Die lila Spur der Erinnerung

 

Grafenecker Allee - der Anfang
Grafenecker Allee

Der Herbst, so wie wir ihn gerade haben, ist unbestreitbar die schönste Jahreszeit für einen Spaziergang auf der schwäbischen Alb. Der Himmel gestochen blau, die Wälder mit den tollsten Farbkapriolen, unter den Füßen raschelt das bunte Kastanienlaub. Eine bizarr-schöne Kulisse.

Am Ende dieser Allee aber haben die Nazis Ende 1939 ihre Experimente im massenhaften Töten begonnen und mit  gnadenloser Perfektion durchzogen. Dem Programm mit dem brutal scheußlichen und kurzen Namen „T 4“ fielen etwa 10 800 behinderte Menschen zum Opfer. Sie wurden innerhalb weniger Monate auf der Schwäbischen Alb wie Versuchskaninchen vergast,verbrannt und dann verscharrt. Ein Experiment für den millionenfachen Mord an den Juden, der erst darauf noch folgen sollte.

IMG_0003Im Oktober 2009 wird an diese Schreckensmonate auf der Alb erinnert – mit der lila Spur der Erinnerung. Eine spektakuläre und symbolträchtige Aktion, die von Grafeneck bis ins Zentrum  von Stuttgart reicht – auf den Karlsplatz. Dort steht das ehemalige „Hotel Silber“ , in der Nazi-Zeit Sitz der Geheimen Staatspolizei. Heute sitzt hier unter anderem eine Abteilung des baden-württembergischen Innenministeriums.

In Grafeneck (das liegt neben dem Landesgestüt Marbach im Kreis Reutlingen)  gibt es seit einigen Jahren ein Dokumentationszentrum, in Stuttgart tobt der Streit heftig, wie an die Verbrechen der Gestapo erinnert werden kann beziehungsweise muß. Im Keller des Hotels hatten die Gestapo-Schergen ihre Verhöre geführt, gefoltert und gemordert. Das „Hotel Silber“ steht vor dem Abriss, hier soll ein großkotziges Shopping-Center mit Luxushotel entstehen. Erst nach mächtigem Druck aus der Bevölkerung knickten Stadt und Bauherr wenigstens teilweise ein. Jetzt soll irgendwie ein „würdiger Gedenkraum“ gestaltet werden. Sehr seltsame Geschichte: nach dem Krieg wurde der Folterkeller komplett leergeräumt, jetzt wundert sich das Denkmalamt darüber, dass keine erhaltenswerten Spuren zu finden sind. Die Schicksale der Menschen, die hier zu Tode kamen, scheinen keine „erhaltenswerte Spur“ zu sein. 

Insofern ist es klug gewählt von den Initiatoren des „Gedankenstrichs“, das Abschlußfest auf dem Karlsplatz in Stuttgart zu veranstalten, direkt vor dem ehemaligen Gestapo-Hauptquartier. Entlang der 70 Kilometer langen Strecke gibt es viele Veranstaltungen, für die noch Spendengelder notwendig sind.

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Ein Gedanke zu “Die lila Spur der Erinnerung

  1. Aha, dann ist das Stuttgarter Hotel Silber also das Äquivalent zum Wiener Hotel Metropol am Morzinplatz. Bloß wurde das Gebäude durch Bombentreffer zerstört und an seiner Stelle entstand der potthässlivhe Leopold Figl Hof, in dem unter anderem Simon Wiesenthal wohnte und heute noch sein Dokumentationsarchiv beherbergt ist.
    Das Hotel Metropol war ein sehr schönes, herrschaftliches Gebäude. Es passiert zwar selten, aber in diesem Fall empfinde ich es als richtig, dass es dem Erdboden gleichgemacht wurde.

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