Siggesmauchem – Eine jüdische Landgemeinde

Jüdischer Friedhof Rexingen

Jüdischer Friedhof Rexingen

Siggesmauchem ist hebräisch. Das Wort bedeutet „Laubhüttendorf“. Damit ist eine kleine Gemeinde am Rand des Schwarzwaldes gemeint: Rexingen, heute ein Stadtteil von Horb am Neckar, etwa 1 300 Einwohner. In Rexingen lebt heute kein einziger Bürger jüdischen Glaubens mehr. Vor 100 Jahren machten die Juden die Hälfte der Rexinger aus. Ich bin in Rexingen groß geworden – und neulich wieder zurückgekehrt.

100_1043 Komisches Gefühl, am großelterlichen Haus vorbei zu fahren, in dem ich die ersten fünfeinhalb Jahre meines Lebens verbracht habe. Eine einfache, fast ärmliche Jugend auf dem Land, sieben Personen in einem kleinen Häuschen, mit Enten- und Hühnerstall, Schweinen, Ziegen und einem Kälbchen im Keller, den Taubenschlag unterm Dach, ein Kinderzimmer für drei Jungs. Den Großvater hab ich nie kennengelernt, der Onkel ein versoffener Tunichtgut, der andere Onkel war in den ersten Monaten des Krieges irgendwo in Russland gefallen. Von ihm blieben Fotos, die einen schneidigen und gut aussehenden jungen Offizier zeigen. Die Großmutter und auch die Mutter haben es nie verwunden, dass ausgerechnet er gestorben ist. Er war für sie die Hoffnung auf ein besseres Leben gewesen. Mein Vater ist wahrscheinlich auch an dieser Konstellation innerlich zerbrochen: ausgerechnet er, der als Soldat den gesamten Krieg und vier Jahre Gefangenschaft durchgemacht hatte, war in den Augen der beiden Frauen nie ein „richtiger Mann“ gewesen.

100_1018 Oberhalb des kleinen Hauses, in einem schönen Buchenwald, liegt bis heute der jüdische Friedhof von Rexingen. Man marschiert einen Waldweg hoch, vorbei an den Kellern, in denen früher die örtlichen Gaststätten, die „Sonne“ und die „Traube“, ihr Bier lagerten. Auf dem Friedhof von Rexingen stehen annähernd 1000 Grabsteine. Das Eingangstor ist verschlossen, den Schlüssel muß man sich auf dem Rathaus abholen. Als Kind habe ich viel in diesem Wald gespielt – Verstecken, Räuber und Polizist. Auf der Streuobstwiese oberhalb des Friedhofs bin ich als Säugling im Korb gelegen, während die beiden Frauen das Obst aufsammelten.

Jahre später habe ich meine Mutter gefragt, wie das war, damals in den 20er und 30er Jahren, mit den jüdischen Bürgern, die zu dieser Zeit immer noch ein Drittel der Bevölkerung ausgemacht haben. Sie waren als „Schutzjuden“ unter der Patronage der Johanniter aus Polen nach Rexingen gekommen, hatten sich bald etabliert, waren in der Gemeinde aktiv, erst berühmt und geachtet dann gefürchtet und verleumdet als Händler. „S`waret ganz normale Leut. Mir sind mit denna auskomma. Da hats nix geba“, sagt die Mutter aus ihrer Erinnerung heraus. Bei der Reichstagswahl im März 1933 erzielen die Nazis gerade mal 16 Prozent der Stimmen. Man wählt noch das Zentrum. Erst der neue Bürgermeister, der seinen Vorgänger – einen „Judenfreund“ – zwangsablöst, bringt die rechte Gesinnung ins Dorf, lässt ein monumentales Hakenkreuzdenkmal hoch über dem Dorf bauen.

Sehr viel mehr erzählt Mutter nicht, auch später nicht. Nicht einmal, als sie Ende der 80er von einem Besuch aus Israel zurückkommt. Nach Palästina war eine Gruppe von etwa 100 Rexinger Juden 1938 rechtzeitig geflohen, hatte „Shavei Zion“ gegründet, lange Jahre eine der jüdischen Vorzeigesiedlungen in der Wüste von Palästina. Mutter war in einer der ersten Gruppen dabei, welche die wenigen Besuche der ehemaligen Rexinger erwidert hatte. Eine merkwürdige Reisegruppe: angeführt von einem Pfarrer besuchen und besichtigen jene, die damals nichts gewußt oder bemerkt haben wollen, ihre ehemaligen Nachbarn und Schulkameraden. Die ersten Begegnungen sind von Sprachlosigkeit und Beklemmung geprägt, beiderseits. Die noch lebenden Überlebenden in Shavei Zion werden für kurze Zeit zu Medienstars. Fernsehteams sind bei den Besuchen in Israel dabei. Dass jeder Dritte der Rexinger Juden in den Konzentrationslagern umgebracht wurde, ist dabei nur eine Randnotiz wert.

100_1020Erst 50 Jahre nach Kriegsende gründet sich in Rexingen endlich ein Verein, der die Geschichte der Juden von Siggesmauchem aufarbeitet. Die Hälfte der Gräber auf dem Friedhof wird sehr detaillreich dokumentiert, die Jahrhunderte alte Geschichte der Rexinger Juden erforscht und niedergeschrieben. Im vergangenen Jahr wird in der ehemaligen Synagoge von Rexingen eine Ausstellung über die die Rexinger Juden gezeigt, die dann auch nach Shavei Zion, Jerusalem und Berlin gegangen ist. Zur Eröffnung der Ausstellung sind 70 Jahre nach der Flucht auch Kinder und Enkel der Rexinger Juden zum ersten Mal in den Schwarzwald gekommen. Es soll so etwas wie der Anfang einer späten Wiederannäherung gewesen sein.

Mit fünfeinhalb Jahren bin ich aus Rexingen weggezogen. Mein Besuch war heuer nur ein kurzer Abstecher, eine kurze Annäherung. Irgendwie war auch bei mir so etwas wie Beklemmung zu spüren. Ich will demnächst wieder hinfahren. Die Geschichte der Rexinger Juden ist auch ein Teil meiner Familiengeschichte. (Fotos:JPO)

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7 Gedanken zu “Siggesmauchem – Eine jüdische Landgemeinde

  1. Ja wirklich sehr beeindruckend geschrieben. Die Geschichte der Rexinger Juden hat auch mich immer sehr interessiert, nicht zuletzt deshalb weil ich in diesem Dorf aufgewachsen bin und heute noch dort lebe. Meine Eltern, Großeltern und andere Verwandte haben das Thema Juden ebenfalls totgeschwiegen. Noch was: Der Paule hat vielleicht gesoffen, aber er war trotzdem ein guter Mensch.

  2. Sehr berührend… über Verdrängung und Schweigen habe ich in den letzten Wochen sehr viel erfahren müssen… Gänsehaut…

  3. Man traut sich ja garnicht viel dazu sagen. Sehr persönliche Geschichte …
    Nur soviel: Ich kann die doch seltsam anmutenden Zusammentreffen nur so nachvollziehen, dass das Verdrängen nicht nur ein einseitiges Phänomen ist. Der Wunsch zu Vergessen ist bei Tätern bzw. den Helfern der Täter wie Opfern und deren Angehörigen wohl gleich hoch. Ist es eine seltsame Form der Wiedergutmachung zumindest einen Teil der guten Erinnerungen an die Heimat in die Ferne zu bringen? Na ja – alles nur Spekulationen…
    Aber eines ist sicher: Die Geschichte bleibt an uns haften, egal ob wir sie miterlebt haben oder nicht. Und das ist wahrscheinlich garnicht so schlecht.

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