Das stille Wunder

IMG_0033„Um die bedeutende Vergangenheit treulich wieder zu schaffen, wird ein CD-ROM auf der Basilika realiziert. 200 Szenen, Texte, Bilder sind auf verschiedenen graphischen Innerseiten befragbar damit der Benutzer sich persoenlich einen neuen Schluessel es zum Lesen finden kann. “

 Wenn mit derartiger Wortgewalt für ein architektonisches Meisterwerk Reklame gemacht wird, dann gibt es nur zwei Möglichkeiten. Entweder die Verfasser sind doof – oder sie leben liebenswert verschnarcht irgendwo hinter den sieben Bergen. Ich entscheide mich für die zweite Variante, weil auch ich zwei Anläufe gebraucht habe, um dieses kleine Wunder am Wegesrand zu entdecken.

Aquileia ist heute  ein kleines, ruhiges Kuhnest mit knapp 4 000 Einwohnern. Es geht gemütlich zu in diesem kleinen Ort, das Eis in der kleinen Gelateria ist gut und billig, im Souvenirladen gibt es neben Mitbringseln mit dem Charme der 60er Jahre auch Dinge für den täglichen Bedarf. Ab und zu kommt ein Bus vorgefahren und spuckt eine Reisegruppe aus. Typ: deutsche Studienrätin im Ruhestand mit Freundinnen.

Vor über 2000 Jahren war Aquileia eine der  ersten Adressen am Mittelmeer – mächtiges Handelszentrum, bedeutende Wirtschaftsmetropole, Bischofssitz. Kurz: eine  Macht, eine Großstadt, als La serenissima noch auf keiner Landkarte eine Rolle spielte.

Bei meinem ersten Besuch in der Region Friaul-Julisch Venetien (was für eine scheußliche Bezeichnung für solch eine schöne Gegend) bin ich noch achtlos an den Schätzen Aquileias vorbeigefahren. Nach all den alten Steinen zuvor sollte es schnell ans Meer gehen. Heuer hab ich mir das Meer gespart und einen Mittag im beschaulichen Aquileia verbracht.

IMG_0034 Ich will jetzt gar nicht die kunsthistorische Bedeutung der römischen Ausgrabungen oder die kirchengeschichtliche Einzigartigkeit  der Basilika herunterbeten, das können andere überzeugender und profunder. Ich will jetzt mal eine Lanze für den italienischen Denkmalschutz brechen. Jawoll ! – den gibt es tatsächlich. Wahrlich nicht überall – aber in Aquileia ganz vorbildlich.

Die wunderbare Basilika ist ganz köstlich restauriert, die Umgebung des Kirchenviertels wird schonend und sehr dosiert neu gestaltet, hinter der Kirche ein beeindruckender Friedhof, drumrum auf den Wiesen liegen die römischen Säulen wie zufällig verstreut herum.

Der Kracher aber ist der über 700 Quadratmeter große Mosaikboden in der Basilika – und die Art und Weise, wie die italienischen Denkmalschützer diese Kostbarkeit neuerdings zugänglich gemacht haben. Man durchschreitet das wuchtige Kirchenportal und schwebt sozusagen über dem Mosik hinweg, auf Glasstegen, die von oben herab an Stahlträgern gehängt sind. So kann man nicht nur die komplette Basilika durchwandern,  anschließend die zarten Fresken in der Krypta bewundern, sondern auch, wie durch ein Labyrinth, unter dem Campanile hindurch, die gesamten unterirdischen Anlagen Aquileias besichtigen.

Die Basilika von Aquileia ist UNESCO – Weltkulturerbe. Ich hoffe nicht, dass sich die Denkmalschützer mit ihrer feinen  und zurückhaltenden Arbeit ein Eigentor geschossen haben und künftig ein Bus nach dem anderen in das kleine Örtchen einfällt. Den Charme von Aquiliea macht diese  Ruhe aus , die den bemerkenswerten Komplex (noch) umwabert.

aquileiaglas

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2 Gedanken zu “Das stille Wunder

  1. Nächstes Mal also auch Stopp in Aquileia, isch schwör!

    Das mit den gläsernen Fußboden habe ich zum ersten Mal im Dom von Bitonto gesehen, dort wurde der gesamte Raum unter der Kirche (und auch neben der Kirche) ausgehoben und in ein einziges archäologisches Museum verwandelt, das den Blick auf mehrere Unterkirchen und Siedlungskerne bis zurück in die römische Zeit ermöglicht. Auch dort schaut man durch das Glas auf ein großes Mosaik, den Grifone aus dem 5./6. Jahrhundert.

  2. Schöner Beitrag. Die sieben Zwerge bräuchten wohl eine ordentliche Übersetzung ins Deutsche. Was heißt „… wird ein CD-ROM auf der Basilika realiziert…“? Aquiliea werde ich besuchen. Garantiert. Aber still und leise.

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