Der Wind dreht sich langsam

Die Stuttgarter Stadtoberen haben ein massives Problem: die Presse. Sucht man bei „google news“ unter dem Stichwort Stuttgart 21, findet man auf einen Schlag etwa 600 Dokumente aus den letzten Tagen. Es sind viele kleinere nachrichtliche Berichte darunter, aber auch großformatige Verisse des Milliardenprojekts. Besonders gut geraten ist ein hintersinniger Hintergrundbericht im Tagesspiegel, der die ungewohnte Empörung der schaffigen Schwaben fast belustigt zur Kenntnis nimmt. Erst die Kehrwoche, dann zur Demo…Selbst auf der Homepage des ORF sind die Demos nachzulesen.

(c) Nick Stuttgart Blog

Gestern Abend haben 20 000 Menschen eine Schutzkette um den historischen Bahnhof gebildet, anschließend mit einem Protestmarsch den Verkehr in der Stadt komplett lahmgelegt. Wenige Tage zuvor haben Stuttgarter Promis einen Appell für ein Moratorium veröffentlich – über 25 ooo Bürger haben schon unterschrieben. Am kommenden Montag findet zum 39. Mal die Montagsdemo statt. In der SPD, die bisher das Projekt aus welchen Gründen auch immer unterstützt hat und die ausgerechnet den Sprecher des Projekts stellt, gibt es die ersten Abweichler. Mehr aus Angst vor der nächsten Wahl-Klatsche, denn aus echter Überzeugung.

Noch stehen der OB, der blasse Herr Schuster, der MP, der feiste Herr Mappus, und der Bahnchef, der oberschlaue Herr Grube, fest zum Projekt. Beschlossen ist beschlossen, sagen sie seit Monaten und die Bahn schafft schon mal Fakten und beginnt mit dem Abriss des Nordflügels. Wenn sie sich mal nicht zu früh freuen.

Die Medien sind plötzlich heiß auf das Thema und die wachsene Unbeugsamkeit der Stuttgarter Bevölkerung. Heute legt der „Spiegel“ nach mit einer Enthüllungsstory um merkwürdige Verträge zwischen Land und Bahn. Der SWR wird dem Projekt endlich einen ganzen Thementag in seinen Programmen widmen.

Und ich, der ich Stuggi zuvor schon mochte, werde langsam ein wenig stolz auf die Menschen, die hier leben,arbeiten … und demonstrieren. (Fotos folgen)

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6 Gedanken zu “Der Wind dreht sich langsam

  1. Na ENDLICH kommt da Bewegung rein. BRAVO! Ihr schafft das! Und als nächstes wird diese grusige Stadtautobahn bepiknickt!

  2. Gibt es nicht auch ein neues im Auftrag des Umweltbundesamtes erstelltes Gutachten von der KCW GmbH Strategie- und Managementberatung für öffentliche Dienstleistungen (Neubaustrecke Ulm – Wendlingen)? Ich habe davon selbst in den Schweizer Nachrichten erfahren.

    1. Gut informiert, lieber Lenz. Das CWK-Gutachten empfiehlt einen Verzicht auf Stuttgart 21. Da der Autor ein bekennender Gegner des Projekts ist, hat sich das Bundesamt seine Schlußfolgerung auch nicht zueigen gemacht.
      Bristanter ist die Studie von SMA aus Zürich, die dem neuen Tiefbahnhof ein verheerendes Zeugnis ausstellt. Deshalb wurde diese Studie auch bis vor einigen Tagen unter Verschluss gehalten. Tenor: wenig Vorteile für den Fernverkehr, dafür eklatante Nachteile für den Nah- und Regionalverkehr.

  3. Mit einer Rekordbeteiligung von 18 000 Menschen war bereits am Freitag eine Menschenkette um den Bahnhof gebildet worden um gegen das Grossprojekt Stuttgart 21 zu demonstrieren. Also eine klare Minderheit. Ich verstehe nicht, was das jetzt soll. Dass Stuttgart 21 kommen würde, wusste man ja schon ein paar Jahre im Voraus. Vielleicht sollte man sich mal überlegen, ob man nicht den demokratischen Weg geht und die Meinungsbildung über die Kommunalwahlen macht. Nur mal so eine demokratische Idee.

    Siegfried Anton Paul

    1. Vielleicht wäre es auch eine gute demokratische Idee gewesen, wenn Oberbürgermeister Schuster sein Versprechen eingehalten hätte, zu Stuttgart 21 ein Bürgerbegehren abzuhalten. Nur das hat ihm seine Wiederwahl vor sechs Jahren gesichert. 70 Prozent der Stuttgarter lehnen das Projekt nach seriösen Umfragen ab (dimap – infratest).

      Die Verhandlungen über S 21 fanden in Geheimzirkel statt, die schöngerechneten Kosten hat ein willfähriger Gemeinderat jahrelang nur abgenickt. Die vorläufigen Kosten und brisante Gutachten sind erst in den letzten Monaten an die Öffentlichkeit gekommen. Seit das wahre Ausmaß bekannt ist, formiert sich echter Widerstand. Und der wird weiter wachsen.

      Übrigens: schon bei der letzten Gemeinderatswahl (damals lagen noch nicht die neuen Kosten vor) sind die Grünen zur stärksten Fraktion gewählt worden.

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