Wenn Orgeln Flügel kriegen

orgelsommer

Zugegeben: ich bin ziemlich unmusikalisch! Meine wenigen Gehversuche beschränken sich auf eine „HOHNER Melodica“ (die das Konzert der Flöten so störte, dass ich im Musikunterricht immer pausieren durfte) und auf eine Kuhle im elterlichen Küchentisch (die hatte ich bei meinen Trommelübungen für die Jugendkapelle in meiner Heimatstadt reingeübt, sehr zum Mißfallen meiner Mutter). Dermaßen unbeleckt also von den höheren Weihen des Musizierens, sind für mich gute Musiker eine echte Attraktion. Wenn ein sehr guter Musiker an einem sehr guten Instrument musiziert, dann ist das ein Wunderwerk für mich – wie beim Orgelsommer in der evangelischen Stadtkirche zu Bad Cannstatt.

Es passt ziemlich alles zusammen. Das Gotteshaus, die älteste erhaltene spätgotische Kirche in Stuttgart, erbaut Ende des 15. Jahrhunderts von  Aberlin Jörg d. Ä. mit einem Renaissance-Turm von Heinrich Schickhardt. Die Orgel: ein kleines Meisterwerk aus der Walcker-Manufaktur, vor zehn Jahren sehr aufwendig restauriert. Die Konzertreihe: sechs Sonntagabende im Sommer, viel Bach steht auf dem Programm, aber auch sämtliche Sinfonien von Louis Vierne. Eine echte Endteckungsreise zum Werk eines Mannes, der ein ungewöhnliches Leben führte.

Louis Vierne ist in Poitiers geboren, kommt mit einer starken Sehschwäche zur Welt, erblindet später fast ganz. Er ist früh fasziniert von den großen französischen Organisten, studiert am Pariser Konservatorium, wird 1900 zum Titularorganisten von Nortre Dame ernannt. Hier stirbt er übrigens auch 1937 – am Spieltisch seiner Orgel bei einem Konzert. Vierne hat – außergwöhnlich für die Orgel – sechs Sinfonien hinterlassen, die beim Cannstatter Orgelsommer von internationalen Größen aufgeführt werden.

orgel2Spannend ist es, sich einen Platz auf der Empore nahe des Spieltisches zu sichern. Man kann – ziemlich ergriffen vom ungewöhnlichen Werk Viernes – den zeitgenössischen Organisten bei der Arbeit zuschauen. Arbeit im Wortsinn: ob Gianluca  Libertucci, der Organist von St. Peter in Rom, oder Jörg-Hannes Hahn, sie schuften regelrecht am Spieltisch. Viernes Idee, eine orchestrale Sinfonie für die Orgel zu schreiben, verlangt ihnen alles ab, an den Pedalen und am Manual. Und die Orgel – das hört man aus der Nähe – schuftet ordentlich mit, ächzt und stöhnt, klippt und klappt.

Neben Vierne bringt jeder Organist noch eine kleine, unbekannte Kostbarkeit mit: Libertucci das heitere „Pièce héroique“ von Bossi, Hahn das düstere „Le banquet céleste“ von Messiaen. Ein Stück, das gut als Filmmusik für einen Grusler von David Lynch taugen würde – Angelo Badalamenti lässt grüßen.

Tipp: am 30. August spielt Michael Kapsner aus Weimer, am 6. September beschließt Michael Hoppe aus Aachen den Konzertsommer. Der Eintritt ist übrigens frei.

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5 Gedanken zu “Wenn Orgeln Flügel kriegen

  1. Mein Trauma war die Blockflöte! Aber man konnte in ihrem Korpus drei Overstolz ohne Filter vor Mutti verstecken… (C-Flöte)

    1. Die gute – hüstel – alte – röchel – OVERSTOLZ. Ich hab meine Paffer-Karriere erst mit „Gold-Dollar“ und dann mit „Reval“ begonnen. Die „Reval“ wurde damals noch im Badischen produziert und ist sogar literarisch verewigt:

      „Siehst du die Gräber dort in dem Tal,
      da liegen die Raucher von Re – val
      Siehst du die Gräber an anderen Orten
      dort liegen die Raucher von anderen Sorten.“

  2. Ach, das Klappern und Knattern alter Orgeln! Weil unserer Dorforgel in den tiefen Lagen gern die Luft ausging, habe ich einige Bach-Fugen mit asthmatischem Husten statt mit Baßlinie im Ohr. Ernsthafte Orgeln sind für mich ein Aha-Erlebnis — Dein Bericht klingt danach.

  3. Ich durfte manchmal an die Triangel, mein Traum wäre das Xylophon gewesen, jetzt ist es zum Trauma geworden und ich sing deshalb nur mit.

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