Denkfabrik (Berliner Version)

htw im Berliner Osten

Zu diesem Gebäudekomplex im Osten der Hauptstadt passt der Begriff  „Denkfabrik“ wie die Faust aufs Auge. An der Wilhelminenhofstraße im nicht gerade vornehmen Stadtteil Oberschöneweide war bis vor gar nicht so langer Zeit das KWO untergebracht.

Das KWO ist eng mit der AEG und dem Namen Emil Rathenau verbunden. Der  Gründer der AEG hatte Ende des 19. Jahrhunderts  ein Gelände an der Spree  erworben und mehrere Architekten, unter anderem Peter Behrens, mit der Planung einer Produktionsstätte beauftragt. Am 3. Oktober 1897 wurde das Kabelwerk Oberspree (KWO) in Betrieb genommen, annähernd 2 000 Menschen arbeiteten hier in den besten Tagen. Nach dem Krieg wurde das KWO  1952 volkseigener Betrieb und firmierte als VEB Kabelwerk Oberspree  – bis zur Wiedervereinigung.

Anfang der 90er übernahmen britische Investoren das KWO. Queen Elisabeth gab sich im Oktober des Jahres die Ehre und besuchte Oberschöneweide. In den späten 90er Jahren wurde die Kabelfertigung eingestellt, die  Anlagen verkauft .Das Areal steht unter Denkmalschutz und wurde in großen Teilen sehr aufwendig und detailgetreu für die htw restauriert. 

 htw – also Hochschule für Technik und Wirtschaft – ist ein etwas irreführender Name. Es wird nicht auf Anhieb deutlich, dass sich ein großer, innovativer Fachbereich Gestaltung auf dem Campus  befindet. Die Studiengänge wirken etwas  wild zusammengewürfelt – von den Kommunikationsdesignern über die Museumskundler, die Modedesigner zu den Restauratoren und Grabungstechnikern. Die Studenten beklagen immer wieder, dass sich der Fachbereich hinter den etablierten Hochschulen versteckt. Ganz ohne Not. Die Austattung des Kreativ-Gebäudes in der alten Fabrik ist auf dem allerneuesten Stand, das Lehrpersonal hochkarätig, die Studis müssen ein stressiges Auswahlverfahren über sich ergehen lassen, bevor sie überhaupt an der htw studieren dürfen..

Wie gut die kreativen Köpfe schon in den unteren Semestern sind, zeigte sich dieser Tage bei der Werkschau der Gestalter. Respekt, das war durch die Bank große Klasse. Ich war tief beeindruckt, nicht nur, weil Söhnchen zu den Kommunikationsdesignern gehört. Bücher, gestaltet von den Zweitsemestern, neu geschaffene Typografien, irrwitzige Computeranwendungen, banale aber schöne Dinge wie Geschenkpapier und Grußkarten, starke Fotoserien über Jugendliche im Berliner Osten – und als Attraktion fürs Auge die durchaus professionelle Modenschau. Bei aller Diskussion um Turbo-Gymnasium, Pisa-Studie und Bachelor-Abschlüsse – um den kreativen Nachwuchs muß man sich nicht wirklich Sorgen machen.

In Oberschöneweide ist ein spannender Kontrast entstanden. Auf der einen Seite der Straße der wachsende Campus in den historischen Gemäuern mit einer Liegestuhl- und Strandkorblandschaft hinter der Bibliothek direkt an der Spree – auf der anderen Straßenseite das normale Ost-Leben mit Ein-Euro-Shops und Sonnenstudios. Zwischendrin immer wieder furchterregende Glatzen. Die meisten Studenten leben noch nicht in Oberschöneweide, sondern logischerweise in Kreuzberg, Friedrichshain oder irgenwo in Mitte und pendeln zur Hochschule. Ich mache aber jede Wette – in fünf Jahren wird diese Gegend ein angesagter Kiez in Berlin werden. Das sind sich die kreativen Köpfe der htw irgendwie schuldig.

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