Fenster zum Paradies

Morgenstimmung Uff-Kirchhof

Als ich vor einiger Zeit in meine neue Wohnung auf dem Seelberg in Bad Cannstatt gezogen bin, habe ich mich auf zwei Dinge ganz besonders gefreut: auf eine Straße voller Leben, Läden und Kneipen einerseits – und auf die himmlische Ruhe andererseits, die mich erwarten würde. Immerhin liegen mein Balkon, die Küche und das Schlafzimmer in Richtung eines Friedhofes. Wer oder was sollte da also groß stören?

Nicht wirklich auf meiner Rechnung hatte ich die Tatsache, dass ein Friedhof von Büschen und Baumen gesäumt wird, und in diesen Büschen und Bäumen nisten nun mal mit Vorliebe Vögel. Massenweise Vögel. Ich hab fast drei Monate gebraucht, um mich an den natürlichen Lärm dieser Krachmacher morgens um 5 Uhr zu gewöhnen.

Jetzt kann ich meine neue Umgebung wirklich genießen, auch den Gang morgens zur U-Bahn Haltestelle und abends zurück – er führt mich mittenmang durch diesen schönen Friedhof. Uff-Kirchhof heißt er, einer der ältesten Friedhöfe in Stuttgart, enstanden wohl im achten oder neunten Jahrhundert. Hier ruhen bedeutende Köpfe wie Gottlieb Daimler und Wilhelm Maybach als Inbegriff für das schwäbische Schaffertum, Leute wie Molique, Ganzhorn und Freiligrath als Synonym für die feinsinnige Seite der Schwaben, und Mediziner wie Veiel und von Heine als Beweise für den Glauben, dass fast nichts unmöglich ist. Dazu kommen noch der Rennfahrer Hermann Lang und der Volksschauspieler Oscar Heiler – und viele Namenlose oder Vergessene, wie der Büstenhalterfabrikant Sigmund Linauer. Und bemerkenswert viele Gräber von ehrbaren Cannstatter Familien, die in den Kriegen gegen Frankreich im 19. und 20. Jahrhundert mindestens einen Sohn auf den Schlachtfeldern verloren haben.

Uff-Kirchhof, ein stiller Ort mitten in der Stadt. Eine schöne, wenn auch kurze Auszeit am Morgen und am Abend.

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5 Gedanken zu “Fenster zum Paradies

  1. Wenn es nicht so ungemütlich nach Flughafen und Tom Hanks und Visumspflicht klänge, wäre deine Wohnung sozusagen ein Transitraum zwischen noch mehr Leben und noch mehr Ruhe. Hört sich alles wunderbar an.

  2. Friedhöfe sind wohl nur in der Fantasie der Menschen unheimlich. In Wirklichkeit sind sie meist unglaublich schön. Wie dieser und der Golzheimer Friedhof oder der Nordfriedhof in Düsseldorf etwa. Da liegt übrigens Rosemarie Nitribitt, die Edelhure, begraben.

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