Der unbekannte Revolutionär

100_2214Fragt man die Menschen nach dem Bauernkrieg in Süddeutschland, dann fallen immer wieder folgende Namen: Thomas Müntzer, der Bauernjörg, Götz von Berlichingen, Florian Geyer, vielleicht noch Joos Fritz. Einer aber fehlt meistens auf dieser Liste: Sebastian Lotzer. Er hat in diesem Aufstand im frühen 16. Jahrhundert eine wirklich bedeutende Rolle gespielt – aber es gibt kein einziges Gemälde oder einen zeitgenössischen Stich von ihm.

Lotzers 12 Artikel
Lotzers 12 Artikel

Über Sebastian Lotzer sind nur sehr wenige biographische Fakten gesichert: er ist wahrscheinlich um 1490 geboren, im Städtchen Horb am Neckar, als Sohn des Kirchenpflegers der kleinen Stadt. Seine Brüder Jakob und Johannes machen als Geistlicher und Arzt Karriere, Sebastian besucht nur kurz die Universiät Tübingen, erlernt dann das Kürschnerhandwerk. Als Geselle macht er sich auf die Wanderschaft und landet in Memmingen. Dort heiratet er die Tochter eines angesehenen Krämers -und macht bald die Bekanntschaft des Predigers Schappeler, liest Luther und die ersten Schriften der aufständigen Bauernhaufen. Bekannter als der Verfasser sind die so genannten 12 Artikel der Bauernbewegung, die von Sebastian Lotzer im Frühjahr 1525  niedergeschrieben werden. Sie gelten unter Historikern als die erste Niederschrift von Menschen- und Freiheitsrechten in ganz Europa. Die 12 Artikel werden 28 mal aufgelegt, auch in anderen Teilen Deutschlands, in  Salzburg und Tirol. Sebastian Lotzer ist der Kanzler des Baltringer Haufens, also der Schreiber mehrerer Veröffentlichungen und der Briefe an die Obrigkeit. Der Schwäbische Bund weist die Briefe brüsk zurück und massakriert in einem gnadenlosen Feldzug unter der Führung des BauernJörg die aufständischen rechtlosen Landwirte. Etwa 100 000 süddeutsche Bauern fallen diesem brutalen Rachefeldzug zum Opfer – im Juli 1525 ist der kurze Traum der Freiheit ausgeträumt.

Sebastian Lotzer ist zu diesem Zeitpunkt längst verschwunden. Im April 1525 soll er in Memmingen verhaftet werden – er hat sich aber kurz zuvor mit Schappeler abgesetzt, vermutlich in die Schweiz nach St. Gallen. Es ist anzunehmen, dass sein einflußreicher Bruder Johannes von Heidelberg aus seine Beziehungen hat spielen lassen. Wie und wo Sebastian Lotzer nach der Flucht gelebt hat, wann er gestorben ist und wo sein Grab liegt, ist bis heute unbekannt.

Im Bauernkriegsmuseum in Böblingen – unweit davon wurde im Frühjahr 1525 eine der fürchterlichen Schlachten geschlagen – ist die Geschichte des Bauernaufstandes sehr anschaulich beschrieben, auch die 12 Artikel von Sebastian Lotzer sind dort nachzulesen.

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Sebastian Lotzers Heimatstadt Horb am Necker – auch meine Geburtsstadt –  hat sich mit dem Andenken an den großen Sohn lange schwer getan. Eine Initiative von uns Schülern, das städtische Gymnasium nach dem Verfasser der 12 Artikel zu benennen, wurde im Gemeinderat ziemlich barsch abgebürstet. Das Gymnasium trägt seit vielen Jahren ironischerweise den Namen eines Kirchenmannes: Fürstabt Martin Gerbert, ebenfalls ein Horber. Immerhin gibt es inzwischen einen Sebastian-Lotzer-Platz und seit zwei Jahren auch ein Denkmal. Ein Ausschnitt aus den 12 Artikeln ziert dieses Denkmal: “ Darum erfindt sich mit der geschryfft, das wir frey seyen und woellen sein“.

 

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5 Gedanken zu “Der unbekannte Revolutionär

  1. Gute Geschichte (und nötige Nachhilfe), danke.
    Was wohl die Deutschen geworden wären, wenn 1525 nicht die 100000 Aufständischen aus ihrem Genpool entfernt worden wären –?

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