Eine deutsche Biographie

Er sitzt da, ruhig, konzentriert. Ein sympathischer, zurückhaltender Mann , kurze Haare, Brille, Jahrgang 1936. Dann beginnt er zu erzählen, fast emotionslos, ohne anklagenden Unterton. Er erzählt von Alfred Neu, einem Menschen, von dem man nicht viel weiß – nur, dass er am 2. Juni 1940 mit einem grauen Bus abgeholt  und noch am gleichen Tag oder einen Tag später vergast und verbrannt wird.

Der Mann spricht davon, wie schwierig es ist, dem Namen ein Gesicht zu geben, eine Geschichte, seine Biographie, seine Würde. Wie schwierig es ist, sich als „Hobbyforscher“ durch Akten, Urteile, und Briefwechsel zu wühlen. Und davon, wie wichtig es ist, deutsche Geschichte konkret zu erzählen.

Alfred Neu wird im November 1895 in Weinheim geboren, das jüngste von vier KIndern. Sein Vater stirbt, als er zwei Jahre alt ist, seine Mutter zieht nach Bad Cannstatt, wohnt mit den Kindern in der Wörrishofener Straße.

Neu ist im ersten Weltkrieg ein tapferer Soldat, ein Held in Flandern und Verdun, hochdekoriert, später Leutnant der Reserve. 1923 wird Alfred Neu krank, wahrscheinlich von den Kriegserlebnissen, und in die Heilanstalt Winnental eingeliefert. Ein Jude, schizophren und arbeitsunfähig. 1940 ist dies das sichere Todesurteil – das Euthanasieprogramm der Nazis in Grafeneck  auf der Schwäbischen Alb ist angelaufen. Ihm fallen über 10 000 Menschen zum Opfer.

Seine Mutter Eugenie, die bei Alfreds Bruder in den USA lebt, erfährt vom Tod des Sohnes und schreibt an die Klinikleitung, bittet um einen Bericht über die letzten Tage ihres Kindes und dankt Ärzten und Pflegern für ihre Mühen. Sie bekommt keine Auskunft, ihr späterer Antrag auf Wiedergutmachung wird abgelehnt, ihr Gnadengesuch nicht einmal beantwortet. Sie stirbt 1959 im Alter von 93 Jahren in ärmlichen Verhältnissen.

Der Mann, der diese Geschichte in wohlgesetzten Sätzen erzählt, ist Rainer Redies, Psychologe, Lektor, Autor einiger historischer Bücher, Triebfeder der Cannstatter Stolpersteininitiative und einer der Stuttgarter „Anstifter“. Er hat seine eigene Geschichte, die auch die Geschichte seines Vaters ist. Ein Arzt, dessen Rolle in der Nazi-Zeit am Cannstatter Krankenhaus in der Festschrift zum 100jährigen Jubiläum diskret ausgeblendet worden ist.

Solche Lücken in der Erinnerung treiben Redies an.  97 Stolpersteine für NS-Opfer werden es am Ende in Bad Cannstatt sein. Alfred Neu erhält seinen am 30. April.

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5 Gedanken zu “Eine deutsche Biographie

  1. Ich denke sofort an diesen großartigen Dokumentarfilm, der vor ein paar Tagen auf arte gezeigt wurde. „Pizza in Auschwitz“ von Moshe Zimerman.

    Hier ist ein Ausschnitt von 9 Minuten zu sehen, der zu den eindrucksvollsten unter so vielen eindrucksvollen Szenen des Films zählt – und der zeigt, was es für ein Gewäsch ist, wenn hierorts Leute von „einen Schlussstrich ziehen“ reden. Denn der Holocaust hat auch das ganze Leben der Opferkinder geprägt, die heute gerade 40 Jahre alt sind und so setzen sich wiederum in ihrem Umgang mit ihren Kindern diese Spuren weiter fort:

    http://bjff.bside.com/2009/films/pizzainauschwitz_bjff2009;jsessionid=18FFE7DE9EA472728F44A03A82991FE3

    1. Wow! Was für eine eindrucksvolle Szene!
      Ich nehme übrigens an du meinst, die Enkel, die heute 40 Jahre alt sind, aber egal. Fakt ist – und da bin ich ganz bei dir – solange die Nachkommen der Opfer des Holocaust die Auswirkungen dieser Tragödie verspüren, hat niemand ein Recht darauf die „Schwamm drüber“ Karte zu ziehen.

      1. „Enkel“ wäre in der Tat eigentlich eher zu erwarten. Aber es sind tatsächlich Danny Chanochs Kinder, die da mit ihm reisen und Anfang 40 sind. Er ist ja als Kind ins KZ verschleppt worden – fast der Jahrgang meines Vaters – und der seiner Kinder in etwa der meine. Es ist noch näher an uns, als es uns manchmal vorkommt.

      2. Stimmt, habs mir jetzt nochmal angesehen. Das war ja tatsächlich die Tochter! In meinem Kopf ist es iwie ausschließlich die Groß- und Urgroßelterngeneration, die das miterlebt hat (und nun langsam aber sicher ausstirbt)

  2. Danke, dass du die Geschichte weiterträgst. Solche Erzählungen sollen nicht vergessen werden, zumindest das können wir für sie noch tun.

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