungen, der unserer Polit-Elite aber als modern und den fortschrittsgläubigen Spatzenhirnen als visonär gilt.

Der Stuttgarter Hauptbahnhof hat immer funktioniert. Das kann man vom neuen, unterirdischen Durchgangsbahnhof  (noch oder vielleicht nie) behaupten. Dass er überhaupt irgendeine wesentliche Verbesserungen bringen wird, für die der Einsatz von mindestens fünf Milliarden Euro gerechtfertigt ist, steht bisher nur in Plänen, die allesamt von Gutachten wieder erschüttert sind.

Die Bahn und die Politik zerstören mutwillig den Nabel Schwabens – und bei vielen den Glauben in unser System.

Hauptbahnhof - von der Königstraße
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7 Gedanken zu “Im Nabel Schwabens

  1. Die ersten zwei Absätze lang hab ich mich die ganze Zeit gefragt, welchen hervorragenden Schriftsteller Du da wohl zitierst. Was für eine Einleitung! Und auch ansonsten Pflichtlektüre für alle, die an Stuttgart 21 interessiert sind.
    Richibas Eindruck vom Bahnhof kann ich nicht teilen. Ich war zum ersten Mal Mitte der 80er in Stuttgart und dann in den Semesterferien regelmäßig als Wochenendpendler. Mich hat er immer wieder beeindruckt – ein wirklicher Großstadtbahnhof (und viel urbaner als das Leben außerhalb mir dann oft erschien).

  2. Gratuliere zu den tollen Bildern, sie sind besser als das Teil in Wirklichkeit schön ist. Die große Eingangshalle ist ein typischer deutscher Raum, monumental, dunkel, düster.
    Hier könnte man gut der Nibelungen Untergang an Etzels Hof inszenieren, mit viel Blut und Leichen (Hagen von Tronje usw.) die man die Rolltreppe rauf und runterfahren könnte. Abreißen muss mans deswegen natürlich trotzdem nicht!

  3. Tja die Medien stürzen sich immer auf ein zentrales Thema. Von Stuttgart 21 spricht keiner mehr ausserhalb von Stuttgart. Der Sarrazin mit seinen Thesen steht jetzt an Nummer 1 und wird es wohl die ganze nächste Woche noch bleiben. Allerdings hat das auch etwas positives. Man kann auch sehen was ständiger öffentlicher Protest bewirken kann. Wenn die Einwohner in und um Stutgart hart bleiben, dann wird es dieses Milliarden Projekt nicht geben. Ich will nicht wissen, wer sich bis jetzt daran schon eine goldene Nase verdient hat.

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