Hansel & Gerda

Es kann kein Zufall sein, daß gleichzeitig in Stuttgart und Umgebung an zwei große Frauen erinnert wird. Beide haben in den 20er Jahren hier gelebt, beide sind ausgezogen in die Welt, beide sind berühmt, zumindest bekannt geworden, beide haben sich nie getroffen. Aber: beide sind Schwestern im Geiste.

Die eine, Gerda Taro, ist im Schatten des Kriegsfotografen Robert Capa berühmt geworden. Geboren ist sie als Gerda Pohorylles am 1. August 1910 in Stuttgart, Tochter eines jüdischen Kaufmannes. Im Alter von 19 Jahren zieht Gerda nach Leipzig, flüchtet dann vor den Nazis nach Paris, wo sie Robert Capa (bürgerlich:André Friedmann) kennen und dann lieben lernt. Sie gehen nach Spanien – wie viele andere Linke und Intellektuelle – fotografieren an der Seite der republikanischen Armee. Gerda Taro wird im Juli 1937 von einem Panzer überrollt, stirbt einen Tag später.
Eine Ausstellung im Kunstmuseum Stuttgart zeigt die Bilder von Gerda Taro, die mit Capa zusammen gearbeitet hat, aber auch alleine unter ihrem Namen fotografiert hat. Capa ist mit seinem Bild des sterbenden republikanischen Soldaten der Kriegsfotograf schlechthin geworden, viele der Bilder, die ihm zugeschrieben werden, stammen aber von Gerda. Überhaupt: Capa hat schwer darauf geachtet, dass der Ruhm bei ihm blieb.

Hansel Mieth, die zweite Frau, ist ein Jahr älter als Gerda Taro. Sie ist in Oppelsbohm als Johanna Mieth geboren und in Fellbach nahe Stuttgart groß geworden. In den für die Gegend durchaus üblichen strengen Verhältnissen einer pietistischen Familie, die es auch heute noch gibt und die scherzhaft „Pietkong“ genannt werden. Hansel lernt früh Otto Hägele kennen, ihren späteren Mann, flüchtet aus der Enge der Familie, streunt mit Otto in der Gegend rum, reist nach Südeuropa – erst mit dem Fahrrad, dann zu Fuß, immerhin bis in die Türkei.
Otto reist weiter – flüchtet vor den Nazis, die sich breit machen in die USA, auf ziemlich abenteuerliche Weise, auf einem Frachter für Kanarienvögel. Er nennt sich Otto Hagel, verdient sein Geld als Gelegenheitsarbeiter… und fotografiert.

Hansel folgt ihm 1930, beide leben in und um San Francisco, jobben als Fensterputzer, Erntehelfer, Lieferanten. Sie sind als Wanderarbeiter unterwegs, erleben die andere Seite des american way of life hautnah… und fotografieren. „Der große Hunger“ nennt sich ihre Fotoserie, die Otto und Hansel bekannt machen. Hansel wird die erste festangestellte Fotografin für LIFE, Otto arbeitet freiberuflich. Ein Teil ihrer Arbeit ist in dem schönen Bildband „Simple Life“ aus dem Schmetterling-Verlag dokumentiert.
Nach dem Krieg kehrt zuerst Hansel, später auch Otto, zu Besuch ins geschlagene Deutschland zurück. Sie fotografieren die Trümmerstädte, die geschundenen Menschen, die traumatisierte Bevölkerung. „We return to Fellbach“ heißt ihre berühmte Fotoreportage aus der ehemaligen Heimatstadt, die Thomas Knubben in einem wunderbar dichten Essay erläutert.
Nach Hansel ist ein Fotopreis benannt, der seit zwölf Jahren von der lobenswerten Agentur „Zeitenspiegel“ vergeben wird. Am Donnerstag haben Andrea Böhm und der Fotograf Marcus Blaesdale den Preis für die beste Reportage gewonnen – in der Tradition der schonungslosen Sozialreportagen von Hansel und Otto.
Hansel und Gerda haben sich, soviel man weiß, nie getroffen. Aber Robert Capa ist das Bindeglied zwischen den beiden großen Künstlerinnen. Hansel und Otto sind gut mit Capa befreundet, es ist auch ein Gespräch zwischen Hansel und Capa überliefert, bei dem es um die Entstehungsgeschichte seines Fotos vom sterbenden republikanischen Soldaten geht. Capa ist wie immer ziemlich ausweichend. „Wir alle haben herumgealbert, wir waren ein wenig verrückt vielleicht“, sagt Capa seiner Freundin und Kollegin. Ob das Foto echt oder gestellt ist – bis heute eine umstrittene Frage.

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2 Gedanken zu “Hansel & Gerda

  1. Natürlich wieder einmal ein faszinierender Bericht aus dem Süden der Republik. Und über Fotografie. Wäre der Name Capa nicht gefallen, hätte ich mich schnurstracks mit den beiden Damen beschäftigt. Aber allein der Name „Robert Capa“ verleitet dazu, weiter über das umstrittene Foto nachzudenken. Und über die Merkwürdigkeit von Männern, talentierte Partnerinnen in den Schatten stellen zu wollen: Camille Claudel, Frieda Kahlo etc.

    1. Capa – ohne Frage ein toller Fotograf, aber halt auch ein Kriegsfotograf. Ohne Skrupel, gegen sich und gegen andere.
      In „Death in the making“, seinem ersten Bildband, benutzt er viele Fotos von Gerda Taro – ohne die Quelle zu nennen.
      Das Rätsel des fallenden Soldaten wird aber wohl nie gelöst werden. Im Koffer mit den Negativen aus dem spanischen Bürgerkrieg, der vor zwei Jahren in Mexico wieder aufgetaucht ist, fehlt genau dieses Negativ.

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