Die gespaltene Stadt

Wenn Stuttgarter auf die Straße gehen, muß es sich um etwas Besonderes handeln. In dieser Woche wird die Entscheidung über den Hauptbahnhof fallen. Es sieht ganz danach aus, dass sich Bahn, Land und Stadt für Stuttgart 21 entscheiden werden. Die geschätzen Kosten alleine für den Tiefbahnhof liegen inzwischen schöngerechnet bei knapp 5 Milliarden €, noch vor einem Jahr war von maximal 3 Milliarden die Rede. Noch gar nicht exakt kalkulierbar ist das eigentlich wichtige und sinnvolle Stück von S 21 , die Schnellbahntrasse über die Schwäbische Alb nach Ulm; sie ist in Teilen noch nicht mal planfestgestellt. Dennoch soll es am Donnerstag einen Abschluß geben, der dann vertraglich unumkehrbar sein wird. Um fast jeden Preis. So haben es die Verfechter von Stuttgart 21, die eine zugesagte Bürgergefragung aus formaljuristischen Gründen ablehnten , verabredet. Die ursprünglichen Pläne werden durchgepeitscht, Alternativen hat mal nicht mal untersucht, Gutachten wie etwa des Bundesrechnungshof irgnoriert man.

Im strömenden Regen haben sich am Abend etwa 2 5oo Bürger Stuttgarts am Nordeingang des denkmalgeschützten Hauptbahnhofs versammelt. Eine ungewöhnliche Montagsdemo, die vor einigen Wochen mit vier Teilnehmern ihren Anfang genommen hat. Dabei einige örtliche Prominente wie der Schauspieler Walter Sittler (der sich angenehm im Hintergrund gehalten hat) oder Professor Roland Ostertag, der deutschlandweit renommierte Architekt  – vor allem aber viele besorgte Normalos. Sie haben Angst davor, dass sich „ihr Städtle“ brutal verändern wird, dass Stuttgart seine Seele verliert, wenn der unterirdische Betonsarkophag kommt, dessen Nutzen umstritten ist und dem Teile des Bonatzbaus zum Opfer fallen werden.

Ich habe mich mit einem älteren Ehepaar unterhalten. Sie haben zweimal die Zerstörung der Stadt miterleben müssen: durch die alliierten Bomber im Krieg und dann durch die Abbruchhysterie der 50er und 60er  Jahre. Ein drittes Mal wollen sie dies verhindern, so lange sie können. Es war ergreifend, diese Menschen zu beobachten: Demonstrieren ist für sie etwas Fremdes, Ungewohntes – und bei aller Entschlossenheit haben sie sorgsam darauf geachtet, dass niemand in die Blumenbeete vor dem Bahnhof tritt.

Andere, jüngere Demonstranten, sorgen sich um ihre Zukunft und die ihrer Kinder. Schon jetzt muß die ehedem wohlhabende Stadt Stuttgart Sozial-, Bildungs- und Kulturprogramme zusammenstreichen, die Schulen gammeln vor sich hin, zwei Turnhallen und ein Schwimmbad sind wegen Einsturzgefahr geschlossen. Bei den letzten Gemeinderatswahlen im Frühjahr haben die S 21- Gegner, die Grünen und die Wählerinitiative SÖS, einen fulminanten Wahlsieg gefeiert. Verhindern werden sie Stuttgart 21 wohl  nicht können.

50 Meter entfernt, heute früh: es passt irgendwe ins Bild – eine Großrazzia von Staatsanwälten und Polizisten  bei der LBBW. Verdacht gegen mehrere ehemalige und noch aktive Manager – schwere Untreue. Die LBBW, die schon vor Jahren einen Teil des Viertels hinter dem Bahnhof mit bonzigen Prachtbauten entvölkert hat, hängt am Tropf von Sparkassen, Land und der Stadt. 5 Milliarden haben sie erst neulich in die Bank gepumpt,  die Stadt hat ihr Tafelsilber dafür hergegeben. Jetzt fehlen schon wieder über 600 Millionen.

In den Aufsichtsgremien der LBBW sitzen der Stuttgarter Oberbürgermeister Wolfgang Schuster und  Noch-Ministerpräsident Günther Oettinger. Beides sind glühende Verfechter von Stuttgart 21.

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4 Gedanken zu “Die gespaltene Stadt

  1. Ich habe einen Vorschlag für S21: Ihr lasst das mit S21 in Stuttgart und gebt ein Teil des gesparten Geldes den verarmten Berlinern für den Bau der hier fehlenden S21, dann braucht ihr uns auch keine S-Bahn-Züge mehr zu leihen. Immerhin bleibt der Name gleich, S21 wird gebaut und alle sind froh.

    1. … nein – etwas Vernunft wäre schon ausreichend, getreu dem alten schwäbischen Stoßseufzer: „Herr, schmeiß Hirn ra…“

      Wie zu erwarten, hat die Bahn die Kosten jetzt auf knapp über vier Milliarden schöngerechnet. Also wird auch gebaut. Punkt und Schluß.

      Manchmal beneide ich die Schweiz. Nicht wegen des unsäglichen Ausgangs mancher Volksabstimmungen, sondern alleine wegen der Möglichkeit dazu.

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