„The War“ – jenseits von Guido Knopp

Professor Guido Knopp vom ZDF hat seine Verdienste. Mit seinen Dokureihen  hat er sicherlich viele für historische Themen interessiert, die davor für Zeitgeschichte nicht oder kaum empfänglich waren. Der vielfach preisgekrönte Dokumentarfilmer und Vielschreiber ist aber seiner Eitelkeit und dem Rausch des TV- Erfolgs, der guten  Einschaltquoten und der verkauften Bücher erlegen. Zuletzt waren seine „Histotainment“ – Ausflüge in die NS-Zeit nur noch banal, oberflächlich und ärgerlich, seine filmische Ästhetik fast beängstigend und demagogisch, der Duktus der Kommentare platt, berechenbar und bagatellisierend.

(c) Florentine Films

Gestern Abend ist bei „arte“ eine Dokureihe über den zweiten Weltkrieg zu Ende gegangen, die mir an manchen Stellen fast den Atem geraubt hat: „The War“, die 14teilige Dokumentation des US-Amerikaners Ken Burns. Burns verzichtet im Gegensatz zu Knopp auf aufwendige Inszenierungen, künstlerisch übergagte O-Töne, auf „re-enactment“, das Nachspielen historischer Szenen. Das stärkste Stilmittel von Burns sind Schwarz-Weiß-Bilder, schonungslos brutale Dokumente des Grauens, in einer Langsamkeit abgefilmt, die körperlich fast weh tut.

Burns hat einen ungewöhnlichen Erzählansatz gefunden. Er hat sich vier Kleinstädte in den USA ausgesucht und erzählt den Krieg aus der Sicht ihrer Bewohner. Aus der Sicht der Soldaten, aus der Sicht der Daheimgebliebenen – Tagebuchaufzeichnungen, Feldpostbriefe, bewegende O-Töne, unveröffentlichtes Filmmaterial.  Erinnerung als Therapie für amerikanische Durchschnittsbürger, die eine beeindruckend deutliche Sprache sprechen und in der Rückschau zu einer gnadenelos ehrlichen Analyse finden.

Knopp hat viele seine Filme auf den Kern „Hitler hat alle verführt“ reduziert, die Deutschen wurden viel zu oft als Opfer vorgeführt. Burns macht damit Schluss. In einer sehr eindrücklichen Szene erinnert sich ein US-Soldat an die Befreiung des KZ Mauthausen bei Linz. Die Bewohner der Gemeinde hatten erklärt, nichts von den Gräueln gewußt zu haben. Das ist gelogen, alles gelogen. Hier riecht man den Tod, sagte er sinngemäß. Das deckt sich mit den Erzählungen von Johann Freudenthaler,den Jou und ich dort kennengelernt haben.

In der deutschen Synchronisation ist Udo Wachtveitl als Erzähler zu hören. 14 Stunden dauert diese Dokumentation, jede Minute ist sehenswert. Wer „The War“ verpasst hat, kann Teile der Doku noch auf der „arte“ – Videothek + 7 leider nur für kurze Zeit anschauen.

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4 Gedanken zu “„The War“ – jenseits von Guido Knopp

  1. Leider konnte ich nur mehr die letzten 2 Folgen auf der Arte Videothek sehen. Muss mal nachforschen, wo man die Doku noch finden kann …
    Aber schon jetzt: Danke für den Tipp!

  2. Was Knopp grundsätzlich an Gutem geschaffen hat, hat er mit seiner furchtbaren Verquickung von – ach, was soll ich wiederholen, was Du schon treffend genug geschrieben hast. Es ist tragisch, man kann diese Filme selbst bei stärkstem Interesse für die Sache nicht ertragen…

    1. Hi Thomas,

      … und ich war in meiner Beurteilung noch ziemlich zurückhaltend.

      Kennst Du eigentlich deinen Namensvetter Thomas Hoeth aus Stuttgart, der auch Krimis schreibt ? Ich werd mal meine Nase in deine Werke stecken.

      Schönen Gruß aus Stuccitown

      1. Hallo Wassily,

        nein, kannte ich bisher nicht, erst durch Dein Blog. Witzig, diese Namensähnlichkeit – und dann kümmert er sich noch um das Thema RAF, dem ich in einem früheren Leben mal neun literaturwissenschaftliche Jahre geopfert habe.

        Danke übrigens auch für die Vorstellung des „Fleck & Schneck“ – meine Stuttgart-Studijob-Zeiten sind zwar lange vorbei, aber wenn ich lesungsmäßig mal wieder hinkommen sollte, geh ich bestimmt hin.

        Viele Grüße
        Thomas

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