UFO im Anflug

Stuttgart 21: Grüne Visitenkarte.... (dpa-Foto)

... oder Buckelpiste...

... oder Kellerloch ? (c) IAO

Ich will auswärtige Leser nicht ständig mit Berichten über den politischen Streit um „Stuttgart 21“ langweilen. Deshalb sollten wir heute den Blick von der hitzigen Debatte, die derzeit die schwäbische Hauptstadt spaltet, zu dem lenken, was da auf uns zukommt. Reden wir mal über Architektur – damals und morgen.

(c) baunetz.de

Ob der Bonatzbau von 1914 – 1928  nun zum Weltkulturerbe taugt, ist noch nicht entschieden. Der Erbe von Paul Bonatz hat jedenfalls angekündigt, in seiner Klage gegen die Bahn nicht auf eine einstweilige Verfügung zu bestehen. Kein Wunder bei einem angedrohten Schadensersatz von etwa 200 Millionen Euro. Bahnchef Grube zeigt die Folterinstrumente. Nun scheint die Verstümmelung des Bonatz-Bahnhofs, der Abriss der Seitenflügel,  unaufhaltsam. Ich persönlich mag die alte Kiste, man hätte das Fossil als Besitzer  in den vergangenen Jahren nicht ganz so verrotten und verummeln  lassen müssen. Aber damit wurden vorsorglich Fakten geschaffen.

Was kommt?  Der  Entwurf des Düsseldorfer Architekten Christoph Ingenhoven  hat vor zwölf Jahren den Wettbewerb gewonnen. Seitdem schwirren immer wieder dieselben Animationen durch die örtliche Presse. Diese Animationen machen auch durchaus Appetit, wenn sie den persönlichen Geschmack  treffen und der Wirklichkeit entsprechen würden. Anhand der vorhandenen Planung hat jetzt eine Gruppe angehender Architekten der Uni Stuttgart  einen Gegenentwurf animiert. Bei einer Raumhöhe von nicht mal fünf Metern an einzelnen Stellen wirkt der Bahnhof eher wie eine  Trinkwasserkaverne.

Da kann man den Jubelreden vom „großen Wurf“, „dem Bahnhof für das 21. Jahrhundert“ nicht mehr ganz folgen. „Die großen Lichtaugen schaffen in der unterirdischen Bahnhofshalle eine helle, angenehme Atmosphäre. Über der Bahnhofshalle entsteht ein großer, klar konturierter Platz, der Straßburger Platz, der in die Parklandschaft des Schloßgartens integriert ist“ – so steht es auf der Propaganda-Homepage von S21.

Bis auf die Feuilleton – Redakteurin Amber Sayah und den Stadtflaneur Jo Bauer hat sich die Stuttgarter Journaille bisher noch nicht aus der Deckung gewagt. Andere Redakteure sind da schon radikaler in ihrem Urteil. ZEIT, Frankfurter Rundschau, Welt und Süddeutsche Zeitung  sprechen von monumentalen Größenwahn der Bahn und von der Lächerlichkeit eines gelandeten UFOs. Gerhard Stadelmaier von der FAZ, früher selbst Redakteur in Stuttgart, bezeichnet die Planer von S 21 als „Grasdackel“ – ein ziemlich böses Schimpfwort im Schwäbischen. Und in der  New York Times spricht Nicolai Ouroussoff von “ Fassadenwahn“.  Der neue Bahnhof zeuge von gefühlloser Respektlosigkeit für die architektonische Geschichte. Der Umbau  massakriere eine Kathedrale der europäischen Verkehrsinfrastruktur. Zack, das sitzt.

Das Bild von Stuttgart wird sich mit Stuttgart 21 ändern. Wenn ich darauf schaue, was in den vergangenen Jahren hier hochgezogen wurde, dann schwant mir Böses. Postmodernistische Gleichförmigkeit wohin man schaut, die übliche gesichtslose Chose mit viel Glas, viel Marmor oder Granit – aber ohne Leben. „Das neue Herz Europas“ schlägt eiskalt.

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Ein Gedanke zu “UFO im Anflug

  1. Was, erst 12 Jahre alt der Entwurf? Ich dachte, der sei mindestens 40 Jahre alt, erinnert mich irgendwie an den Unterwassertanzsaal, in dem Eva Pflug und Dietmar Schönherr in der Serie Raumpatrouille eigenartige Körperbewegungen machen, nachdem sie einen intergalaktischen Donnergurgler (huch, anderes Universum) an der Bar genommen hatten.

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