Im Land der Käsköpp

Könnte es unter Umständen sein, dass ich zu Holland ein gespaltenes Verhältnis habe ? Und wenn ja, woran könnte das liegen ? Diese Fragen habe ich mir die letzten Tage häufig gestellt, einerseits während der Fußball-WM, als die Niederländer ganz plötzlich deutschen Fußball spielen und damit in Südafrika ihr WM-Trauma besiegen wollten, andererseits bei der Lektüre des Romans „Das Lügenarchiv“ von Thomas Hoeps und Jac. Toes.

Der Reihe nach: Ich war noch niemals wirklich in Holland. Immer durchgefahren oder dran vorbei.Immer wieder mal einen Trip nach Amsterdam geplant, aber nie angetreten. Das hat seinen tieferen Grund wohl in meiner Jugend. Damals lernte ich zwei junge Holländer kennen, Hans und Walter, die so ziemlich all das verkörperten, was ich nicht war und hatte: Weltoffenheit, Lässigkeit, Charme. Vermutlich bin ich auch deshalb nie nach Amsterdam gefahren, weil ich mir wenig aus Drogen mache – und weil mir der lockere Umgang mit Gesetzen und Konventionen ziemlich deutlich gemacht hätte, welch bürgerliches Leben ich eigentlich führte.

Zurück nach heute. Ich bin ein wenig älter – und fürchterlich neugierig auf Holland geworden. Das liegt auch an Thomas Hoeps und Jac. Toes. Hoeps aus Mönchengladbach und Toes aus Arnheim nahmen mich mit ins Land der Käsköpp, nach Amsterdam, in die Szene der Coffeeshops und Schwulenbars, der Grachten und Straßen mit den unaussprechlichen Namen, der Schnüffler, Kriminalisten, Geheimdienste, ins Land mit seiner kolonialen Vergangenheit und den Lasten, die das Königreich heute  noch zu schultern hat.  (Foto: (c) nlweb)

Eine wirklich gute und schlüssige Story – auf einigen Zufällen basierend, die aber logisch zusammengeknüpft werden. Eine Sauftour unter alten Freunden, ein Mordanschlag, der anscheinend einem anderen gegolten hat, ein holländisches Ausbeuterunternehmen, das immer noch Schwarzafrika auspresst wie eine Zitrone, eine psychologisch geschulte und ausgebuffte Profilerin aus Arnheim und ein träumerisch veranlagter und gelegentlich kindisch-trotziger Restaurator aus Mönchengladbach, die ein Paar waren, in Amsterdam wieder zusammentreffen, mit sich, ihrer Beziehung und einem komplizierten und komplexen Fall ringen.

Wenn ein Krimi als Parallelhandlung eine Liebesgeschichte braucht, spricht das oft gegen die Story. Hier passt beides zusammen, ergänzt sich, baut sich gegenseitig auf, steigert Intensität und Tempo. Die Dialoge zwischen Micky, der Spezialermittlerin, und Robert, dem Restaurator, sind Tänze auf der Rasierklinge, zwischen Begierde und Selbstschutz, zwischen Zuneigung und Abgrenzung, zwischen der Suche nach Vertrautheit und panischer Angst vor derselben. Besser als im wirklichen Leben.

Die Kriminalstory ist ein Blitzlicht auf die „glorreiche“ Vergangenheit Hollands und auf die Wunden, die das Wirken und Wüten der Kolonialmacht geschlagen hat und bis heute schlägt. Darüber schreibt Thomas Hoeps gelegentlich in seinen Blogbeiträgen. Der Showdown an Bord eines Containerschiffs unter kamerunischer Flagge ist rasant, detaillreich und voller Überraschungen. Spektakulär zu lesen ist das abschließende Verhör – ein psychologisches Kammerspiel erster Güte.

Ich habe mich immer wieder gefragt, wie Hoeps und Toes (zusammen-)gearbeitet haben. Ich kann mich an eine Begegnung mit Carlo Fruttero und Franco Lucentini erinnern, die bei einer Lesung schelmisch davon berichteten, dass sie wie ein altes Ehepaar seien. Man brauche sich, aber letztlich lebe (und schreibe) jeder für sich, Kapitel für Kapitel.

Hoeps & Toes recherchieren gerade am dritten Teil der Krimireihe. Ich freu mich drauf. Wahrscheinlich werden sie es schaffen, mich neben Amsterdam auch noch für Maastricht zu begeistern.

Thomas Hoeps & Jac. Toes „Das Lügenarchiv“ bei grafit 

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6 Comments

  1. Gut, dass du mich wieder an dieses Duo erinnerst, habe ich mir doch schon beim letzten Mal vorgenommen, das Buch zu kaufen, und es nicht getan 😦 Nun aber!

    (Die Niederlande sin für mich übrigens eine zweite Heimat, habe ich dort doch sechs Jahre gelebt.)

  2. Danke für den Hinweis, das Buch werde ich sogleich bestellen. Bei mir ist es her umgekehrt, ich bin häufig mal bei den „Nachbarn“, wir wohnen ja fast an der Grenze. Ich empfehle meiner holländischen Freundin immer mal Bücher von niederländischen Schriftstellern. Es gibt nämlich ein paar sehr gute, die offenbar bei uns populärer sind, als im Heimatland.

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