Vom Umgang mit einem Juwel

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Kann es was Schöneres geben: blühende Fliederbäume in zugewucherten, verwilderten Gärten. Wilder Wein, der an historischen Mauern rankt, lustig-bunte Wäscheleinen in architektonisch wertvollen Innenhöfen. Alltagsleben im Baudenkmal – zauberhaft !

Soweit die romantische Version.

Ticken die noch richtig ? Lassen ein Kulturdenkmal verkommen, kümmern sich einen feuchten Dreck um ein weltweit einzigartiges Architektur- Ensemble. Der Putz blättert, viele Fenster glotzen blind in die Landschaft, das Holz porös, der Lack ist ab.In einem Reihenhaus wohnt keine Menschenseeele mehr, verständlich.

Soweit die Version an einem sonnigen Tag Anfang Mai 2009.

100_1400 Es scheint, die Werkbundsiedlung in Wien stand von Anfang an unter einem schlechten Stern. Dabei sollte die experimentelle Wohnanlage zumindest dem großen Vorbild – der Stuttgarter Weißenhofsiedlung von 1926/27 – ebenbürtig sein. Stuttgart bemüht sich mit seinen wenigen vom Krieg verschonten Häusern in den Katalog des Weltkulturerbes – Wien lässt die Wohnanlage im 13. Bezirk achtlos verrotten. Welch ein Jammer für diese einzigartige, fast komplett erhaltene Anlage von 70 Häusern zwischen Veitinger- und Jagdschloßgasse.

Ursprünglich sollte die Anlage an der Triester Straße entstehen, war bereits fertig geplant von den 32 Architekten, darunter Adolf Loos, Josef Frank und Oskar Strnad. Konzipiert war eine interessante und lockere Gartenhaussiedlung, die in bewußter Konkurrenz und als Alternative zu den großen „Wohnmaschinen“ in der Stadt stehen sollte. Dann wurde plötzlich das Baukonzept verändert – und schließlich landete die Werkbundsiedlung auf einem abschüssigen Gelände irgendwo draußen in der Pampa, in Lainz. Wegen der schwierigen Boden- und Grundwasserverhältnisse mußte nochmals komplett umgeplant werden. Am Ende bleiben von den hochfliegenden Plänen der avangardistischen österreichischen Architekten nur noch wenige Fragmente übrig.

100_1398Trotzdem:Im Herbst 1930 wurde mit dem Bau der Siedlung begonnen, bereits zwei Jahre später, im Juni 1932, konnte die Ausstellung „Internationale Werkbundsiedlung Wien “ eröffnet werden. 100 000 Menschen pilgerten innerhalb von acht Wochen in die Vorstadt, die internationale Fachpresse war sehr angetan. Etwa ein Drittel der Häuser wurde vom Fleck weg verkauft, den Rest übernahm die Stadt Wien als Mietobjekte.

Gegen Ende des zweiten Weltkrieges wurden einige (wenige) der Häuser zerstört, später nach Originalplänen oder leicht modifiziert wieder aufgebaut. Die gesamte Siedlung steht als Ensemble seit 1978 unter Denkmalschutz. Zum 50-jährigen Jubiläums beschloß die Gemeinde Wien 1982 die Renovierung.“ Bei dieser Gelegenheit wurden viele kleine Veränderungen, die von Mietern vorgenommen worden waren, soweit wie möglich rückgängig gemacht und der ursprüngliche äußere Gesamteindruck der Siedlung, die sich lange Zeit in einem ziemlich desolaten Zustand befand, wiederhergestellt“, heißt es in der Chronik der Siedlung.

Das ist ein Vierteljahrhundert her. Seitdem ist nichts mehr passiert. Das ehemalige Trafohäuschen, in dem eine kleine Ausstellung die Baugeschichte dokumentiert, ist verschlossen, sieht aus wie eine Bushaltestelle, an der seit Jahren kein Bus mehr gehalten hat. Ein Trauerspiel.

„Erst seit kurzem scheint man wieder auf diese hervorragenden Beispiele phantasievoller, ökonomischer und im guten Sinn bescheidener Architektur zurückgreifen zu wollen. Man erkennt die geglückte Synthese von einem Minimum an Raumaufwand und dem Optimum an Wohnlichkeit, letztlich aber auch von ausgeprägtem Individualismus und Gemeinschaft“, ist in einer Dokumentation über die Werkbundsiedlung zu lesen.

Ja, das wäre schön… und dringend nötig.

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6 Gedanken zu “Vom Umgang mit einem Juwel

  1. Kaum zu glauben, aber wahr: grade lese ich zu meiner großen Freude im ORF, dass die Wiener Werkbundsiedlung im 13. nun doch saniert wird. 10 Millionen sollen in die sehr schöne aber auch derangierte Siedlung investiert werden. Bravo !

  2. Stimmt schon, die Bausubstanz sieht arg angegriffen aus, da wirds höchste Zeit mal was zu tun. Aber menno, man kann sich ja nicht um alle Baujuwele auf einmal kümmern, wo wir doch erstmal kräftig alle Bahnhöfe niederreissen müssen ;o)

      1. Na ja, über das „schön“ lässt sich sicher diskutieren. Den überragenden Nutzen der Aktion hab ich jedoch auch noch nicht erkennen können. Aber mei, manchmal sieht man vor lauter Baustellen halt den Bahnhof nicht mehr …

  3. na ja, soo lange ist es auch nicht her, dass die Weissenhofsiedlung saniert wurde. Auch mit Rückbau der ganzen Umbauten. Und das war damals auch höchst umstritten.

    1932 – da wurde in Stuttgart ja schon fast die Kochenhofsiedlung gebaut. Und die hat dann nichts mehr mit klassischer Moderne zu tun.

    Überhaupt ist das ein großes Problem der klassischen Moderne. Die Häuser altern einfach schlecht. Schau Dir ein Fachwerkhaus an, je krümmer und schiefer, desto romantischer.

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