Street life (1)

DER ABSCHIED

Ich bin umgezogen. Nach über acht Jahren habe ich meine Wohnung und meine alte Straße verlassen.

Es ist mir leicht gemacht worden. Irgendwann war die Miete für meine wunderschöne Wolkenwohnung  ( 5. und 6. Stock unterm Dach, Terrasse mit Frühstücksblick zur Grabkapelle auf dem Rotenberg, Abendterrasse mit Blick zum Fernsehturm)  zu teuer geworden, die Wohnung für mich auch irgendwie überdimensioniert.  Irgendwann war es auch nicht mehr auszuhalten, in einer sterbenden Straße zu leben.

Eine Straße, in der es früher einen Metzger, einen Bäcker, viele kleine, alteingesessene Handwerksbetriebe  und sogar zwei Fitness-Studios gab es. Eines für den normalen „Workouter“, eines  im Hinterhof für Muskelpakete. Am Tresen wurden einschlägige Multivitaminpräparate verkauft, unter der Ladentheke Dopingmittel. Heute ist noch eine Fabrik für Küchenwaagen in der Straße übrig geblieben.

Und das „Karlseck“, die Eckkneipe, die als „Russenkneipe“ bezeichnet wird –  ein Treffpunkt für Automatenzocker, Dart-Spieler und Fußballfans. Ich bin da gerne und öfters hingegangen, in dieses Eckhaus mit der kaum beachteten schönen Fassade und der lustigen Fratze über der Eingangstür, die Auswärtsspiele des VfB Stuttgart im Bezahlfernsehen angucken. Sie waren immer ziemlich lautstark, die Fußballfans und die dicke Wirtin aus Griechenland.

Die Straße überaltert, es bleibt, wer bleiben muss. Daran ändert auch der Wohnklotz mit etwa 20 Wohnungen nichts, der auf dem Gelände eines renommierten Fachgeschäfts für Baby-Bedarf hochgezogen worden ist. Und wohl auch das Stadtarchiv nichts, das in einer Querstraße in einer ehemaligen Backstein-Fabrik entsteht. Das wäre ein Gebäude für attraktives Wohnen gewesen, für junge Familien, für Kreativlinge. Einmal hat in der Fabrik die Ausstellung der Absolventen der Kunstakademie stattgefunden. Nach sechs Wochen war der kreative Spuk wieder vorbei.

Der Umzug ist mir auch schwer gefallen. Einige Menschen werde ich schon vermissen. Nette Nachbarn, mit denen ich zwar keinen innigen Kontakt gepflegt, an die ich mich aber gewöhnt hatte, deren Macken ich kannte und sie die meinen.

 

Was wird aus ihnen, aus der Straße werden? Auf dem Gelände nebenan, dem ehemaligen Güterbahnhof von Bad Cannstatt, soll ein neues Wohngebiet entstehen, ökologisch mustergültig, aber auch mit drei neuen Hotels, die hier niemand braucht. Eine für Stuttgart typische planerische Konzeptlosigkeit – erst hochfliegende Pläne .. dann eine mausgraue Realität, weil die Investoren nur auf Profit achten, weil die Stadtverwaltung eine unglaubliche Nähe zu diesen Investoren pflegt, weil der Architektenwettbewerb mal wieder kleinkarierte 0815 – Bebauung vorsieht (garantiert postmodern), aber keinen kühnen Entwurf hervorbringt. Wieder eine vergebene Chance. Die wievielte eigentlich ?

Advertisements

9 Gedanken zu “Street life (1)

  1. dann mal willkommen in der neuen wohnung, wo auch immer sie sein mag. ich hoffe, wieder in einem alten viertel.

    deine ehemalige ecke kenne ich leider kaum, obwohl ich doch ziemlich in der nähe wohne. nur eine fototour in die pinkfarbene umgebung gabs mal http://www.flickr.com/search/?s=int&ss=1&w=96262472%40N00&q=cannstatt&m=text

    zu den sätzen über planung in stuttgart sage ich nur: ja. genau so ist es.

    das spiegelbild ist klasse!!
    gruss, tine

    1. Lieber Vilmos,

      den Wienern geht es wie den Berlinern. Die würden sich für einen weiteren Schwaben schön bedanken…Obwohl, ich kenn da eine, die würde sich doch freuen !

      Die neue Umgebung folgt demnächst, wenn ich wirklich wieder richtig online bin.

  2. Gott, wie deprimierend. Und das Schlimme ist, dass sich das Tag für Tag in vielen Städten genau so wiederholt.
    Ich hoffe, es gibt bald einen stimmungsmäßig entgegengesetzten Bericht über den neuen Wohnort.

      1. Ja, selbstverständlich. Ich finde, Neubausiedlungen sind zu 95% der pure Terror – architekturmäßig, sozialkontrollmäßig, lebensplanentwurfsmäßig – einfach durchweg mindestens mäßig, wenn nicht noch ärger. Was Du über die Vorstadt geschrieben hast, ist die allmähliche Vernichtung des Gedächtnisses dieses Orts – das ist schon schlimm. Aber diese Neubausiedlungen mit geradezu faschistischer Bodenversiegelung haben erst gar keins – und ich behaupte – sie können auch keines entwickeln.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s